„Tod den Lüg­nern“

Em­pö­rung bei Ira­nern über spä­tes Ge­ständ­nis der Re­gie­rung nach Flug­zeug-Ab­schuss

Meppener Tagespost - - POLITIK - Von Mar­tin Geh­len

TE­HE­RAN Die Fa­mi­li­en der Op­fer kön­nen es nicht fas­sen. Rund um den Glo­bus herrscht Em­pö­rung und un­gläu­bi­ges Kopf­schüt­teln über das Ver­hal­ten des Iran nach der Flug­zeug­ka­ta­stro­phe von Te­he­ran. Im Land selbst gin­gen am Wo­che­n­en­de in zahl­rei­chen Städ­ten die Men­schen auf die Stra­ße, auf­ge­bracht über die dreis­ten Ver­tu­schungs­ver­su­che und das spä­te Ge­ständ­nis der ei­ge­nen Füh­rung, dass die ukrai­ni­sche Bo­eing 737-800 durch ei­ne ira­ni­sche Ra­ke­te ge­trof­fen wur­de.

Drei Ta­ge lang hat­ten die Ver­ant­wort­li­chen al­les ab­ge­strit­ten und in gro­ßer Hast ver­sucht, die Ab­sturz­stel­le von den Spu­ren des Ge­schos­ses zu rei­ni­gen. Sams­tag früh kam dann die Wen­de – aus­ge­löst durch den wach­sen­den in­ter­na­tio­na­len Druck. Prä­si­dent Has­san Ro­ha­ni und Au­ßen­mi­nis­ter Mo­ham­med Dscha­wad Sa­rif er­klär­ten, die Re­vo­lu­ti­ons­gar­den hät­ten die Pas­sa­gier­ma­schi­ne kurz nach dem Start irr­tüm­lich an­ge­grif­fen. „Das ist ei­ne gro­ße Tra­gö­die und ein un­ver­zeih­li­cher Feh­ler“, twit­ter­te Ro­ha­ni. Sa­rif ent­schul­dig­te sich bei den An­ge­hö­ri­gen, wies aber auch dem „Aben­teu­rer­tum der USA“in der Re­gi­on ei­ne Mit­schuld an dem De­sas­ter zu. Der Obers­te Re­vo­lu­ti­ons­füh­rer Ali Cha­men­ei for­der­te die Streit­kräf­te auf, sich dem ei­ge­nen Ver­sa­gen zu stel­len.

Noch vor ei­ner Wo­che hat­te das Re­gime nach der ge­ziel­ten Tö­tung sei­nes TopGe­ne­rals Kas­sem So­lei­ma­ni durch ei­ne US-Droh­ne den gro­ßen na­tio­na­len Schul­ter­schluss mit der ei­ge­nen Be­völ­ke­rung in­sze­niert. Hun­dert­tau­sen­de de­mons­trier­ten in Te­he­ran, Mas­had und Ker­man und skan­dier­ten „Tod den USA“. An die­sem Wo­che­n­en­de je­doch hat­te sich der Wind be­reits wie­der ge­dreht. „Tod den Lüg­nern“,

„Ihr seid Mör­der“, rie­fen die über­wie­gend jun­gen De­mons­tran­ten, ris­sen So­lei­ma­ni-Pos­ter her­un­ter und for­der­ten den Rück­tritt von Re­vo­lu­ti­ons­füh­rer Cha­men­ei. „Hau ab, Dik­ta­tor“, rief die Men­ge, bis Si­cher­heits­kräf­te sie mit Trä­nen­gas aus­ein­an­der­trie­ben. Wie ner­vös die La­ge im Iran ist, zeig­te auch die vor­über­ge­hen­de Fest­nah­me des bri­ti­schen Bot­schaf­ters Rob Ma­cai­re, der an ei­ner Vi­gil für die Op­fer teil­neh­men woll­te und Zeu­ge der Pro­tes­te wur­de. Nicht nur auf den Stra­ßen, auch in den so­zia­len Me­di­en mach­te die Be­völ­ke­rung ih­rem Un­mut Luft – über den ka­ta­stro­pha­len Ab­schuss, die dreis­ten Lü­gen der Ver­ant­wort­li­chen und das of­fen­kun­di­ge Aus­maß an In­kom­pe­tenz und Des­or­ga­ni­sa­ti­on bei den Streit­kräf­ten.

Das dra­ma­ti­sche Hin und Her im Te­he­ran si­gna­li­siert ei­nen er­bit­ter­ten Macht­kampf hin­ter den Ku­lis­sen zwi­schen den Re­vo­lu­ti­ons­gar­den und der mo­de­ra­ten Re­gie­rung, bei dem Prä­si­dent Ro­ha­ni am En­de die Ober­hand be­hielt und die Ab­sicht der Hard­li­ner durch­kreuz­te, den Ab­schuss zu ver­tu­schen. Der Luft­waf­fen­chef der Re­vo­lu­ti­ons­wäch­ter, Amir Ali Ha­ji­z­a­deh, trat im Staats­fern­se­hen auf und er­klär­te, er über­neh­me die vol­le Ver­ant­wor­tung. Der Ra­ke­ten­schüt­ze ha­be den Pas­sa­gier­jet für ei­ne ame­ri­ka­ni­sche Crui­se Mis­si­le ge­hal­ten. Der Ver­such, sei­nen Vor­ge­setz­ten zu er­rei­chen, schei­ter­te, weil die Te­le­fon­lei­tung nicht funk­tio­nier­te. So sei der Mann im ent­schei­den­den Mo­ment auf sich al­lein ge­stellt ge­we­sen. Zehn Se­kun­den Zeit sei­en ihm noch ge­blie­ben, dann traf er die fa­ta­le Fehl­ent­schei­dung.

Wie ver­hee­rend die ver­such­te Ir­re­füh­rung der Welt­öf­fent­lich­keit für das noch ver­blie­be­ne An­se­hen des Iran im In- und Aus­land sein wird, hängt nun ent­schei­dend da­von ab, ob Te­he­ran sich fort­an ab­so­lut trans­pa­rent ver­hält. Ro­ha­ni weiß, dass das dreis­te Tak­tie­ren bis­her vor al­lem den Re­vo­lu­ti­ons­gar­den scha­det. Der Prä­si­dent galt als ein­ge­schwo­re­ner Geg­ner des ge­tö­te­ten So­lei­ma­ni. Mehr­fach kri­ti­sier­te er die über­mäch­ti­ge Rol­le, die die Re­vo­lu­ti­ons­wäch­ter in dem ira­ni­schen Staats­sys­tem spie­len.

Fo­to: Mo­na Hoo­beh­fe­kr/Ira­ni­an Stu­dents' News Agen­cy, ISNA/AP/dpa

Wü­ten­de De­mons­tran­ten ha­ben in den ver­gan­ge­nen Ta­gen in zahl­rei­chen Städ­ten im Iran wie hier in Te­he­ran we­gen des Ab­schus­ses der Pas­sa­gier­ma­schi­ne pro­tes­tiert.

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