SPD-Ur­ge­stein wird 80 Jah­re alt

So­zi­al­de­mo­kra­ti­sche Kult­fi­gur: Voll­blut-Po­li­ti­ker Franz Mün­te­fe­ring wird 80

Meppener Tagespost - - VORDERSEIT­E -

Mar­ken­zei­chen ro­ter Schal: Franz Mün­te­fe­ring brach­te die Ren­te mit 67 auf den Weg und gei­ßel­te gie­ri­ge Fi­nanz­in­ves­to­ren als „Heu­schre­cken“. Heu­te wird der Voll­blut-Po­li­ti­ker aus dem Sau­er­land 80 Jah­re alt. Äl­ter­wer­den ist schon lan­ge sein The­ma.

Mit kna­cki­gen Sät­zen wur­de Franz Mün­te­fe­ring zur po­li­ti­schen In­sti­tu­ti­on. Sei­ne For­mu­lie­rung „Das ist das schöns­te Amt ne­ben dem Papst – Vor­sit­zen­der der SPD zu sein“ist le­gen­där. Als Bun­des­ge­schäfts­füh­rer der SPD hat­te er 1998 den Wahl­sieg von Ger­hard Schrö­der or­ga­ni­siert. Er war da­mit der Ar­chi­tekt des Macht­wech­sels nach 16 Jah­ren Kanz­ler­schaft Hel­mut Kohls zu Rot-Grün. Heu­te wird Mün­te­fe­ring 80 Jah­re alt.

Wer Mün­te­fe­ring trifft, stößt auf ei­nen kon­zen­trier­ten, prä­zi­se for­mu­lie­ren­den Ge­sprächs­part­ner – mit In­ter­es­se an wür­di­gem Al­tern, an der Po­li­tik. Auf­fäl­lig ist sei­ne Be­reit­schaft, be­schei­den und ge­nau Aus­kunft zu ge­ben. Den Sieg von Rot-Grün sieht er noch heu­te als po­si­ti­ven Ein­schnitt: „Das war ein rich­ti­ger Be­frei­ungs­schlag für Of­fen­heit und Li­be­ra­li­tät im Land.“Er räumt aber ein, dass SPD und Grü­ne da­mals nicht gut vor­be­rei­tet ge­we­sen sei­en – und es an­fangs ent­spre­chend ge­ru­ckelt ha­be.

Der Sau­er­län­der war zwar lang­jäh­ri­ger Weg­ge­fähr­te Schrö­ders, des­sen kum­pel­haf­te Art teil­te er aber nicht. „Ich war froh, als nach sei­nem Amts­an­tritt als Bun­des­kanz­ler sei­ne ers­te Pha­se mit Brio­ni und Zi­gar­ren vor­bei war“, sagt er. Für den Par­tei­sol­da­ten war es ge­nau das Rich­ti­ge, sich in die Re­gie­rungs­ar­beit zu stür­zen. Be­reits als nord­rhein-west­fä­li­scher Ar­beits­mi­nis­ter und Lan­des­vor­sit­zen­der hat­te ge­gol­ten: Mün­te­fe­ring ging dort­hin, wo man ihn brauch­te.

Sei­ne Kar­rie­re hat­te er als Stadt­rat im sau­er­län­di­schen Sun­dern be­gon­nen. In Berlin war Mün­te­fe­ring Ge­ne­ral­se­kre­tär, Frak­ti­ons­chef und zwei­mal Bun­des­mi­nis­ter. Bei der tur­bu­len­ten Ein­füh­rung der Hartz-Re­for­men galt er als Schlüs­sel­fi­gur für den Zu­sam­men­halt

der So­zi­al­de­mo­kra­ten. Nach dem Rück­zug Schrö­ders nach der ver­lo­re­nen Wahl 2005 wur­de er zu­nächst Par­tei­chef – und Vi­ze­kanz­ler in der ers­ten Re­gie­rung von An­ge­la Mer­kel.

„Brot und Auf­strich“

2007 trat er als Bun­des­ar­beits­mi­nis­ter zu­rück, weil er sei­ner zwei­ten Ehe­frau An­ke­pe­tra bei­ste­hen woll­te. Sie starb im Jahr dar­auf an Krebs. 2009 hei­ra­te­te Mün­te­fe­ring die 40 Jah­re jün­ge­re Michelle, heu­te Staats­mi­nis­te­rin im Aus­wär­ti­gen Amt. Aus sei­ner ers­ten Ehe hat Mün­te­fe­ring zwei Töch­ter.

So­zi­al­de­mo­kra­ti­sche Sym­bo­lund auch ein Stück weit Kult­fi­gur wur­de „Mün­te“nicht zu­letzt mit sei­nen prä­gnan­ten Sät­zen. „Milch und Ho­nig wer­den nicht flie­ßen. Ge­sun­des Brot und or­dent­li­cher Auf­strich wer­den aber da sein“, sag­te der SPD-Chef nach den Groko-Ko­ali­ti­ons­ver­hand­lun­gen 2005. Der heu­ti­ge SPD-Chef Norbert Wal­ter-Bor­jans be­schreibt es als „gro­ße Eh­re, ihm in die­sem Job nach­zu­fol­gen“. Nicht zu­letzt be­geis­te­re ihn, „dass er viel kür­ze­re Sät­ze kann als ich“.

Der ge­lern­te In­dus­trie­kauf­mann ist seit­dem ak­tiv ge­blie­ben: Als Prä­si­dent des Ar­bei­ter-Sa­ma­ri­ter-Bun­des et­wa. Seit 2015 ist er auch Vor­sit­zen­der der Bun­des­ar­beits­ge­mein­schaft der Se­nio­ren­or­ga­ni­sa­tio­nen (BAGSO). Im März 2019 er­schien sein Buch „Un­ter­wegs“

über die Chan­cen des Äl­ter­wer­dens. Im­mer wie­der geht Mün­te­fe­ring von sei­nem Wohn­ort Herne aus auf Le­se­tour.

Treue zur Hei­mat

Sein Cre­do: „Die Men­schen dür­fen nicht den Ein­druck ha­ben, dass man sie nicht mehr braucht.“Mün­te­fe­ring, einst Weg­be­rei­ter der Ren­te mit 67, meint: „Die meis­ten wol­len noch et­was ma­chen oder leis­ten – und nicht schlag­ar­tig auf­hö­ren.“Brim­bo­ri­um um sei­ne Per­son ist ihm auch heu­te fremd. Bei ei­ner Be­geg­nung in ei­ner Ho­tel­lob­by wirkt er er­leich­tert, dass ein Ho­tel­an­ge­stell­ter ihn un­be­hel­ligt lässt, ihn nicht ei­gens be­grüßt. Und da­nach steht kein Au­to vor der

Tür – Mün­te­fe­ring macht sich zu Fuß auf zur nächs­ten Sta­ti­on.

Dem Sau­er­land ist er treu ge­blie­ben. Im ver­gan­ge­nen Jahr kam er al­lein drei­mal dort­hin, um aus sei­nem Buch zu le­sen, be­rich­tet Irm­gard San­der, die von 2006 bis 2013 als Wahl­kreis­se­kre­tä­rin in Me­sche­de für Mün­te­fe­ring ar­bei­te­te. Sie ha­be ihn zu­letzt Mit­te De­zem­ber ge­trof­fen, als er ei­nen Vor­trag zum The­ma Äl­ter­wer­den auf dem Land ge­hal­ten ha­be. Sie freue sich, dass Mün­te­fe­ring wei­ter­hin Kon­takt zu ihr hal­te. „Er ruft an, wenn ich Ge­burts­tag ha­be.“Um­ge­kehrt wer­de sie ihm jetzt aber schrei­ben, „weil ich nicht wis­sen kann, ob ich even­tu­ell stö­re“.

Foto: dpa/Mi­guel Vil­la­gran

Mar­ken­zei­chen: Sei­nen ro­ten Schal zupft der da­ma­li­ge SPD-Par­tei­vor­sit­zen­de Franz Mün­te­fe­ring im Jahr 2004 zu­recht. Heu­te be­schäf­tigt sich Mün­te­fe­ring mit wür­di­gem Al­tern – ne­ben der Po­li­tik na­tür­lich.

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