Die Kri­se des Ka­pi­täns

Gens­hei­mer fin­det noch nicht ins Tur­nier, sieht ge­gen Lett­land aber ei­ne neue Chan­ce

Meppener Tagespost - - SPORT - Von Marc Ste­ver­mül­ler

Der Ka­pi­tän sprach Kl­ar­text. Und er sah nicht nur ent­täuscht, son­dern mit­ge­nom­men, ja so­gar ein we­nig ge­schockt aus. Es gab ja auch al­len Grund da­zu. „Der Geg­ner war auf al­len Po­si­tio­nen bes­ser“, sag­te Uwe Gens­hei­mer, des­sen Wor­te au­to­ma­tisch im­pli­zier­ten, dass die Spa­nier bei ih­rem 33:26-Sieg im EM-Vor­run­den­spiel über das deut­sche Hand­ball-Na­tio­nal­team auch auf der Links­au­ßen­po­si­ti­on, al­so sei­nem Ar­beits­be­reich, bes­ser wa­ren. Und zwar nicht nur ein Stück­chen, son­dern deut­lich.

Es muss­te be­fürch­tet wer­den, dass der WM-Vier­te in die­ser Be­geg­nung Pro­ble­me be­kommt. Und man konn­te so­gar er­war­ten, dass es im ge­sam­ten Tur­nier im deut­schen An­griffs­spiel ru­ckelt. Was aber dann doch ein we­nig über­ra­schend da­her­kommt, ist die Kri­se des Ka­pi­täns in die­sen Ta­gen von Trond­heim. Gens­hei­mer ist so et­was wie der ein­zi­ge ver­blie­be­ne Welt­klas­se­spie­ler im Ka­der der Deut­schen. Um ihn und die Links­au­ßen­po­si­ti­on muss­te man sich vor der EM nicht sor­gen, weil ir­gend­wie klar schien, dass der Rechts­hän­der von den Rhein-Neckar Lö­wen das macht, was man von ihm er­war­tet: To­re, To­re, To­re.

Doch jetzt das: Gens­hei­mer spielt bis­lang ein eher be­fremd­li­ches Tur­nier, wo­bei von „spie­len“eher we­ni­ger die Re­de sein kann. Er wirkt ver­krampft, blo­ckiert, ge­hemmt. Der Mann, der so viel Ge­fühl im Hand­ge­lenk hat, dass er bis­wei­len die Ge­set­ze der Phy­sik au­ßer Kraft zu set­zen scheint, quält sich. Er kämpft da­mit, den Ball bloß ir­gend­wie rein­zu­ma­chen. Ob­wohl der 33-Jäh­ri­ge ja ei­gent­lich ge­nau weiß, dass er ein „Welt­klas­se­mann“ist und „su­per Hand­ball spie­len kann“, wie Bun­des­trai­ner Christian Prokop sag­te.

Aus dem Feld ver­wan­del­te Gens­hei­mer zwar drei sei­ner vier Wür­fe bei die­ser EM, vier sei­ner sechs Sie­ben­me­ter hat er je­doch ver­ge­ben. Da­zu kommt die Ro­te Kar­te im Auf­takt­spiel ge­gen die Nie­der­lan­de. Es war ei­ne un­glück­li­che Ak­ti­on, aber sie pass­te ins Bild. Ge­gen Spa­ni­en wur­de er gar zur Pau­se ge­gen Patrick Zie­ker aus­ge­tauscht. Der Lö­wen-Star selbst ver­stand das. „Es lief bei mir nicht ganz op­ti­mal in der ers­ten Halb­zeit“, sag­te der Rechts­hän­der, der wei­ter „vor­an­ge­hen“und sei­ne „Leis­tung zei­gen“will, da­mit „bis­lang al­ler­dings nicht zu­frie­den“ist: „Ge­gen Lett­land ha­be ich ei­ne neue Chan­ce.“

Den­noch: Der Gens­hei­mer im Ja­nu­ar 2020 ist noch nicht der Gens­hei­mer des Ja­nu­ars 2019 – und auch nicht der Spie­ler, der er selbst sein kann, will und auch muss, wenn die DHB-Aus­wahl bei die­ser EM et­was er­rei­chen will. Vor zwölf Mo­na­ten spiel­te der wasch­ech­te Mann­hei­mer nicht nur ei­ne über­ra­gen­de Heim-WM, son­dern das Tur­nier sei­nes Le­bens – und zwar nicht nur, weil er ge­fühlt je­den Ball rein­mach­te, son­dern auch die wich­ti­gen Tref­fer wie im vor­ent­schei­den­den Haupt­run­den­spiel ge­gen Kroa­ti­en er­ziel­te. Als sich der Druck ma­xi­mier­te, trug er die ge­sam­te Mann­schaft auf sei­nem Rü­cken. Er war ei­ne vor Selbst­ver­trau­en strot­zen­de Per­sön­lich­keit, die Mut, Wil­le und Ent­schlos­sen­heit aus­strahl­te – ge­nau das, was man ei­nen Ka­pi­tän, ei­nen An­füh­rer nennt.

Doch ge­nau das ist Gens­hei­mer bei die­ser EM bis­lang nicht. Der Links­au­ßen wirkt zau­dernd und zö­gernd, mit sich selbst be­schäf­tigt, weil er nicht nur auf der Su­che nach sei­ner Form, son­dern nach Si­cher­heit scheint. Das Pro­blem: Wer mit sich selbst zu tun hat, kann sel­ten an­de­ren hel­fen und erst recht kein Sta­bi­li­täts­an­ker für die Kol­le­gen sein. „Ich glau­be nicht, dass Uwe mit sei­ner Rol­le über­for­dert ist. Aber von der Chan­cen­ver­wer­tung her spielt er mo­men­tan nicht op­ti­mal“, sag­te Prokop, der na­tür­lich weiß, dass die Psy­cho­lo­gie ei­nes Sport­lers stets ein sen­si­bles Ge­bil­de ist und schnell zum Teu­fels­kreis wer­den kann: „Uwe macht sich per­sön­lich viel Druck, weil er er­folg­reich für die Mann­schaft vor­an­ge­hen möch­te.“

Wäh­rend der 33-Jäh­ri­ge sonst nach ei­nem Fehl­wurf von der Sie­ben­me­ter­li­nie auch beim nächs­ten Straf­wurf im Ver­trau­en auf die ei­ge­ne Stär­ke den Ball for­dert, fehlt ihm jetzt gera­de die­se Über­zeu­gung. Aus Lo­cker­heit wur­de Läh­mung, ent­spre­chend ist die Last gera­de grö­ßer als die Lust. Prokop glaubt den­noch an sei­nen An­füh­rer: „Ich ha­be volls­tes Ver­trau­en in un­se­ren Ka­pi­tän, die Geg­ner ha­ben gro­ßen Re­spekt vor ihm, und wir al­le wis­sen, was wir an ihm ha­ben. Uwe muss jetzt ein­fach die nächs­te Par­tie an­neh­men.“

Gens­hei­mer wird das zwei­fels­oh­ne tun. Al­lein schon des­halb, weil er selbst so viel mehr von sich er­war­tet.

Fo­to: dpa

Strahlt ak­tu­ell kei­ne Über­zeu­gung aus: Na­tio­nal­mann­schafts-Ka­pi­tän Uwe Gens­hei­mer.

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