Na­zi-Ba­ra­cke droht der Ver­fall

Mil­lio­nen­kos­ten für Sa­nie­rung er­war­tet / Land und Bund wol­len ko­ope­rie­ren

Meppener Tagespost - - VORDERSEIT­E - Von To­bi­as Bö­cker­mann

An die Ems­land­la­ger er­in­nern heu­te kaum noch Bau­wer­ke. Das Grau­en, das 200000 In­haf­tier­te er­leb­ten und mehr als 25 000 mit dem Le­ben be­zahl­ten, ist vor al­lem in Ak­ten und Er­in­ne­run­gen greif­bar. Seit ei­ni­gen Jah­ren be­schäf­tigt sich die Ge­denk­stät­te Erst­erwe­gen mit die­sem dunk­len Ka­pi­tel deut­scher Ge­schich­te. Aber an den La­ger­stand­or­ten selbst ist kaum et­was ge­blie­ben – und selbst das droht nun zu ver­schwin­den. In der Jus­tiz­voll­zugs­an­stalt Meppen-Ver­sen hat ei­ne Ver­wal­tungs­ba­ra­cke des ehe­ma­li­gen La­gers Ver­sen bis heu­te über­dau­ert, aber 80 Jah­re nach dem Bau steht sie vor dem Ver­fall. Die CDU im Ems­land hat mit Git­ta Con­ne­mann nun ei­ne Initia­ti­ve zur Restau­ie­rung des Ge­bäu­des ge­star­tet. Bei ei­nem Orts­ter­min wur­de al­ler­dings deut­lich: Die Ar­bei­ten dürf­ten Mil­lio­nen kos­ten.

Die letz­te Ba­ra­cke des ehe­ma­li­gen Kriegs­ge­fan­ge­nen­und Kon­zen­tra­ti­ons­la­gers Meppen-Ver­sen und da­mit ei­nes der ganz we­ni­gen Zeug­nis­se des Na­zi­ter­rors im Ems­land steht vor dem Ver­fall. Die Po­li­tik will ge­gen­steu­ern, aber die Ret­tung des Ge­bäu­des wird Mil­lio­nen kos­ten.

Bei ei­nem Orts­be­such ist das Elend nicht nur zu er­ah­nen, son­dern mit Hän­den zu grei­fen: In der Ba­ra­cke sind vie­le Fens­ter zer­bro­chen, der Dach­stuhl wirkt ver­letz­lich, auf dem mit Bret­tern, Stei­nen und Höl­zern über­sä­ten Be­ton­bo­den steht hier und da Was­ser. 70 Me­ter lang ist das Ge­bäu­de, das einst der La­ger­ver­wal­tung dien­te und da­mit zum Tä­ter­ge­bäu­de wur­de, 10 bis 14 Me­ter ist es breit und viel­fach durch dün­ne Wän­de un­ter­teilt. An den Au­ßen­wän­den blät­tert die Teer­pap­pe ab, die dem Holz acht Jahr­zehn­te Re­gen­schutz ge­bo­ten hat­te.

1938 oder 1939 war das Holz­ge­bäu­de er­rich­tet wor­den, ge­mein­sam mit je­nen Ba­ra­cken, in de­nen ab Mai 1939 zu­nächst Kri­mi­nel­le, dann Kriegs­ge­fan­ge­ne oder po­li­tisch Ver­folg­te teils un­ter men­schen­un­wür­di­gen Be­din­gun­gen un­ter­ge­bracht wa­ren. Hun­der­te star­ben bis zur Auf­lö­sung des La­gers im März 1945, weil die Deut­schen ih­nen zu we­nig zu essen ga­ben, es im Win­ter oh­ne Bet­ten und tro­cke­ne Klei­dung viel zu kalt war und sie bis zur Er­schöp­fung im Moor oder in nutz­lo­sen Schüt­zen­grä­ben im Es­ter­fel­der Forst ar­bei­ten muss­ten.

Nach dem Krieg wur­de aus dem Ems­land­la­ger dann ei­ne Jus­tiz­voll­zugs­an­stalt und blieb es bis heu­te. Die meis­ten Ge­fan­ge­nen­ba­ra­cken nutz­te man zu­nächst wei­ter, so wie in der JVA Groß Hesepe, die eben­falls aus ei­nem Ems­land­la­ger her­vor­ging. Aber spä­tes­tens als dort im Fe­bru­ar 1973 ein Groß­brand aus­brach und fünf Ge­fan­ge­ne tö­te­te, er­setz­te man die al­ten Ba­ra­cken nach und nach durch neue Häu­ser. Und so blieb am En­de von den 38 Ba­ra­cken der Ems­land­la­ger fast nichts: In Groß Hesepe ste­hen zwei, in Ver­sen ei­ne und auf dem Reit­platz Ver­sen ei­ne wei­te­re, die man wohl einst dort­hin ver­setzt hat­te und die als Par­ty­raum dien­te.

Die gro­ße Ba­ra­cke in der JVA Ver­sen wur­de der­weil bis 1978 wei­ter als Ver­wal­tungs

ge­bäu­de ge­nutzt, da­nach bis 2013 als La­ger und zur Ar­beits­the­ra­pie mit Ge­fan­ge­nen. Seit­dem schrei­tet der Ver­fall vor­an – trotz ver­schie­de­ner Ver­su­che ge­gen­zu­steu­ern.

Bei ei­nem Orts­ter­min ha­ben sich jetzt mehr als 20 Ver­tre­ter aus Po­li­tik, JVA-Lei­tung, Seel­sor­ge und vom Staat­li­chen Bau­ma­nage­ment des Lan­des Nie­der­sach­sen die Mi­se­re an­ge­se­hen. Ein­ge­la­den hat­te die CDU-Bun­des­tags­ab­ge­ord­ne­te Git­ta Con­ne­mann, mit da­bei wa­ren auch der für Meppen zu­stän­di­ge Frak­ti­ons­kol­le­ge Al­bert Ste­ge­mann, Land­tags­ab­ge­ord­ne­ter Bernd-Carsten Hie­bing (CDU), Land­rat Mar­cAn­dré Burg­dorf und die Lei­te­rin der Ge­denk­stät­te Esterwegen, Andrea Kalt­o­fen.

Con­ne­mann be­rich­te­te, sie sei durch Niels Juis­ter vom Lan­des­amt für Denk­mal­pfle­ge auf den Ver­fall der Ba­ra­cke auf­merk­sam ge­macht wor­den, und für die CDU sei klar: „Er­in­ne­rungs­ar­beit ist wich­tig, wir müs­sen hier ge­gen­steu­ern.“Of­fen­bar schaf­fe das Land Nie­der­sach­sen trotz Zu­stän­dig­keit das nicht al­lei­ne, was auch Bernd Carsten Hie­bing aus­drück­lich be­dau­er­te. Aber auch der Bund und der Land­kreis könn­ten das Vor­ha­ben je­weils nicht al­lei­ne stem­men, sag­te Con­ne­mann.

Im Vor­feld zu die­sem Ter­min hat­te das Staat­li­che Bau­ma­nage­ment Os­na­brück, das für Lan­des­lie­gen­schaf­ten zu­stän­dig ist, durch das In­ge­nieur­bü­ro 3ing (Au­rich/Hee­de) ein Sa­nie­rungs­kon­zept er­ar­bei­ten las­sen und mit der JVA Meppen ein Nut­zungs­kon­zept er­stellt. Denn, das be­ton­ten al­le Be­tei­lig­ten, ein Denk­mal müs­se mit Le­ben er­füllt wer­den, sonst kön­ne man es nicht er­hal­ten.

Vor­stell­bar ist laut Ar­chi­tekt Ste­phan Zen­ker (3ing) nun Fol­gen­des: Die Ba­ra­cke wird in zwei Be­rei­che auf­ge­teilt, ei­nen, der ge­nutzt wer­den soll, und ei­nen, der „nur“kon­ser­viert, al­so in sei­nen his­to­ri­schen Zu­stand zu­rück­ver­setzt wird. Der kon­ser­vier­te Teil dient als An­lauf­punkt für Füh­run­gen, die in der JVA schon heu­te re­gel­mä­ßig statt­fin­den.

Der nutz­ba­re Teil wür­de dem Vor­schlag zu­fol­ge ein Be­su­cher­zen­trum ent­hal­ten, da­zu Räu­me für die Be­treu­ung und Seel­sor­ge­ar­beit mit Ge­fan­ge­nen und ei­ne Werk­statt. JVA-Lei­ter Per-Erik Zel­ler er­läu­ter­te, da­bei ge­he es zum ei­nen dar­um, Ge­fan­ge­ne auf ihr Le­ben nach der Haft vor­zu­be­rei­ten. Zum an­de­ren aber bie­te das ehe­ma­li­ge Tä­ter­ge­bäu­de ei­nen Raum, um vor al­lem die in der JVA ein- sit­zen­den hoch­ra­di­ka­li­sier­ten Rechts­ex­tre­me und rech­te Mit­läu­fer an­zu­spre­chen. „Wir hof­fen, dass wir sie ein­fan­gen kön­nen“, sag­te Zel­ler.

Für das in­halt­li­che Kon­zept gab es aus­schließ­lich Lob von al­len Be­tei­lig­ten. Denk­mal­schüt­zer Niels Jüs­ter sah da­mit ei­ne wich­ti­ge Hür­de ge­nom­men. Pro­ble­ma­tisch könn­te die Fi­nan­zie­rung wer­den. Denn ei­ne ers­te Grob­kos­ten­schät­zung er­gab Bau­kos­ten in Hö­he von rund 3,8 Mil­lio­nen Eu­ro – al­ler­dings ein­schließ­lich tech­ni­scher An­la­gen, ei­ner ge­schätz­ten Bau­kos­ten­stei­ge­rung von 20 Pro­zent bis zur Rea­li­sie­rung und ein­schließ­lich ge­schätz­ter Ri­si­ko­kos­ten in Hö­he von 873000 Eu­ro. Mit de­nen müs­se man bei al­ten Ge­bäu­den rech­nen, sag­te Ar­chi­tekt Zen­ker, et­wa weil man be­reits as­best­hal­ti­ge An­stri­che ge­fun­den ha­be.

Git­ta Con­ne­mann hak­te mehr­fach kri­tisch ob der ho­hen Bau­sum­me nach. Ein Teil der ver­an­schlag­ten Kos­ten kön­ne ver­mut­lich nicht aus ein­schlä­gi­gen Denk­mal­schutz­pro­gram­men ge­för­dert wer­den, und ver­mut­lich müs­se man schritt­wei­se vor­ge­hen. Den­noch müs­se man nun se­hen, ob und wie man prag­ma­tisch vor­ge­he und ei­ne Fi­nan­zie­rung aus ver­schie­de­nen Töp­fen von Bund, Land, Stif­tun­gen und vi­el­leicht dem Land­kreis Ems­land auf die Bei­ne stel­le.

Den Wil­len, die Sa­nie­rung in die We­ge zu lei­ten, be­kun­de­ten al­le Be­tei­lig­ten. Niels Jüs­ter mahn­te aber, man müs­se schnell han­deln. „Sonst ist die Ba­ra­cke nicht zu ret­ten.“

„Er­in­ne­rungs­ar­beit ist wich­tig, wir müs­sen hier ge­gen­steu­ern“

Git­ta Con­ne­mann, Bun­des­tags­ab­ge­ord­ne­te

Fotos: To­bi­as Bö­cker­mann

Der letz­ten er­hal­te­nen Ba­ra­cke des Ems­land­la­gers Ver­sen droht der Zer­fall.

Wei­te­re Bil­der auf noz.de/meppen Kaum zu über­se­hen sind die Schä­den von au­ßen.

Die In­nen­räu­me lie­gen vol­ler Bau­stof­fe.

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