„Mir fehlt ein klas­si­scher Spiel­ma­cher“

Schwar­zer re­det Kl­ar­text über das deut­sche Team, Funk­tio­nä­re und den Trai­ner

Meppener Tagespost - - SPORT - Von Ralf Koh­ler

Als Hand­bal­ler war Chris­ti­an Schwar­zer 2007 Welt­meis­ter. Ge­gen En­de sei­ner Kar­rie­re hat er dann noch mit Uwe Gens­hei­mer und Patrick Gro­etz­ki bei den Rhein-Ne­ckar Lö­wen ge­spielt. Vie­le an­de­re ak­tu­el­le Na­tio­nal­spie­ler hat er als Trai­ner ken­nen­ge­lernt. Die Eu­ro­pa­meis­ter­schaft ver­folgt Schwar­zer ge­spannt. Die deut­sche Mann­schaft macht ihn bis­her nach­denk­lich.

Herr Schwar­zer, sa­gen Sie zu Be­ginn bit­te ganz kurz, wie Sie die Leis­tung der deut­schen Hand­bal­ler bei der EM bis­her ein­schät­zen ...

Puh, es gab Hö­hen und Tie­fen. Das Wich­tigs­te ist, dass man in der Haupt­run­de ist und das Tur­nier nun rich­tig be­gin­nen kann.

Kommt nun die gro­ße Stei­ge­rung, oder soll­te sich die Öf­fent­lich­keit schon ein­mal dar­auf ein­stel­len, dass es für ei­ne Me­dail­le wohl nicht reicht?

Das Bes­te an der Si­tua­ti­on ist, dass noch nichts pas­siert ist: Wenn man al­le Spie­le in der Haupt­run­de ge­winnt, soll­te man – je nach Aus­gang der an­de­ren Spie­le – das Ziel Halb­fi­na­le ver­wirk­li­chen kön­nen. Klar ist, dass es un­gleich schwe­rer wird, da braucht es in al­len Mann­schafts­tei­len ei­ne Stei­ge­rung.

Dass Ka­pi­tän Uwe Gens­hei­mer zu­letzt emp­foh­len hat, die Er­war­tun­gen run­ter­zu­schrau­ben, ist be­mer­kens­wert, oder?

Spie­ler ha­ben da oft das bes­te Ge­fühl. Wenn er sich so äu­ßert, tut er das nicht oh­ne Grund: Auch als Au­ßen­ste­hen­der, der sieht, was die Spie­ler Wo­che für Wo­che in Cham­pi­ons Le­ague, Meis­ter­schaft und Po­kal leis­ten, dass sie in der Na­tio­nal­mann­schaft nun aber nicht an ihr Ma­xi­mum kom­men, soll­te man vi­el­leicht wirk­lich noch nicht vom Halb­fi­na­le spre­chen.

DHB-Vi­ze­prä­si­dent Bob Han­ning plä­diert aber da­für, sich lie­ber ho­he Zie­le zu set­zen, auch auf die Ge­fahr hin, dass man sie nicht im­mer er­reicht ...

Na­tür­lich muss man nicht vom Ziel ab­rü­cken, so­lan­ge nicht der Ham­mer ge­fal­len ist: Nur muss man über die ak­tu­el­le Leis­tung spre­chen. Da sind Team und Trai­ner ge­fragt. Ge­wöh­nungs­be­dürf­tig fin­de ich im­mer, wenn Of­fi­zi­el­le ins Sport­li­che rein­re­den. Es soll­ten nicht Leu­te, die vi­el­leicht noch nie auf dem Feld stan­den, Din­ge ein­for­dern, von de­nen sie kei­ne Ah­nung ha­ben.

Was hal­ten Sie als ehe­ma­li­ger Kreis­läu­fer von der Theo­rie, dass die Po­si­tio­nen in der Mit­te wich­ti­ger ge­wor­den ist und da­her selbst ein er­fah­re­ner Rechts­au­ßen wie Gro­etz­ki ge­rin­ge­re Be­deu­tung hat?

Wenn man sich den Ka­der an­guckt, gibt es vie­le Theo­ri­en. Ich mag al­le Jungs, freue mich auch, dass wir auf der Kreis­läu­fer­po­si­ti­on so gut auf­ge­stellt sind, trotz­dem ist die Fra­ge, ob man vier Kreis­läu­fern mit­neh­men soll­te.

Ich ha­be schon im Vor­feld ge­sagt, mir fehlt ein klas­si­scher Spiel­ma­cher, ei­ner wie Bom­bac bei den Slo­we­nen, wie En­trer­ri­os bei den Spa­ni­ern ...

Aber auf der Mit­tel­po­si­ti­on hat­te Bun­des­trai­ner Chris­ti­an Prokop we­gen vie­ler Ver­let­zun­gen doch gar kei­ne gro­ße Wahl ...

Scha­de ist na­tür­lich, dass Mar­tin Stro­bel nicht mit woll­te, aber für mich wä­re auch Tim Kneu­le von Frisch

Auf Göp­pin­gen ein Kan­di­dat ge­we­sen. Ich bin zu­sam­men mit ei­nem über­ra­gen­den Mar­kus Baur auf der Spiel­ma­cher­po­si­ti­on Welt­meis­ter ge­wor­den, hat­te auch in mei­ner Zeit in Bar­ce­lo­na ei­nen und se­he, dass An­dy Schmid bei den Rhein-Ne­ckar Lö­wen ei­ne zen­tra­le Rol­le spielt. So bin ich ein Ver­fech­ter des klas­si­schen Spiel­ma­chers und se­he mich in der An­nah­me be­stä­tigt, dass solch ein Typ bei den Deut­schen fehlt.

Spa­ni­en - Tsche­chi­en (16 Uhr), Kroa­ti­en - Ös­ter­reich (18.15 Uhr), Weiß­russ­land - Deutsch­land (20.30 Uhr).

Sie ha­ben selbst viel er­lebt und ken­nen auch die Cha­rak­te­re der meis­ten EM­Fah­rer: Was geht in­tern ab, wenn Leis­tungs­trä­ger Pro­ble­me ha­ben und Er­gän­zungs­spie­ler wich­ti­ger wer­den?

Die Hier­ar­chi­en dür­fen sich durch sol­che Din­ge nicht ver­schie­ben. Gens­hei­mer, Wolff, Pe­keler und Wi­encek müs­sen wei­ter die Spie­ler sein, die vor­ne weg­ge­hen, aber auch ein Jo­gi Bit­ter. Auch wenn er Jah­re nicht da­bei war, hat er die Er­fah­rung, weiß auch von der WM 2007 her, wie es funk­tio­niert.

Da­mals gab es nach der Vor­run­de die le­gen­dä­re nächt­li­che Piz­za-Be­stel­lung ...

Manch­mal pas­sie­ren Din­ge, die nicht pas­sie­ren soll­ten, ich sa­ge aber: Durch die­se Piz­za-Be­stel­lung sind wir Welt­meis­ter ge­wor­den: Da Hei­ner Brand die Ak­ti­on nicht klas­se fand, wuss­te je­der, wenn es nun schief­geht, wird kei­ner mehr der bes­te Freund von Hei­ner Brand sein.

Brands Nach­fol­ger ge­rät nun schon wie­der in die Kri­tik: Wie ist Ih­re Mei­nung da­zu?

Als Bun­des­trai­ner muss du dich der Öf­fent­lich­keit stel­len, dich auch im­mer wie­der hin­ter­fra­gen. Du brauchst Rück­grat und den Arsch in der Ho­se, dei­ne Phi­lo­so­phie durch­zu­set­zen, musst aber vi­el­leicht auch ein­mal et­was än­dern und ein Spiel­sys­tem fin­den, das zur Mann­schaft passt. Für Chris­ti­an Prokop ist es un­heim­lich schwer. Man soll­te ihn jetzt erst mal wei­ter­ar­bei­ten las­sen, aber im Mo­ment sind da schon ei­ni­ge Din­ge, die nicht so zu­sam­men­pas­sen.

Fotos: im­a­go images (Jan Hu­eb­ner, La­ci Pe­re­nyi)

„Bla­cky“in Ak­ti­on: Chris­ti­an Schwar­zer bei der Hand­ball-WM 2007 (gro­ßes Bild) und beim All­star-Spiel ge­gen das Saar­land im De­zem­ber 2019.

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