Ja­kob Was­ser­mann: Der Fall Mau­ri­zi­us (8)

Mindelheimer Zeitung - - Wetter | Roman -

Le­on­hart Mau­ri­zi­us sitzt im Ge­fäng­nis. Aber hat er wirk­lich sei­ne Frau um­ge­bracht? Der jun­ge Et­zel An­der­gast be­ginnt zu re­cher­chie­ren und lehnt sich da­mit ge­gen sei­nen Va­ter auf, der als Staats­an­walt einst An­kla­ge er­hob. Nach und nach wird klar, was sich tat­säch­lich er­eig­net hat. © Pro­jekt Gu­ten­berg

Das Neue, von dem sie fa­beln, auf das sie po­chen, wo ist es? In ih­nen selbst, sa­gen sie. Es gibt kein Neu­es, es gibt kein Al­tes. Der Mensch, sein Weg, sei­ne Ge­burt, sein Tod, al­les das­sel­be seit sechs­tau­send, seit sech­zig­tau­send Jah­ren, Fa­be­lei der Zeit­be­schränk­ten, je­des Lu­s­trum zur Epo­che zu ma­chen; je we­ni­ger sie sel­ber sind, je mehr er­war­ten sie von der Zeit: der ur­al­te Strom treibt auch ih­re Klap­per­müh­len, und sie bil­den sich ein, sie hät­ten sei­nen Lauf ver­än­dert, weil in sei­nen Was­sern auch ihr Rad sich dreht.

Er glaub­te selbst hier noch über­le­gen zu sein und zu „spie­len“, wo er mit sei­nem De­s­po­tis­mus im Be­grif­fe war zu schei­tern. Na­tür­lich war er dar­auf ge­faßt, in sei­nem Sohn ei­nes Ta­ges den an­ders ge­präg­ten Men­schen gel­ten las­sen zu müs­sen; vi­el­leicht trat die an­de­re Prä­gung des­halb so früh her­vor, weil er in sei­ner ge­fro­re­nen Skep­sis so gut und schon so lan­ge dar­auf vor­be­rei­tet war; Furcht er­zeugt das Ge­fürch­te­te. Aber es war nicht der De­s­po­tis­mus des Va­ters, der ei­ne Nie­der­la­ge er­litt, es war der des Be­am­ten. Herrn von An­der­gast war der Dienst Be­ru­fung, der Be­ruf Sen­dung. Er war der Be­auf­trag­te ei­nes ab­so­lu­ten Herrn, des­sen In­ter­es­sen er ver­trat, in des­sen Na­men er wirk­te und des­sen asia­ti­sche Macht­voll­kom­men­hei­ten durch Lo­cke­rung der Re­gie­rungs­for­men nicht be­ein­träch­tigt wer­den konn­ten. Der Herr, ver­schwand er auch als wirk­li­che Per­son vom Schau­platz, als Sym­bol blieb er be­ste­hen. Und Sym­bol war auch der Die­ner, als Die­ner hat­te er kei­ne Ge­schich­te, kein Vor­le­ben, kein Pri­vat­le­ben. Je­de mensch­li­che Bin­dung war der amt­li­chen ge­gen­über von un­ter­ge­ord­ne­ter Be­deu­tung. Un­wan­del­bar­keit ist das Prin­zip, das ihn trägt, sei­ne Zeit ist al­le Zeit, der re­li­giö­se Glau­be an die Hier­ar­chie, der er an­ge­hört, macht ihn zum Mönch, zum As­ke­ten, un­ter Um­stän­den zum Fa­na­ti­ker. Es hieß von Herrn von An­der­gast, we­nigs­tens rühm­ten es sei- ne Kol­le­gen an ihm, daß sein star­ker Tat­sa­chen­sinn bei den schwie­rigs­ten und dun­kels­ten Rechts­fäl­len Tri­um­phe ge­fei­ert und ihm das au­to­ri­ta­ti­ve An­se­hen ver­schafft hat­te, das durch kei­ne Um­wäl­zung, kei­ne Neue­rung in der Ver­wal­tung er­schüt­tert wor­den war. Be­greif­lich. War­um soll­te je­mand von au­ßen er­schüt­tert wer­den, der so un­er­schüt­ter­lich in sich sel­ber ruht?

Es war halb zehn ge­wor­den. Herr von An­der­gast zog die gol­de­ne De­ckel­uhr. Et­zel er­hob sich. Er mach­te sei­ne Ver­beu­gung, sag­te gu­te Nacht und wand­te sich mit der ge­wohn­ten Flucht­ge­bär­de zur Tür. Dort zö­ger­te er. Er blick­te ge­gen die Wand und frag­te schnell und scheu: „Wer ist denn die­ser Mau­ri­zi­us, Va­ter?“

Herr von An­der­gast blieb auf der Schwel­le sei­nes Ar­beits­zim­mers ste­hen. „Wo­zu willst du das wis­sen;“frag­te er zu­rück und maß den Sohn mit kal­tem Blick.

„Nur so…“, er­wi­der­te Et­zel, „es ist, weil …“Er stock­te.

Er hat­te auch die Rie ge­fragt. Sie hat­te nach­ge­dacht und den Kopf ge­schüt­telt. Er nahm sich in die­sem Au­gen­blick vor, noch an­de­re Leu­te zu fra­gen, so viel Leu­te wie mög­lich, vor al­lem die Groß­mut­ter, bei der er, wie je­den Sonn­tag, über­mor­gen zu Mit­tag es­sen soll­te. Er ent­sann sich, daß der Mann mit der Ka­pi­täns­müt­ze sei­nen Na­men mit ei­ner Art von Be­rühmt­heits­be­wußt­sein ge­nannt hat­te, un­ge­fähr, wie wenn ei­ner sa­gen wür­de: ich hei­ße Bis­marck, wenn schon nicht tri­um­phie­rend, son­dern ver­bis­sen. Der Ton lag ihm noch im Ohr.

„Es ist kei­nes­falls ein Ge­gen­stand, über den wir bei­de uns un­ter­hal­ten kön­nen“, sag­te Herr von An­der­gast und rag­te als un­zu­gäng­li­cher Turm in der Wol­ke der Fros­tig­keit.

„Ich möch­te ihr mal schrei­ben“, mur­mel­te Et­zel, als er in sei­ner Stu­be auf und ab ging. Er sah ei­ne Wie­se vor sich, dar­über ei­nen wald­be­deck­ten Hü­gel, dar­über die un­ter­ge­hen­de Son­ne; die Er­de war ge­bo­gen wie der Rü­cken ei­nes Rie­sen. In sei­ner Keh­le juck­te es.

Er setz­te sich hin und schrieb auf ein Blatt, das er aus ei­nem der Schul­hef­te ge­ris­sen hat­te: „Es geht vie­les vor, ich den­ke viel über al­les nach. Gräß­lich, daß ich Dich nicht mal ken­ne. Wo bist Du ei­gent­lich? Es kann sein, daß ich mich ei­nes Ta­ges auf die Ei­sen­bahn set­ze und zu Dir hin­fah­re. In den Fe­ri­en vi­el­leicht. Du lachst vi­el­leicht über den Schul­bu­ben­plan. Na­tür­lich, wenn ich von dem Vor­satz was ver­lau­ten lie­ße, wär’s aus. War­um? frag ich. Es sind über­haupt ei­ne Men­ge Fra­gen zu be­ant­wor­ten. Ein Mensch in mei­nem Al­ter ist wie an Hän­den und Fü­ßen mit Stri­cken ge­bun­den. Wer weiß, wenn die Stri­cke mal zer­schnit­ten wer­den, ist man am En­de schon lahm und zahm! Das ist wohl der Zweck. Zahm soll man wer­den. Ha­ben sie Dich auch zahm ge­macht? Kannst Du mir nicht sa­gen, was ich tun soll, da­mit wir uns se­hen kön­nen? Ich tue, was Du willst, nur muß es ge­heim blei­ben. Du ver­stehst. Er er­fährt im­mer al­les. Die­ser Brief muß un­be­dingt ge­heim blei­ben. Ich wer­de ja äl­ter mit der Zeit. Es ist aber zum Ver­zwei­feln, wie lang­sam es geht. Es wird ih­nen nicht ge­lin­gen, mit dem Zahm­ma­chen. Weißt Du, wie ich den Brief im Vor­zim­mer sah, war’s, als hät­te der Blitz in mein Hirn ein­ge­schla­gen. Gern möcht ich wis­sen, was da los ist. Du ver­stehst mich schon. Ich ha­be das Ge­fühl, daß man Dir ein Un­recht zu­ge­fügt hat. Stimmt das? Ich muß Dir über­haupt sa­gen, was man so tag­täg­lich von Un­ge­rech­tig­kei­ten hört, ist ganz schau­der­haft. Du mußt wis­sen, daß mir Un­ge­rech­tig­keit das Al­ler­ent­setz­lichs­te auf der Welt ist. Ich kann Dir gar nicht schil­dern, wie mir zu­mut ist, wenn ich Un­ge­rech­tig­keit er­le­be, an mir oder an an­dern, ganz gleich. Es geht mir durch und durch. Leib und See­le tun mir weh, es ist, als hät­te man mir den Mund voll Sand ge­schüt­tet und ich müß­te auf der Stel­le er­sti­cken …“

Er hielt in­ne. Miß­bil­li­gend nahm er wahr, daß er an sich sel­ber schrieb oder an ei­ne er­dach­te Per­son, nicht an ei­ne wirk­li­che. Er konn­te ja die Epis­tel nicht ein­mal ab­schi­cken. Er hat­te kei­ne Adres­se. Er hat­te ver­säumt, die Rück­sei­te des Briefs, der aus Genf kam, an­zu­schau­en. Fer­ner war zu be­fürch­ten, daß der Va­ter wie von al­len sei­nen Hand­lun­gen auch da­von Kennt­nis er­hielt. Als Kind hat­te er sich ein­ge­bil­det, daß der Va­ter im Mit­tel­punkt des Wel­talls saß und sämt­li­che Sün­den und Ver­ge­hun­gen al­ler Leu­te in der Stadt mit ei­nem Mar­mor­grif­fel auf ei­ne Mar­mor­ta­fel ver­zeich­ne­te. Res­te die­ses Glau­bens wa­ren noch in ihm vor­han­den, noch jetzt form­ten sich bis­wei­len in­ne­re Sze­nen, ima­gi­nä­re Ge­sprä­che dar­aus. Ge­bie­tend stand der Va­ter im Zim­mer. Als Zau­be­rer hat­te er die Macht, durch ge­schlos­se­ne Tü­ren zu ge­hen. In sei­ner Ei­gen­schaft als Zau­be­rer hat­te ihm Et­zel den Na­men Tris­me­gis­tos ge­ge­ben. Im­mer, wenn er sich den Va­ter in ei­ner stra­fen­den Ak­ti­on dach­te, hieß er ihn so. Der Dia­log voll­zog sich un­ge­fähr, wie folgt: Tris­me­gis­tos: Wo bist du, Et­zel; – Hier bin ich. – War­um ver­birgst du dich vor mir; – Ich ver­ber­ge mich nicht, ich ha­be nur die Mas­ke vom Ge­sicht ge­nom­men. – Wie, du er­dreis­test dich, oh­ne Mas­ke vor mir zu er­schei­nen? Wenn ei­ner al­lein ist, Va­ter, braucht er doch kei­ne Mas­ke. »9. Fort­set­zung folgt

Newspapers in German

Newspapers from Germany

© PressReader. All rights reserved.