Töd­li­cher Irr­tum auf dem Lenk­waf­fen­kreu­zer „USS Vin­cen­nes“

Der Iran steht we­gen ei­nes Flug­zeug­ab­schus­ses am Pran­ger, da­bei war er selbst ein­mal Op­fer ei­ner sol­chen Tra­gö­die – ver­ur­sacht vom US-Mi­li­tär

Meppener Tagespost - - EINBLICKE - Von Tho­mas Lud­wig

Fünf Mi­nu­ten blei­ben Ka­pi­tän Wil­li­am C. Ro­gers zur Ent­schei­dung. So stand es spä­ter im Un­ter­su­chungs­be­richt. Fünf Mi­nu­ten, wäh­rend der der Kom­man­deur der „USS Vin­cen­nes“über Le­ben und Tod sei­ner Mann­schaft ent­schei­den muss. Denn was da im An­flug ist, hat das Po­ten­zi­al, den Lenk­waf­fen­kreu­zer der US­Ma­ri­ne zu ver­sen­ken. Denkt Ka­pi­tän Ro­gers. Fünf Mi­nu­ten...

Vier...

Die At­mo­sphä­re auf der Brü­cke der „USS Vin­cen­nes“ist so an­ge­spannt wie die La­ge auf See. Im Ju­li 1988 be­fin­den sich Iran und Irak seit Jah­ren im Krieg. Im Per­si­schen Golf gibt es An­grif­fe auf Öl­tan­ker des je­wei­li­gen Geg­ners. Die US-Ma­ri­ne si­chert des­halb die in­ter­na­tio­na­le See­schiff­fahrt in der Stra­ße von Hor­mus. Vor­fäl­le sind an der Ta­ges­ord­nung.

Spä­tes­tens seit Mai des Vor­jah­res lie­gen die Ner­ven der Ame­ri­ka­ner blank: Bei ei­nem irr­tüm­li­chen Ra­ke­ten­an­griff der ira­ki­schen Streit­kräf­te auf die „USS Stark“star­ben Dut­zen­de US-Ma­ri­nes, das Schiff wur­de schwer be­schä­digt – und das, ob­wohl Washington dem Irak im Kampf ge­gen den Iran zur Sei­te steht. Die Über­ar­bei­tung der Ein­satz­re­geln er­laubt es US-Schif­fen im Per­si­schen Golf fort­an, ak­ti­ve­re Schutz­maß­nah­men zu er­grei­fen. Ein To­des­ur­teil für 290 Zi­vi­lis­ten.

Drei...

Es ist der 3. Ju­li, ein Tag vor den Un­ab­hän­gig­keits­fei­er­lich­kei­ten in den USA, ei­nem sym­bol­träch­ti­gen Da­tum, wie ge­macht, um den Ame­ri­ka­nern ei­ne Lek­ti­on zu er­tei­len. Den­ken so die Mul­lahs in Te­he­ran? Ka­pi­tän Ro­gers mag der­lei im Hin­ter­kopf ha­ben bei sei­ner Ab­wä­gung.

Sein Lenk­waf­fen­kreu­zer lie­fert sich an die­sem Tag Schar­müt­zel mit ira­ni­schen Schnell­boo­ten – in ira­ni­schen Ho­heits­ge­wäs­sern, wie sich spä­ter her­aus­stell­te. Be­rich­ten zu­fol­ge igno­riert Ro­gers Be­feh­le zur Kurs­än­de­rung und ver­folgt wei­ter die feind­li­chen Ka­no­nen­boo­te.

Zeit­gleich hebt in der ira­ni­schen Ha­fen­stadt Ban­dar Ab­bas der Flug Iran Air 655 vom Bo­den ab. Der Air­port wird so­wohl von zi­vi­len wie auch von mi­li­tä­ri­schen Flug­zeu­gen ge­nutzt. Wird die­ser Um­stand den Pas­sa­gie­ren mit Ziel Du­bai zum Ver­häng­nis?

Das Ra­dar der USS Vin­cen­nes iden­ti­fi­ziert den sich nä­hern­den Air­bus 300 mit­tels ih­res Trans­pon­der­si­gnals als Zi­vil­flug­zeug. Das da­mals neue Ae­gis-Flug­ab­wehr­sys­tem an Bord des Kriegs­schif­fes will in dem Flug­zeug in­des ei­nen F-14-Kampf­jet er­ken­nen – ei­nen Flug­zeug­typ, den auch Irans Luft­waf­fe be­sitzt. Be­waff­net mit schlag­kräf­ti­gen Ma­ve­rick-Ra­ke­ten. Zwei... Ent­schei­dung muss­te her. So­fort.

Eins...

Feu­er!

Um 10.54 Uhr star­ten von der „USS Vin­cen­nes“zwei Bo­den-Luft-Ra­ke­ten. Kei­ne Mi­nu­te spä­ter ist der Flug IR655 Ge­schich­te. 290 Men­schen wer­den in der Luft zer­fetzt, Dut­zen­de Kin­der dar­un­ter. Ei­ne „tra­gi­sche Ver­ket­tung un­glück­li­cher Um­stän­de“, wie die US-Re­gie­rung spä­ter zu­ge­ben wird. Je­doch erst gut ei­nen Mo­nat nach dem Vor­fall. Zu­vor war Ka­pi­tän Ro­gers be­schei­nigt wor­den, er ha­be kor­rekt ge­han­delt, so­gar mit Aus­zeich­nung. Ro­gers ha­be das Schiff vor dem mut­maß­li­chen An­griff ei­nes un­be­kann­ten Flug­ob­jekts be­wah­ren müs­sen.

„Je­ne, die die Zahl 52 ins Spiel brin­gen, soll­ten sich der Zahl 290 er­in­nern. Dro­he nie­mals der ira­ni­schen Na­ti­on“, twit­ter­te Irans Prä­si­dent Has­san Ru­ha­ni fast 31 Jah­re spä­ter, am 6. Ja­nu­ar 2020, an die Adres­se von USPrä­si­dent Do­nald Trump. Die­ser hat­te zu­vor ge­droht, 52 ira­ni­sche Zie­le dem Bo­den gleich­zu­ma­chen für den Fall, dass Te­he­ran die ge­ziel­te Tö­tung des Ge­ne­rals Su­lei­ma­ni durch ei­ne US-Droh­ne zum An­lass neh­men soll­te, ame­ri­ka­ni­sche Stütz­punk­te an­zu­grei­fen.

Dass sich der Iran zwei Ta­ge nach Ru­ha­nis Tweet selbst in der miss­li­chen La­ge be­fin­den soll­te, un­schul­di­ge Zi­vi­lis­ten ab­ge­schos­sen zu ha­ben, ist ei­ne Iro­nie der Ge­schich­te. Wer in Kri­sen­si­tua­tio­nen aber mi­li­tä­ri­sche Es­ka­la­tio­nen her­auf­be­schwört – wie es Washington und Te­he­ran jüngst ge­tan ha­ben –, muss im­mer mit zi­vi­len Kol­la­te­ral­schä­den rech­nen.

Tat­säch­lich kom­men der­lei Tra­gö­di­en in der Luft­fahrt im­mer wie­der vor. Vom Zwei­ten Welt­krieg über den Sechs­ta­ge­krieg im Na­hen Os­ten bis hin zum Bür­ger­krieg in An­go­la und dem Ab­schuss des Flugs MH17 über der Ost­ukrai­ne 2014 sind min­des­tens zwei Dut­zend ähn­li­cher Fäl­le do­ku­men­tiert.

War­um die Cr­ew von Iran Air 655 sei­ner­zeit nicht auf War­nun­gen re­agiert hat, die die „USS Vin­cen­nes“über mi­li­tä­ri­sche und zi­vi­le Funk­fre­quen­zen ab­ge­setzt hat­te, ist bis heu­te un­ge­klärt. Fühl­ten sich die Pi­lo­ten nicht an­ge­spro­chen? Gab es Miss­ver­ständ­nis­se im Cock­pit? Of­fen­bar wa­ren wirk­lich ei­ne Ver­ket­tung un­glück­li­cher Um­stän­de und mensch­li­che Un­zu­läng­lich­keit die Ur­sa­chen für den Ab­schuss von IR 655 am 3. Ju­li 1988.

Erst 1996 un­ter Prä­si­dent Bill Cl­in­ton ei­nig­te sich Washington mit Te­he­ran auf Ent­schä­di­gun­gen in Hö­he von rund 130 Mil­lio­nen Dol­lar an die Hin­ter­blie­be­nen der Op­fer und die Air­line. Ein Schuld­ein­ge­ständ­nis war da­mit zu kei­ner Zeit ver­bun­den.

Lie­gen die Ner­ven erst mal blank, sind Feh­l­ein­schät­zun­gen, Irr­tü­mer und un­be­ab­sich­tig­te Fol­gen mi­li­tä­ri­schen Han­delns pro­gram­miert. Hin­ter­her will es nie­mand ge­we­sen sein – zu­min­dest so lan­ge nicht, bis die Fak­ten er­drü­ckend und Lü­gen nur noch lä­cher­lich sind.

Foto: dpa/Abe­din Ta­h­er­ken­areh

Ira­ni­sche Fa­mi­li­en neh­men Ab­schied von ih­ren An­ge­hö­ri­gen, die bei ei­nem Ab­schuss ih­res Flug­zeugs durch US-Streit­kräf­te 1988 ums Le­ben ge­kom­men wa­ren.

Newspapers in German

Newspapers from Germany

© PressReader. All rights reserved.