OP-Na­del im Bauch

Ei­ne Frau aus Aa­len ge­winnt vor Ge­richt ge­gen die Bun­des­re­pu­blik

Mindelheimer Zeitung - - Panorama - VON PE­TER REIN­HARDT

Stutt­gart/Ulm Vor vier­ein­halb Jah­ren ha­ben Ärz­te ei­ne fast zwei Zen­ti­me­ter lan­ge Ope­ra­ti­ons­na­del im Un­ter­leib ei­ner Pa­ti­en­tin ver­ges­sen. Nun be­kommt die 30 Jah­re al­te Frau Schmer­zens­geld. Das Ober­lan­des­ge­richt Stutt­gart ver­pflich­te­te die Bun­des­re­pu­blik als Trä­ge­rin des Bun­des­wehr­kran­ken­hau­ses Ulm, in dem der Feh­ler pas­sier­te, zur Zah­lung von 10000 Eu­ro an Nicole S. aus Aa­len. Wei­ter er­hält die Klä­ge­rin die bis­her ent­stan­de­nen ma­te­ri­el­len Schä­den von rund 2000 Eu­ro er­stat­tet.

„Ich le­be mit er­heb­li­chen Ein­schrän­kun­gen, je­den Tag“, er­klär­te die 30-Jäh­ri­ge ver­gan­ge­ne Wo­che in der münd­li­chen Ver­hand­lung. Ak­tu­ell lie­ge die Na­del tief in ei­nem Len­den­mus­kel. Schmer­zen ver­ur­sacht der im Kör­per wan­dern­de Fremd­kör­per of­fen­bar nicht. Al­ler­dings muss sich die Frau re­gel­mä­ßig rönt­gen las­sen und soll auf me­di­zi­ni­sches An­ra­ten hin Ak­ti­vi­tä­ten mit Sturz­ri­si­ko un­ter­las­sen. We­der kön­ne sie mit ih­ren bei­den Kin­dern Rei­ten noch In­li­ner fah­ren, klag­te die Be­trei­be­rin ei­nes Na­gel­stu­di­os vor Ge­richt. Ent­fer­nen las­sen will sie sich das Me­tall­teil aber nicht. Je­de Ope­ra­ti­on sei ein Ri­si­ko, sag­te sie, au­ßer­dem hät­ten ihr Ärz­te da­von ab­ge­ra­ten.

Der Se­nat des Ober­lan­des­ge­rich­tes wer­te­te in sei­nem am Don­ners­tag ge­fäll­ten Ur­teil das Zu­rück­las­sen der Na­del als schuld­haf­ten Be­hand­lungs­feh­ler. Ärz­te müss­ten al­le mög­li­chen und zu­mut­ba­ren Si­cher­heits­vor­keh­run­gen ge­gen das Ver­ges­sen von Fremd­kör­pern im Ope­ra­ti­ons­ge­biet tref­fen und die In­stru­men­te auf ih­re Voll­stän­dig­keit prü­fen. Die­se Hand­lungs­emp­feh­lun­gen mit dem Ti­tel „Je­der Tup­fer zählt“ha­be das Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­te­ri­um be­reits 2010 ver­öf­fent­licht. Da­her sei es be­fremd­lich, so die Rich­ter, dass die Bun­des­re­pu­blik nun vor Ge­richt ar­gu­men­tier­te, sie sei vier Jah­re nach Ver­öf­fent­li­chung die­ser Emp­feh­lun­gen nicht zu Zähl­kon­trol­len bei Ope­ra­tio­nen ver­pflich­tet.

Das Ober­lan­des­ge­richt hat mit sei­ner Ent­schei­dung das vom Ul­mer Land­ge­richt in der Vor­in­stanz fest­ge­setz­te Schmer­zens­geld um 3000 Eu­ro ver­min­dert. Der Vor­sit­zen­de Rich­ter Wolf­gang Re­der be­grün­de­te dies mit dem Hin­weis, dass die zu­rück­ge­las­se­ne Na­del kei­ne di­rek­ten Schmer­zen ver­ur­sacht.

Der be­han­deln­de Arzt kann sich das Ver­säum­nis bis heu­te nicht er­klä­ren. Er ha­be zum Ver­nä­hen der Wun­de vier Na­deln ein­ge­setzt, je­weils an den En­den der Fä­den. Wie ei­ne da­von im Kör­per zu­rück­blei­ben konn­te, sei ihm un­klar.

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