Mi­nis­ter: „Su­per­geil“ist su­per­dreist

Mül­ler at­ta­ckiert Al­di und an­de­re Le­bens­mit­tel­händ­ler we­gen Dum­ping­prei­sen

Meppener Tagespost - - VORDERSEIT­E - Von Tobias Schmidt

Wenn mor­gen die Grü­ne Wo­che star­tet, steht fai­res und nach­hal­ti­ges Land­wirt­schaf­ten ganz oben auf der po­li­ti­schen Agen­da. Doch Deutsch­lands Su­per­markt­ket­ten sche­ren sich dar­um nicht, schimpft Ent­wick­lungs­mi­nis­ter Gerd Mül­ler. Ih­re Dum­ping­prei­se sei­en „nur durch Aus­beu­tung der Er­zeu­ger mög­lich“. Im Ge­spräch mit un­se­rer Re­dak­ti­on macht der CSU-Po­li­ti­ker ei­ne Kampf­an­sa­ge.

Ge­plant war es an­ders: Mor­gen wer­den sich sie­ben füh­ren­de Le­bens­mit­tel­händ­ler auf der Agrar-Me­ga­mes­se in Berlin fei­er­lich selbst ver­pflich­ten, exis­tenz­si­chern­de Löh­ne für die Her­stel­lung ih­rer Pro­duk­te in den Ent­wick­lungs­län­dern zu zah­len. Erst­mals wol­len Al­di, Lidl, Rewe, Kauf­land, dm, Te­gut und Ede­ka ih­re Ver­ant­wor­tung da­für an­er­ken­nen, dass für Avo­ca­dos, Man­gos, Kaf­fee und Ba­na­nen zu Be­ginn der Lie­fer­ket­te fai­re Prei­se ge­zahlt wer­den.

Auf ei­nen „wich­ti­gen Schritt“hat­te sich Mül­ler vor der Un­ter­zeich­nung der Ver­ein­ba­rung ge­freut. Jetzt ist er stink­sau­er: „Die Kampf­prei­se, mit de­nen man­cher Le­bens­mit­tel­händ­ler in die­sen

Ta­gen wirbt, las­sen mich am Pro­blem­be­wusst­sein zwei­feln“, sagt er, und droht: „Für ei­ne Schau­ver­an­stal­tung bin ich nicht zu ha­ben.“

Kon­kret ver­weist der Mi­nis­ter auf ei­ne Kam­pa­gne, in der ein Preis­ra­batt von 49 Pro­zent auf Kaf­fee als „su­per­geil“an­ge­prie­sen wird. „2,88 Eu­ro für 500 Gramm Kaf­fee: Das ist auf Dau­er nur durch Aus­beu­tung der Er­zeu­ger mög­lich. ,Su­per­geil‘ ist dann nur noch

su­per­dreist und su­per­un­mo­ra­lisch“, macht Mül­ler sei­nem Är­ger Luft.

Kein Ein­zel­fall: Vor der ge­plan­ten Selbst­ver­pflich­tung un­ter­bie­ten sich die Han­dels­ket­ten mit Spar­prei­sen. Er­weist sich die frei­wil­li­ge Ver­ein­ba­rung als hoh­les Ver­spre­chen, will Mül­ler ein­grei­fen und die Be­weis­ket­te um­dre­hen: „Wer mit Dum­ping-An­ge­bo­ten lockt und Ba­na­nen für 88 Cent ver­kauft, wird dem Kun­den künf­tig be­wei­sen müs­sen, dass da kei­ne Kin­der­ar­beit drin­steckt.“

Not­wen­dig sei mehr Trans­pa­renz über die Preis­struk­tur, so die For­de­rung. „Die Ver­brau­cher müs­sen wis­sen, ob die Er­zeu­ger am An­fang der Lie­fer­ket­te Hun­ger­löh­ne er­hal­ten. Geiz­han­del führt zu Ver­ar­mung, weil den Ent­wick­lungs­län­dern so Mil­li­ar­den an Wert­schöp­fung ent­zo­gen wer­den.“

Min­dest­preis-Schwel­len beim Ein­kauf von Ba­na­nen in Ecua­dor oder Ka­kao in Gha­na sol­len das ver­hin­dern. In der Tex­til­in­dus­trie ha­be sich ge­zeigt, dass Frei­wil­lig­keit nur be­grenzt wir­ke. „Rund die Hälf­te ver­pflich­tet sich zu So­zi­alund Um­welt­stan­dards, die an­de­re Hälf­te macht nicht mit. Des­halb spre­chen wir ja jetzt über die ge­setz­li­che Fest­le­gung von so­zia­len und öko­lo­gi­schen Min­dest­stan­dards.“

Auch Deutsch­lands Land­wir­te stöh­nen über Bil­lig­prei­se für Fleisch und be­kla­gen, nie­mand be­zah­le sie für mehr Tier­wohl. Für Land­wir­te in den Ent­wick­lungs­län­dern sei die La­ge „um ein Viel­fa­ches dra­ma­ti­scher“, sagt Mül­ler da­zu. Die Pro­du­zen­ten er­hiel­ten 50 Cent für ein Pfund Kaf­fee­boh­nen, 14 Cent für ein Ki­lo Ba­na­nen oder 7 Cent für ei­ne Ta­fel Scho­ko­la­de. „Die Fol­ge ist klar: Für die Bil­lig­ba­na­nen bei uns wer­den dort Skla­ven­löh­ne ge­zahlt, so­dass dort Kin­der ar­bei­ten müs­sen, da­mit die Fa­mi­li­en über­le­ben.“

Ver­wei­se, in an­de­ren EU­Län­dern sei es nicht an­ders, lässt der Mi­nis­ter nicht gel­ten. „Nir­gend­wo in Eu­ro­pa fin­det so ein ex­tre­mer Preis­kampf bei Le­bens­mit­teln statt wie in Deutsch­land. Un­se­re Nah­rung muss uns et­was wert sein.“

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