Mit 49 den Traum vom Stu­di­um ver­wirk­licht

Bör­ge­ra­ne­rin kün­digt ih­ren Job als Bank­kauf­frau, um Leh­re­rin zu wer­den

Meppener Tagespost - - KREIS EMSLAND - Von Ma­xi­mi­li­an Mat­t­hies

„Willst du von der Uni di­rekt zur Ren­ten­kas­se?“Sol­che Sprü­che muss sich Pe­tra Ströhl aus Börger ge­fal­len las­sen, als sie sich im Al­ter von 49 Jah­ren ent­schei­det, ih­ren si­che­ren Job zu kün­di­gen und noch mal zu stu­die­ren. War­um sie sich nicht ent­mu­ti­gen lässt und da­mit nicht al­lei­ne ist.

30 Jah­re lang ar­bei­tet Pe­tra Ströhl in ih­rem Job als Bank­kauf­frau – mit 49 Jah­ren ent­schließt sie sich da­zu, das zu wer­den, was sie schon im­mer wer­den woll­te: Leh­re­rin. Die Mut­ter drei­er schul­pflich­ti­ger Kin­der kün­digt bei ih­rem Ar­beit­ge­ber und be­ginnt im ver­gan­ge­nen Jahr ein Ba­che­lor­stu­di­um an der Uni­ver­si­tät in Ol­den­burg.

„Wenn nur jun­ge Leu­te um mich ge­we­sen wä­ren, hät­te ich gleich wie­der auf­ge­hört“, sagt Ströhl. Das ist je­doch nicht der Fall. Sie ha­be be­reits gleich­alt­ri­ge Kom­mi­li­to­nen ken­nen­ge­lernt, für die 49-Jäh­ri­ge ei­ne wei­te­re Mo­ti­va­ti­on, das Stu­di­um wirk­lich durch­zu­zie­hen.

Den Mut zu fas­sen, sich aus ei­ner si­che­ren An­stel­lung her­aus und dann noch mit Fa­mi­lie und Kin­dern für ei­nen be­ruf­li­chen Neu­start zu ent­schei­den, fällt be­son­ders vie­len äl­te­ren Ar­beit­neh­mern nicht leicht. Auch in den So­zia­len Netz­wer­ken wird dar­über dis­ku­tiert – mit er­staun­li­chen Er­kennt­nis­sen.

So ent­schei­den sich of­fen­sicht­lich zahl­rei­che Men­schen im Al­ter von An­fang und Mit­te 50 noch für ei­nen Job­wech­sel.

At­trak­ti­ve Jobs

Ei­ne Ärz­tin aus Mün­chen schreibt auf Twitter et­wa, sie sei 50 Jah­re alt ge­we­sen, als sie ih­re Pra­xis er­öff­ne­te. Of­fen­bar gibt es auch je­man­den, der mit 43 Jah­ren ein Me­di­zin­stu­di­um be­gann, mit 50 ab­schloss und sich nun noch zum Fach­arzt für In­ne­re Me­di­zin wei­ter aus­bil­den lässt, mit 55 Jah­ren will er fer­tig sein. Noch äl­ter ist ei­ne an­ge­hen­de Kran­ken­schwes­ter: Sie star­tet mit 57 Jah­ren.

Auch der Be­ruf als Er­zie­her scheint für äl­te­re Ar­beit­neh­mer at­trak­tiv zu sein. Ei­ne Mut­ter be­rich­tet von ei­ner Er­zie­he­rin im Kin­der­gar­ten, die mit 50 Jah­ren ih­re Aus­bil­dung be­gon­nen ha­be, nach­dem ih­re ei­ge­nen Kin­der groß wa­ren. Ei­ne wei­te­re an­ge­hen­de Er­zie­he­rin schließt sich an, sie sei 53 Jah­re alt und ge­ra­de in ih­rem An­er­ken­nungs­jahr.

Wie Pe­tra Ströhl ent­schei­den sich im­mer mehr Be­rufs­wechs­ler für den Lehr­er­be­ruf. Das be­le­gen ak­tu­el­le Zah­len der „Kul­tus­mi­nis­terKon­fe­renz“(KMK). Dem­nach hat in den ver­gan­ge­nen Jah­ren der An­teil von Sei­ten­und Quer­ein­stei­gern bei Neu­ein­stel­lun­gen deut­lich zu­ge­nom­men.

Als Sei­ten­ein­stei­ger wer­den Lehr­kräf­te be­zeich­net, die kein Lehr­amt stu­diert ha­ben. Im Ge­gen­satz zu Quer­ein­stei­gern ha­ben sie auch kei­nen Vor­be­rei­tungs­dienst (Re­fe­ren­da­ri­at) vor­zu­wei­sen. Sei­ten­ein­stei­ger durch­lau­fen meist ei­ne ein­jäh­ri­ge päd­ago­gi­sche Ein­füh­rung und wer­den nicht ver­be­am­tet. Sie ver­die­nen meist we­ni­ger als re­gu­lä­re Lehr­kräf­te. In Nie­der­sach­sen gab es im Jahr 2018 ins­ge­samt 488 Sei­ten­und Quer­ein­stie­ger in den Schul­dienst. Bun­des­weit war je­de zehn­te neu ein­ge­stell­te Lehr­kraft Sei­ten- oder Quer­ein­stei­ger.

Nicht im­mer wer­den Be­rufs­wechs­ler im Fa­mi­li­en­und Be­kann­ten­kreis zu ih­rer Ent­schei­dung er­mu­tigt. Auch Pe­tra Ströhl stößt auf Skep­sis ge­gen­über ih­ren Stu­di­ums­plä­nen. Ob sie denn „to­tal ver­rückt ge­wor­den sei“, muss­te sie sich an­hö­ren. Oder: „Willst du von der Uni di­rekt zur Ren­ten­kas­se ge­hen?“Das sei al­ler­dings nicht ihr Ziel. Dass ih­re Aus­bil­dung mit Stu­di­um und Re­fe­ren­da­ri­at noch ein­mal bis zu sie­ben Jah­re dau­ern könn­te, ist ihr be­wusst. Vi­el­leicht geht es aber auch schnel­ler. Mög­li­cher­wei­se kann sie, so hofft es Pe­tra Ströhl, nach drei Jah­ren Ba­che­lor­stu­di­um be­reits ei­nen Quer­ein­stieg wa­gen.

Si­cher ist: Ih­re Prü­fun­gen im Ba­che­lor­stu­di­um muss die Ems­län­de­rin ab­le­gen, be­vor sie die Al­ters­schwel­le von 55 Jah­ren über­schrei­tet. Auf Bafög oder an­der­wei­ti­ge Zu­schüs­se kann sie nicht mehr zäh­len, da­für sei sie schon zu alt, er­fuhr Ströhl bei der Stu­di­en­be­ra­tung.

Das Stu­di­um ab­sol­viert die Ems­län­de­rin in Voll­zeit mit der­zeit drei Uni-Ta­gen pro Wo­che. Auch das ist ei­ne Um­stel­lung für die 49-Jäh­ri­ge. In der Bank hat­te Ströhl nach ih­rer El­tern­zeit 16 St­un­den in der Wo­che ge­ar­bei­tet. Auch für ih­ren neu­en Ar­beits­weg muss sie nun mehr Zeit ein­pla­nen. Von ih­rem Wohn­ort auf dem Land dau­ert es 45 Mi­nu­ten mit dem Au­to bis zur Uni­ver­si­tät, ei­ne Bus­ver­bin­dung gibt es nicht.

Oh­ne die nö­ti­ge Rü­cken­de­ckung zu Hau­se wä­re ihr das Stu­di­um nicht mög­lich ge­we­sen, sagt Ströhl. Auch ist für sie noch un­ge­wiss, ob sie im­mer al­les un­ter ei­nen Hut brin­gen kann. „Wenn es nicht funk­tio­niert, ha­be ich es we­nigs­tens ver­sucht“, sagt sie.

Auch für äl­te­re Ar­beit­neh­mer kann es sich loh­nen, noch mal in den Hör­saal zu­rück­zu­keh­ren. Sym­bol­fo­to: dpa/Jan-Phil­ipp Stro­bel

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