So ging es zu in Pa­pen­burgs ers­ten Dis­cos

Am Frei­tag steigt die Re­vi­val-Par­ty zu 50 Jah­ren „Rio“/ DJ „B.B.“blickt zu­rück

Meppener Tagespost - - NACHBARSCH­AFT - Von Her­mann-Jo­sef Döb­ber

Wie Pil­ze schos­sen vor ei­nem hal­ben Jahr­hun­dert die Dis­ko­the­ken – kurz Dis­cos – aus dem Bo­den. Als am 17. Ja­nu­ar 1970 in der Ers­ten Wiek das Ehe­paar Her­mann und He­le­ne Tam­men hin­ter ih­rer Gast­stät­te in ei­nem An­bau das „Rio“er­öff­ne­ten, war es die vier­te in der Fehn­stadt. Ein Zeit­zeu­ge er­in­nert sich.

Die wil­de Zeit ist bei de­nen, die sie er­lebt ha­ben, bis heu­te le­ben­dig. Drei Re­vi­val-Par­tys mit Mu­sik der 60er-, 70er- und 80er-Jah­re fan­den bis­lang statt, zwei im Hümm­lin­ger Hof Rob­ben und ei­ne im Saal der ehe­ma­li­gen Gast­stät­te Rol­fes. Die vier­te in­iti­ier­te Zei­t­rei­se fin­det am Frei­tag auf den Tag genau 50 Jah­re nach der Er­öff­nung der Kult-Dis­co in der Gast­stät­te Schul­te-Lind statt. Mit der Ein­la­dung wol­len die Ver­an­stal­ter An­ke und Heinz-Wer­ner Lind haupt­säch­lich die über 50-Jäh­ri­gen an­spre­chen. Schließ­lich ha­ben die­se noch selbst im vor mehr als 30 Jah­ren ge­schlos­se­nen „Rio“ge­fei­ert.

Die Ton­trä­ger wer­den wie­der aus Vi­nyl sein. Bernd Ber­la­ge, bes­ser als „B.B.“be­kannt, strahlt, wenn er an das „Rio“denkt. Als Nach­fol­ger von Her­mann Mers­mann hat der in­zwi­schen 69-Jäh­ri­ge ei­ne in­di­vi­du­el­le Mu­sik­aus­wahl auf Schall­plat­ten prä­sen­tiert. Nach elf Jah­ren leg­te er noch auf pri­va­ten Par­tys auf. „Auch dort tanz­ten, klatsch­ten und streck­ten die Be­su­cher ih­re Hän­de in die

Hö­he.“

Am Frei­tag will „B. B.“wie auch an­de­re Disk­jo­ckeys nach län­ge­rer Zeit wie­der nost­al­gi­sche Schei­ben auf­le­gen, für ei­nen Eh­ren­tanz für al­le Paa­re, die sich im „Rio“ken­nen­ge­lernt ha­ben. Die Kreis­gren­ze zwi­schen dem Land­kreis Aschen­dor­fHümm­ling

und dem Land­kreis Leer sei auch ei­ne Re­li­gi­ons­gren­ze ge­we­sen. „Hier wa­ren die Ka­tho­li­ken in der Über­zahl, im Nach­bar­kreis

die Pro­tes­tan­ten“, so der da­ma­li­ge DJ. „Die jun­gen Leu­te hat­ten es bei ih­ren El­tern nicht leicht, wenn sie mit ei­nem Part­ner oder ei­ner Part­ne­rin ei­ner an­de­ren Kon­fes­si­on ei­ne Be­zie­hung auf­bau­en woll­ten. Hier sind da­mals vie­le Misch­ehen ent­stan­den.“

„Es war prall­voll“

Ber­la­ge ist über­zeugt, dass auch jün­ge­re Gäs­te kom­men, die sich mu­si­ka­lisch in die „Rio“-Zeit ver­set­zen las­sen wol­len, „weil sie von den da­ma­li­gen An­ge­bo­ten heu­te nur träu­men kön­nen. Ich möch­te al­te Be­kann­te umar- men, aber auch Töch­ter und Söh­ne frü­he­rer Dis­co­fans ken­nen­ler­nen.“

Der ehe­ma­li­ge Disk­jo­ckey selbst schwelgt in Er­in­ne­run­gen: „Das Tanz­lo­kal wur­de schnell zu ei­nem be­lieb­ten Treff­punkt.“An­fahr­ten über 30 Ki­lo­me­ter hät­ten die Gäs­te in Kauf ge­nom­men. „Oft war die Dis­co prall­voll. Nichts ging mehr, als 1978 die Ju­gend­na­tio­nal­mann­schaft von Aus­tra­li­en zu Gast war. Neue Be­su­cher wur­den erst wie­der ein­ge­las­sen, wenn an­de­re Gäs­te den Schup­pen ver­las­sen hat­ten“, er­zählt er.

Aber der Start sei be­schei­den ge­we­sen. „Ich stand drei­mal wö­chent­lich im Stu­dio und ha­be mitt­wochs ei­ne Ol­die­hit­pa­ra­de mit der Ver­lo­sung von Plüsch­tie­ren ein­ge­führt. Die wa­ren vor al­lem bei den weib­li­chen Be­su­chern be­gehrt.“Der Obe­nen­der be­rich­tet, dass er an­fangs auch ei­ge­ne Plat­ten auf­leg­te. „Ich ha­be mir die ak­tu­el­len Hits von Ra­dio Hil­ver­sum an­ge­hört und bin dann min­des­tens ein­mal im Mo­nat zu ei­nem Plat­ten­la­den nach Win­scho­ten ge­fah­ren.“

Ab 19 Uhr war Ein­lass, ab 20 Uhr Be­ginn mit der Er­ken­nungs­me­lo­die „Re­veil­le“von „John­ny and the Hur­ri­ca­nes“Um 21.50 Uhr nach dem Hin­weis auf das Ju­gend­schutz­ge­setz wa­ren die „Hur­ri­ca­nes“zu hö­ren. „Um 24 Uhr war der Abend be­en­det, in der heu­ti­gen Zeit un­vor­stell­bar.“Ber­la­ge hat auch Mu­sik­wün­sche an sei­ner „Plat­ten­bar“ent­ge­gen­ge­nom­men. Be­son­ders ge­fragt wa­ren Swing, Pro­gres­si­ve und Rock ’n’ Roll.

Nicht nur in die­ser Hin­sicht fer­ne Zei­ten. „Si­cher­heits­vor­schrif­ten und vor­beu­gen­der Brand­schutz hat­ten kei­ne Be­deu­tung“, sagt Ber­la­ge: „Gott sei Dank ist in den Dis­cos der Re­gi­on nichts pas­siert. Räu­me mit nur ei­nem Ein- und Aus­gang wer­den heu­te nicht mehr ge­neh­migt. Und das ist gut so.“

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Fotos: Ar­chiv/Her­mann-Jo­sef Döb­ber

Über ein Jahr­zehnt leg­te Bernd Ber­la­ge (oben im März 1971 mit Ma­ria Tho­mas, da­mals Mers­mann), im „Rio“die Plat­ten auf. In­zwi­schen ist DJ „B.B.“69 Jah­re alt un­d­wird da­bei sein, wenn am Frei­tag in der Gast­stät­te Schul­te-Lind ei­ne der ers­ten Dis­ko­the­ken Pa­pen­burgs wie­der­auf­er­steht.

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