Ems­län­der schil­dert ex­trems­te Ein­sät­ze

Ein Le­ben für die Feu­er­wehr: Ems­län­der schil­dert sei­ne schlimms­ten Ein­sät­ze

Meppener Tagespost - - VORDERSEIT­E - Von Ina Wem­hö­ner

Ei­ne Uni­form tra­gen, Feu­er lö­schen und Le­ben ret­ten – für vie­le Kin­der ist der Job als Feu­er­wehr­mann noch im­mer ein Traum­job. So schön und hel­den­haft das Bild auch aus­sieht, die Rea­li­tät ist häu­fig trau­rig und bru­tal. Das weiß auch der Dalu­mer Mar­tin Knull.

Lei­chen­tei­le Ber­gen, Re­ani­mie­ren und Brän­de Lö­schen: Feu­er­wehr­mann Mar­tin Knull er­klärt, war­um er die­sen Job trotz all der schreck­li­chen Bil­der so liebt. Der Tod ist für den 33-Jäh­ri­gen all­ge­gen­wär­tig, das hängt da­mit zu­sam­men, dass er auch als Be­stat­ter tä­tig ist.

Feu­er­wehr­mann – das ist für vie­le Kin­der noch im­mer ein Traum­job. Da­zu ge­hört: ei­ne Uni­form tra­gen, mit dem Lösch­wa­gen und lau­ten Si­re­nen fah­ren, Feu­er lö­schen und Le­ben ret­ten. So schön und hel­den­haft das Bild des Feu­er­wehr­man­nes auch klingt, die Rea­li­tät und der All­tag sind häu­fig trau­rig und bru­tal. Das weiß auch der Dalu­mer Mar­tin Knull. Er ist seit sei­nem zwölf­ten Le­bens­jahr Mit­glied der Feu­er­wehr. „Ich glau­be, ich hat­te schon im­mer die­sen Drang, Men­schen hel­fen zu wol­len. Als Kind ha­be ich mal beim Tag der of­fe­nen Tür ei­nen Helm bei der Feu­er­wehr auf­ge­setzt, da wuss­te ich genau, was ich ein­mal wer­den will.“

Kei­ne Angst vor den To­ten

Der ge­bür­ti­ge Sach­se muss­te je­doch früh ler­nen, wie grau­sam das Schick­sal manch­mal zu­schla­gen kann. In sei­nem Hei­mat­ort Mü­geln kam es zu ei­nem sei­ner schwers­ten Ein­sät­ze. „Wenn der Funk­mel­der Alarm schlägt, malt man sich oft das Schlimms­te aus.“An die­sem

Tag war es tat­säch­lich so. Ein Mann hat­te sich vor ei­nen Zug ge­wor­fen. Der da­mals 19-Jäh­ri­ge muss­te mit sei­nen Ka­me­ra­den in der Nacht raus­fah­ren und die Bahn­glei­se mit Ta­schen­lam­pen nach Lei­chen­tei­len ab­su­chen. „Die­se schreck­li­chen Bil­der ver­gisst m an nicht“, er­zählt der 33-jäh­ri­ge Va­ter. Ne­ben­bei half er als jun­ger Mann beim Be­stat­ter im Dorf aus. Angst vor den To­ten ha­be er des­halb nie ge­habt.

Als Sol­dat in Af­gha­nis­tan

Aber nicht nur die Ein­sät­ze in der Be­rufs­feu­er­wehr in Leip­zig und beim Be­stat­ter ver­än­der­ten sei­ne Ein­stel­lung zum Tod. 2008 und 2009 rück­te er als jun­ger Sol­dat mit den deut­schen Trup­pen nach Af­gha­nis­tan aus. Dort über­leb­te er zwei An­schlä­ge, aber ei­ni­ge sei­ner Ka­me­ra­den wur­den da­bei ge­tö­tet. Nach sei­ner Rück­kehr war nichts mehr wie vor­her. „Der Ein­satz hat mich ver­än­dert.

Das Schlimms­te war je­doch, ich durf­te we­gen mei­ner ver­letz­ten Schul­ter und mei­nes ver­letz­ten Knies nicht mehr den ak­ti­ven Di­enst bei der Feu­er­wehr aus­üben.“

Er zog nach Ol­den­burg, wo er der Tä­tig­keit als Be­stat­ter wei­ter­hin nach­ging und ne­ben­bei in der Rechts­me­di­zin aus­half. Der Um­gang mit den Le­ben­den, aber auch mit den To­ten ver­langt viel Fin­ger­spit­zen­ge­fühl, be­schreibt der Dalu­mer. „Man­che Hin­ter­blie­be­ne sind ver­zwei­felt, sau­er oder auch tief trau­rig, das sieht man schnell an der Kör­per­hal­tung, und dar­auf muss man re­agie­ren.“

Der letz­te Wunsch

Sein bis­lang schlimms­ter Ein­satz wäh­rend in die­ser Zeit war ein per­sön­li­cher letz­ter Wunsch von ei­ner Be­kann­ten. Sie hat­te mit 19 Jah­ren ei­nen schlim­men Schick­sals­schlag er­lit­ten. Bei ei­nem Au­to­un­fall muss­te sie län­ge­re Zeit ne­ben ih­rem to­ten

Freund aus­har­ren, bis die Feu­er­wehr sie aus dem Au­to­wrack be­frei­en konn­te. „Sie hat­te mir ih­re Ge­schich­te da­mals er­zählt und ne­ben­her ge­sagt, wenn sie ein­mal ster­ben soll­te, wür­de sie ger­ne von mir be­stat­tet wer­den.“Er­schre­cken­der­wei­se soll­te der An­ruf des Va­ters nicht lan­ge auf sich war­ten las­sen. Mit 21 Jah­ren nahm sie sich das Le­ben. „Für mich war es schreck­lich, aber es ist auch im­mer ei­ne Eh­re, Men­schen auf den letz­ten Weg be­glei­ten zu dür­fen.“

Für die Lie­be zog er schließ­lich ins ems­län­di­sche Dalum. Auch hier dau­er­te es kei­ne Wo­che, bis er der Frei­wil­li­gen Feu­er­wehr Groß Hesepe bei­trat. Sei­ne Freun­din und sein neun Mo­na­te al­ter Sohn Luca sind be­reits dar­an ge­wöhnt, dass, wenn der Funk­mel­der an­geht, Mar­tin auf­springt und um­ge­hend zum Feu­er­wehr­haus fährt – ob Tag oder Nacht. „Ob Weih­nach­ten, Fa­mi­li­en­fest oder

Ge­burts­tag – es muss ja ei­ner raus­fah­ren. So was wie ,frei‘ gibt es nicht. Ent­we­der man macht es ganz oder gar nicht.“Bis­lang hiel­ten sich die dra­ma­ti­schen Ein­sät­ze der Feu­er­wehr Hesepe für Mar­tin Knull je­doch in Gren­zen. „Der Schorn­stein­brand in Dalum oder ein bren­nen­der Con­tai­ner sind für uns aber ge­nau­so wich­tig. Denn wenn der nicht schnell ge­löscht wird, kann das Feu­er über­grei­fen auf um­lie­gen­de Ge­bäu­de und Men­schen­le­ben be­dro­hen.“

Pla­nun­gen für Fei­ern oder Ki­no­aben­de sind des­halb im­mer un­be­re­chen­bar. Für sei­ne Frau Sa­rah ist es aber selbst­ver­ständ­lich, dass ihr Mann um­ge­hend den Spie­le­abend mit Freun­den ver­lässt, wenn er bei der Feu­er­wehr ge­braucht wird. Ihr ver­traut er auch all die schlim­men Er­leb­nis­se von den Ein­sät­zen an. „Man muss es sich von der See­le re­den. Abends nimmt man die schlim­men Sze­nen noch mit ins Bett, auch wenn man gar nicht dar­über nach­den­ken will“, er­zählt der 33Jäh­ri­ge. Haupt­be­ruf­lich ist Knull im Bo­ni­fa­ti­us-Ho­s­pi­tal Lin­gen für den Kran­ken­trans­port tä­tig und ar­bei­tet zu­dem bei ei­nem Be­stat­ter in Lin­gen.

Das Lieb­lings­spiel­zeug sei­nes klei­nen Soh­nes Luca ist die Feu­er­wehr­mann-Fi­gur Sam. Für sei­nen Sohn wünscht er sich je­doch ei­nen an­de­ren Weg. „Ich wä­re zwar sehr stolz, wenn er zur Feu­er­wehr geht, aber ich will nicht, dass er all das se­hen muss, was ich ge­se­hen ha­be.“

Da­bei gä­be es auch vie­le schö­ne Mo­men­te, sonst wür­de die­sen Job wohl kaum ei­ner ma­chen. Ei­ner die­ser Mo­men­te war vor Jah­ren, als er er­folg­reich ei­nen äl­te­ren Mann bei ei­nem Fuß­ball­spiel re­ani­mie­ren konn­te. „In der gan­zen Hal­le war es still, da­mit wir un­se­re Ar­beit ma­chen konn­ten. Der Not­arzt gab dann Ent­war­nung, als er den Mann ab­hol­te.“Aber auch die klei­nen Ges­ten, wenn ein klei­ner Jun­ge am Stra­ßen­rand ihm im Ein­satz­fahr­zeug zu­winkt, ma­chen ihn stolz, ein Feu­er­wehr­mann zu sein.

Fotos: Ina Wem­hö­ner

Für die Lie­be zog Mar­tin Knull ins Ems­land. Auch hier dau­er­te es kei­ne Wo­che, bis er der Frei­wil­li­gen Feu­er­wehr Groß Hesepe bei­trat. Sei­ne Freun­din Sa­rah und sein neun Mo­na­te al­ter Sohn Luca sind dar­an ge­wöhnt, dass der 32-Jäh­ri­ge auch öf­ter mal in der Nacht zu Ein­sät­zen muss.

Mar­tin Knull sam­melt al­le Ar­ti­kel von den Ein­sät­zen, bei de­nen er be­tei­ligt war.

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