Eier­wür­fe und Kat­zen­kot ge­gen Bür­ger­meis­ter

Im­mer mehr kom­mu­na­le Amts­trä­ger be­rich­ten von Dro­hun­gen und Über­grif­fen – auch weil sie hof­fen, dass da­durch die So­li­da­ri­tät der Bür­ger wächst

Meppener Tagespost - - EINBLICKE - Von An­ne-Bea­tri­ce Clas­mann

Die So­li­da­ri­täts­kund­ge­bung für den Bür­ger­meis­ter ist ein­drucks­voll: Ne­ben den vie­len Men­schen, die am Sams­tag in die In­nen­stadt von Kam­pLint­fort ge­kom­men sind, um dem SPD-Po­li­ti­ker Chris­toph Land­scheidt den Rü­cken zu stär­ken, wirkt die klei­ne Grup­pe rech­ter De­mons­tran­ten nicht sehr be­droh­lich. So­li­da­ri­täts­be­kun­dun­gen wie jetzt in der Stadt am Nie­der­rhein tun den Be­trof­fe­nen si­cher gut.

Doch im All­tag füh­len sich Bür­ger­meis­ter, die von ra­di­ka­len Het­zern und re­ni­ten­ten Bür­gern ein­ge­schüch­tert wer­den, trotz­dem oft al­lei­ne und aus­ge­lie­fert. Das ist der Grund, wes­halb Land­scheidt vor Ge­richt für die Er­tei­lung ei­nes gro­ßen Waf­fen­scheins strei­tet. Mit der Waf­fe will der von An­ge­hö­ri­gen der rech­ten Sze­ne be­droh­te Kom­mu­nal­po­li­ti­ker sich und sei­ne Fa­mi­lie vor mög­li­chen An­grif­fen schüt­zen.

In Aus­nah­me­fäl­len ist ei­ne sol­che Er­laub­nis für ge­fähr­de­te Men­schen ge­setz­lich mög­lich. Die Be­trof­fe­nen müs­sen al­ler­dings nicht nur glaub­haft ma­chen, dass ih­nen Ge­fahr droht, son­dern auch ih­re Zu­ver­läs­sig­keit do­ku­men­tie­ren und nach­wei­sen, dass sie mit der Waf­fe um­ge­hen kön­nen.

Für den Schutz von Kom­mu­nal­po­li­ti­kern sei­en aber wei­ter­hin in ers­ter Li­nie die Si­cher­heits­be­hör­den vor Ort zu­stän­dig, be­tont das Bun­des­in­nen­mi­nis­te­ri­um. „Ei­ne Ge­set­zes­än­de­rung in die­sem Be­reich hält die Bun­des­re­gie­rung für nicht er­for­der­lich“, sagt ein Spre­cher des Mi­nis­te­ri­ums.

Wo die Re­gie­rung al­ler­dings kla­ren Än­de­rungs­be­darf sieht, ist die Straf­bar­keit von Hass­bot­schaf­ten. Hier soll die Schwel­le künf­tig sin­ken: Wenn Kom­mu­nal­po­li­ti­ker Op­fer von üb­ler Nach­re­de oder Ver­leum­dung wer­den, soll dies ge­nau­so be­straft wer­den wie bei Lan­des­po­li­ti­kern und Bun­des­tags­ab­ge­ord­ne­ten.

Denn oft ist Het­ze im Netz die Vor­stu­fe zur Ge­walt. So war es auch im Fall des Kas­se­ler Re­gie­rungs­prä­si­den­ten Wal­ter Lüb­cke. Der CDUPo­li­ti­ker war im Ju­ni 2019 auf der Ter­ras­se sei­nes Hau­ses er­schos­sen wor­den. Als Haupt­ver­däch­ti­ger wur­de ein Mann mit Neo­na­zi-Ver­gan­gen­heit fest­ge­nom­men. Lüb­cke hat­te we­gen sei­nes En­ga­ge­ments für Flücht­lin­ge Droh­mails be­kom­men, war Hass im Netz aus­ge­setzt.

Die Dro­hun­gen in Kam­pLint­fort sind kein Ein­zel­fall. Erst En­de De­zem­ber war in der nie­der­säch­si­schen Ge­mein­de Estorf der SPD-Bür­ger­meis­ter Arnd Fo­cke zu­rück­ge­tre­ten. Er gab an, sein Au­to sei mit Ha­ken­kreu­zen ver­un­stal­tet wor­den. In sei­nem Brief­kas­ten sei­en Zet­tel mit der Auf­schrift „Wir ver­ga­sen dich wie die An­ti­fa“auf­ge­taucht.

Die „Süd­deut­sche Zei­tung“ver­öf­fent­lich­te an die­sem Wo­che­n­en­de ein In­ter­view mit der Bür­ger­meis­te­rin der schwä­bi­schen Ge­mein­de Kut­zen­hau­sen, Sil­via Ku­gel­mann, die we­gen zer­mür­ben­der An­fein­dun­gen nicht mehr kan­di­die­ren will. Ein­mal sei ein Na­gel in den Rei­fen ih­res Au­tos ge­drückt wor­den, ein an­de­res Mal ha­be je­mand ihr Au­to mit Kat­zen­kot be­schmiert. Die Bür­ger, die so et­was tun, sind nach ih­rer Er­fah­rung nicht im­mer ideo­lo­gie­ge­trie­ben.

Oft spre­chen die be­trof­fe­nen Bür­ger­meis­ter nicht öf­fent­lich über das Pro­blem. Auch wenn der Deut­sche Städ­te- und Ge­mein­de­bund for­dert, sie soll­ten Het­ze und Dro­hun­gen of­fen the­ma­ti­sie­ren, denn nur dann kön­ne sich die „schwei­gen­de Mehr­heit“hin­ter sie stel­len. Nach In­for­ma­tio­nen des Ver­ban­des wird in­zwi­schen je­der fünf­te Kom­mu­nal­po­li­ti­ker an­ge­fein­det.

Auch Bun­des­prä­si­dent Frank-Wal­ter St­ein­mei­er hat sich des The­mas an­ge­nom­men. Bei sei­nem Neu­jahrs­emp­fang sag­te er: „Wir müs­sen un­se­re Stim­me er­he­ben, wann im­mer Men­schen im öf­fent­li­chen Le­ben her­ab­ge­wür­digt, be­lei­digt oder be­spuckt wer­den.“St­ein­mei­er traf sich auch mit Barbara Lü­ke, die als par­tei­lo­se Bür­ger­meis­te­rin im säch­si­schen Puls­nitz stän­dig be­lei­digt und at­ta­ckiert wird – et­wa mit Eier­wür­fen auf ih­re Fens­ter­schei­be.

Fo­to: dpa/Ar­nulf Stof­fel

An der Sei­te ih­res Bür­ger­meis­ters: Meh­re­re Hun­dert Kamp-Lint­for­ter de­mons­trier­ten am Sams­tag für den be­droh­ten SPD-Po­li­ti­ker Chris­toph Land­scheidt.

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