Die Berg- und Tal­fahrt ei­nes Po­li­ti­kers

Franz Jo­sef Pschie­rer wur­de 2018 Mi­nis­ter und ist nun wie­der ein­fa­cher Land­tags­ab­ge­ord­ne­ter. Er schil­dert, wie er das Jahr er­lebt hat

Mindelheimer Zeitung - - Mindelheim Und Das Unterallgäu -

Herr Pschie­rer, Sie wur­den im März vom Staats­se­kre­tär zum Mi­nis­ter be­för­dert und ha­ben Ihr Amt nach der Wahl an den Freie-Wäh­ler-Chef Hu­bert Ai­wan­ger ab­ge­ben müs­sen. Wenn Sie Ihr Jahr mit ei­nem Wort zu­sam­men­fas­sen müss­ten, wel­ches wä­re das? Franz Jo­sef Pschie­rer: Ein ein­zi­ges Wort? Das ist schwie­rig ... stel­len wir die Fra­ge mal kurz zu­rück. Mir fällt si­cher noch et­was ein. Was ha­ben Sie 2018 er­lebt?

Pschie­rer: Für mich war es ein sehr er­eig­nis­rei­ches Jahr, das mei­ne gan­ze Kraft ge­for­dert hat. Seit der Bil­dung des neu­en Ka­bi­netts durch Mar­kus Sö­der war ich als Wirt­schafts­mi­nis­ter und Wahl­kämp­fer dop­pelt ge­for­dert. Glück­li­cher­wei­se kann­te ich das Mi­nis­te­ri­um und die The­men, weil ich schon seit 2008 Staats­se­kre­tär war. Die Be­ru­fung zum Mi­nis­ter hat mich na­tür­lich sehr ge­freut. Und ich hät­te mir durch­aus vor­stel­len kön­nen, das Amt län­ger aus­zu­üben. (lacht) Es wa­ren gu­te acht Mo­na­te mit vie­len Mög­lich­kei­ten, Din­ge vor­an­zu­trei­ben. Dann folg­te je­doch die die Land­tags­wahl mit den be­kann­ten Fol­gen. In­so­fern gibt es doch ei­nen Aus­druck für die­ses Jahr: ei­ne Ber­gund Tal­fahrt. Ich freue mich über mein Stimm­krei­s­er­geb­nis, aber ich will nicht ver­heh­len: Wir hät­ten uns ein an­de­res Wah­l­er­geb­nis ge­wünscht. Und nach­dem die Frei­en Wäh­ler un­ter an­de­rem das Wirt­schafts­mi­nis­te­ri­um ge­wählt ha­ben, stand mei­ne Zu­kunft im Ka­bi­nett in­fra­ge. In­so­fern ging’s ganz nach oben und wie­der nach un­ten. Wenn ich ein Bild wäh­len müss­te, wür­de ich al­so sa­gen: Es war ei­ne Berg- und Tal­fahrt – oder Ach­ter­bahn! Wie ha­ben Sie er­fah­ren, dass es mit dem Wirt­schafts­mi­nis­te­ri­um nichts wird? Pschie­rer: Dass das Mi­nis­te­ri­um an die Frei­en Wäh­ler geht, ha­be ich durch ei­nen An­ruf von Mar­kus Sö­der er­fah­ren. Es wur­den ja zu­erst die In­hal­te für die Ko­ali­ti­on ver­han­delt, da war ich, was die Wirt­schafts­po­li­tik be­trifft, noch be­tei­ligt. Dann hat Mar­kus Sö­der an ei­nem Sonn­tag­vor­mit­tag an­ge­ru­fen und ge­sagt: „Du, die Frei­en Wäh­len ha­ben sich jetzt ent­schie­den für Wirt­schaft, Um­welt und Bil­dung. Tut mir leid. Ich kann dir auch nicht sa­gen, ob es ei­ne an­de­re Mög­lich­keit für dich gibt.“Das neue Ka­bi­nett woll­te der Mi­nis­ter­prä­si­dent jün­ger und weib­li­cher ge­stal­ten. Bei­des trifft auf mich nur be­dingt oder gar nicht zu. (schmun­zelt) Das hat er Ih­nen am Te­le­fon ge­sagt? Pschie­rer: Nein, das ge­schah per­sön­lich. Am Sonn­tag, 4. No­vem­ber, ha­be ich er­fah­ren: Das Wirt­schafts­mi­nis­te­ri­um ist weg. Die­se Wo­che war ei­ne span­nen­de Wo­che, auf die wie­der das Bild der Berg- und Tal­fahrt zu­trifft. Am dar­auf­fol­gen­den Sonn­tag bin ich für Mon­tag zu ei­nem Ter­min bei Mar­kus Sö­der ge­be­ten wor­den. Ich bin un­wis­send in die­ses Ge­spräch ge­gan­gen und auch sonst wuss­te nie­mand et­was. Im End­ef­fekt ja so wie bei Ih­rer Er­nen­nung zum Mi­nis­ter im März ... Pschie­rer: Ge­nau! Da hel­fen nur De­mut und Ge­las­sen­heit – auch wenn es schwer­fällt. Und das Wis­sen, dass po­li­ti­sche Man­da­te im­mer nur auf Zeit ver­ge­ben wer­den. Ha­ben Sie ei­nen Trick da­für? Pschie­rer: Ich ha­be mich am Vor­abend mit mei­ner Frau un­ter­hal­ten: Es gab nur zwei Mög­lich­kei­ten. Du bist da­bei – oder du bist nicht mehr da­bei. Man kann im Le­ben nicht al­les pla­nen, aber man soll­te sich auf Si­tua­tio­nen vor­be­rei­ten. Wenn es ge­klappt hät­te, hät­te ich mich ge­freut. Ich bin jetzt aber da­nach auch nicht in ein tie­fes Loch ge­fal­len. Ich hat­te das Glück, zehn Jah­re Mit­glied der Staats­re­gie­rung zu sein in zwei hoch in­ter­es­san­ten Mi­nis­te­ri­en, dem Fi­nanz- und dem Wirt­schafts­mi­nis­te­ri­um: gro­ße Res­sorts mit wich­ti­gen Auf­ga­ben. In­so­fern kann ich dank­bar zu­rück­schau­en. Sie ha­ben jetzt hin­ein­ge­schnup­pert in das Le­ben als nor­ma­ler Land­tags­ab­ge­ord­ne­ter. Wie ist Ihr neu­er All­tag? Pschie­rer: Ganz neu ist das für mich nicht. Aber Un­ter­schie­de gibt es

durch­aus: Der Tag als Mit­glied ei­ner Staats­re­gie­rung ist noch viel stär­ker durch­ge­tak­tet, ein enorm schnel­ler Rhyth­mus, ein Stück weit von au­ßen be­stimmt. Die Ter­min­fül­le geht manch­mal tat­säch­lich an die Gren­ze der Be­last­bar­keit. Und im Wirt­schafts­mi­nis­te­ri­um kom­men noch sehr vie­le Aus­lands­rei­sen da­zu. Gibt es ei­nen Un­ter­schied zwi­schen Staats­se­kre­tä­ren und Mi­nis­tern? Pschie­rer: Der Wech­sel bringt mehr Ver­ant­wor­tung, die Ter­min­fül­le ist ähn­lich. Was mich nun freut ist, dass ich als ein­fa­cher Ab­ge­ord­ne­ter wie­der mehr Zeit ha­be, den Stimm­kreis zu be­treu­en. Als Mi­nis­ter hat­te ich da­ge­gen ei­nen bes­se­ren Zu­gang zu In­for­ma­tio­nen und ei­nen um­fang­rei­chen Ap­pa­rat, zu dem mit al­len nach­ge­ord­ne­ten Di­enst­stel­len über 500 höchst qua­li­fi­zier­te Mit­ar­bei­ter ge­hör­ten. Das ist et­was, das man an­fangs schon ver­misst. Wer un­ter­stützt Sie heu­te? Pschie­rer: Ich ha­be ei­nen wis­sen­schaft­li­chen Mit­ar­bei­ter und ei­ne Se­kre­tä­rin im Stimm­kreis­bü­ro. In Mün­chen gibt es die Land­tags­be­auf­trag­ten, bei de­nen man sich In­for­ma­tio­nen ho­len kann, aber es geht halt ein biss­chen um­ständ­li­cher. Die sind für al­le zu­stän­dig?

Pschie­rer: Ja, das heißt: Da ist man nicht mehr die Num­mer eins. Es funk­tio­niert auch, aber es ist schon ein Un­ter­schied, weil in den Staats­mi­nis­te­ri­en ein­fach ex­zel­len­te Mit­ar­bei­ter ar­bei­ten. Für mei­ne Tä­tig­keit als Ab­ge­ord­ne­ter ha­be ich mich ent­schie­den, in den Aus­schuss für Wis­sen­schaft, For­schung und Kunst zu ge­hen – be­wusst nicht in den Wirt­schafts­aus­schuss. Ich woll­te nicht ei­ne Art Ge­gen-Mi­nis­ter spie­len, son­dern ha­be mir ein Feld ge-

sucht, mit dem ich auch vor­her schon zu tun hat­te. Ich wer­de im Aus­schuss zum Bei­spiel die schwä­bi­schen Hoch­schu­len be­treu­en. Und Sie sind jetzt bei der CSU-Mit­tel­stands­uni­on ak­tiv ...

Pschie­rer: Ich bin dort seit Kur­zem Lan­des­vor­sit­zen­der. Das war auch der Wunsch vie­ler in der Par­tei, nach­dem das Wirt­schafts­mi­nis­te­ri­um jetzt bei den Frei­en Wäh­lern ist, dass man das Feld Wirt­schafts­po­li­tik ent­spre­chend hoch ge­wich­tet. Und es gibt viel zu tun: Denn die Mit­tel­ständ­ler lei­den nicht nur un­ter ho­hen Steu­ern, son­dern auch ganz stark un­ter der Bü­ro­kra­tie. Die Mit­tel­stands­uni­on ist das zwei­te we­sent­li­che Ele­ment für mich. Und die an­de­ren? Pschie­rer: Das Land­tags­man­dat, der Aus­schuss, die Mit­tel­stands­uni­on und als vier­tes: Ich bin nach wie vor mit Freu­de und Lei­den­schaft Prä­si­dent des All­gäu-Schwä­bi­schen Mu­sik­bun­des. An Auf­ga­ben und Ar­beit man­gelt es al­so nicht. Aber es ist ein neu­er Rhyth­mus. Um­ge­wöh­nen muss man sich auch in ganz ba­na­len Din­gen ... Zum Bei­spiel? Pschie­rer: Ich bin – das darf man gar nicht laut sa­gen – vor zwei Wo­chen zum ers­ten Mal nach zehn Jah­ren wie­der U-Bahn in Mün­chen ge­fah­ren. Wie kom­men Sie jetzt nach Mün­chen? Pschie­rer: Ich fah­re häu­fig mit dem Zug. Ich ha­be die letz­ten zehn Jah­re ei­nen gro­ßen Teil mei­nes Le­bens im Di­enst­wa­gen ver­bracht. Wir hat­ten vie­le Ta­ge mit 1000 Ki­lo­me­tern. Das ist ein Wahn­sinn. Da wird der Di­enst­wa­gen zum Bü­ro ...

Pschie­rer: Ja, er ist Bü­ro, zum Teil auch Klei­der­schrank. Al­so ein völ­lig an­de­res Le­ben! Wie geht es Ih­nen mit der Ve­rän­de­rung? Sie wir­ken nicht un­zu­frie­den. Pschie­rer: Die ers­ten zwei, drei Wo­chen wa­ren schon un­ge­wohnt. Was war die größ­te Um­stel­lung?

Pschie­rer: Ganz ehr­lich: Biorhyth­misch hat­te ich zu Be­ginn ein ech­tes Pro­blem! Ich bin ex­trem früh auf­ge­wacht, weil der Kör­per ein­fach so ein­ge­stellt war. Wir wa­ren ja häu­fig fünf oder sechs Ta­ge un­ter­wegs, sind um sechs Uhr los und nachts um elf, halb zwölf heim­ge­kom­men. Am An­fang war schon die kör­per­li­che Um­stel­lung gar nicht so ein­fach, weg von die­sem Rhyth­mus mit we­nig Schlaf, viel Stress, den Aus­lands­ter­mi­nen. Die­ses per­ma­nen­te SichEin­stel­len auf neue Si­tua­tio­nen. Da ent­steht, wenn die­ser Stress, die stän­di­ge Hek­tik weg ist, ei­ne ge­wis­se Lee­re. Aber in­zwi­schen füh­le ich mich wie­der im Ein­klang: Ich ha­be ers­tens ei­nen neu­en Takt und zwei­tens bin ich da­bei, wie­der Din­ge zu ler­nen, die für mich or­ga­ni­siert wor­den sind. Ganz ba­na­le Sa­chen: So la­gen, wenn der Di­enst­wa­gen mor­gens vor der Tür stand, die Zei­tun­gen des Ta­ges und ein fer­ti­ger Pres­se­spie­gel schon drin. Jetzt muss ich es für mich wie­der selbst or­ga­ni­sie­ren. Das ist am An­fang un­ge­wohnt, aber es macht auch Spaß. Ist es nicht auch schö­ner, wenn man nicht mehr fremd­be­stimmt ist? Denn den Takt ge­ben ja an­de­re vor. Pschie­rer: In die­sen Spit­zen­äm­tern sind zehn Jah­re wahr­schein­lich ei­ne gu­te Zeit – be­vor man wo­mög­lich nicht mehr in der La­ge ist, die Frei­räu­me, die man zu­rück ge­winnt, auch zu nut­zen. Man wird auch die

Hek­tik wie­der los. Die­se Hek­tik, der Stress führt ja teil­wei­se auch da­zu, dass Sie an­de­ren Men­schen ge­gen­über un­sen­si­bel auf­tre­ten, so­dass die­se den­ken: „Was ist denn mit dem los, die­sem Ty­pen? Spinnt der jetzt oder wie geht der mit mir um?“Das pas­siert nicht aus Ab­leh­nung oder gar Ar­ro­ganz, son­dern weil der Nächs­te schon wie­der ir­gend­wo ge­war­tet hat. Sie sind als Mi­nis­ter per­ma­nent ver­füg­bar, sie­ben Ta­ge die Wo­che, rund um die Uhr. Das for­dert ei­nen mas­siv. Hat­ten Sie ei­gent­lich ein Zim­mer in Mün­chen? Pschie­rer: Ja, ich ha­be ein Apart­ment und wer­de es auch be­hal­ten. Ich wer­de si­cher­lich mehr zu Hau­se sein, aber ich ha­be die letz­ten Jah­re na­tür­lich viel Zeit in Mün­chen ver­bracht. Es war auch das Le­ben in zwei Wel­ten. Und ich möch­te bei­des nicht mis­sen – auch die Lan­des­haupt­stadt nicht. Aber ich bin Un­ter­all­gäu­er, ich brau­che Bo­den­haf­tung. Ich muss mir jetzt auch kei­nen neu­en Be­kann­ten­kreis auf­bau­en. Wie ha­ben denn Ih­re Freun­de und Be­kann­ten re­agiert? Pschie­rer: Po­si­tiv. (lacht) Mit ehr­li­chem Be­dau­ern, aber ver­bun­den mit der Freu­de und dem Kom­men­tar: „Dann hast ja jetzt wie­der mehr Zeit für uns.“Hier ha­be ich Freun­de, Fa­mi­lie, Ver­ei­ne. Kar­ten-, Stamm­tisch-, Ten­nis­run­de. Man hat ver­sucht, die Bin­dung zu hal­ten. Das war häu­fig schwie­rig. Da dan­ke ich all je­nen, die mich jetzt wie­der ein Stück weit auf­ge­fan­gen ha­ben. Was pla­nen Sie fürs nächs­te Jahr nach die­ser Berg- und Tal­fahrt 2018? Pschie­rer: Ich ha­be frü­her viel ge­le­sen. In den letz­ten zehn Jah­ren aber fast nur Fach­li­te­ra­tur, Ver­mer­ke und Ak­ten. Wie­der die Mög­lich­keit zu ha­ben, ein gu­tes Buch zu le­sen, dar­auf freue ich mich. Was le­sen Sie gern? Pschie­rer: Bio­gra­fi­en his­to­ri­scher Per­sön­lich­kei­ten. Ich ha­be schon seit Lan­gem ei­ne Bio­gra­fie über Bis­marck. Er ist ei­ner der Men­schen, die mich fas­zi­nie­ren. Und na­tür­lich als Mu­si­ker auch Bio­gra­fi­en über Kom­po­nis­ten, et­wa Mo­zart oder Beet­ho­ven. Was ich mir auch ganz fest vor­ge­nom­men ha­be: Ich wer­de ab 1. Ja­nu­ar den ak­ti­ven Kampf ge­gen die Be­we­gungs­ar­mut ei­nes Po­li­ti­kers auf­neh­men. Das wird da­mit be­gin­nen, dass ich öf­ters lau­fen ge­he. Ich wer­de kei­ne Ri­si­ko­sport­ar­ten ma­chen, aber ei­nes der gro­ßen Han­di­caps von Po­li­ti­kern ist tat­säch­lich, dass man zu we­nig geht. Ich ha­be mal ei­nen Schritt­zäh­ler ge­tes­tet. Das war ernst­haft scho­ckie­rend! Und Ih­re po­li­ti­schen Plä­ne?

Pschie­rer: Da will ich dem The­ma Mit­tel­stands­po­li­tik gro­ße Be­deu­tung bei­mes­sen. Wir le­ben in Bay­ern nicht von den gro­ßen Kon­zer­nen, son­dern von hun­dert­tau­sen­den klei­nen und mitt­le­ren Be­trie­ben in Hand­werk, Han­del, Di­enst­leis­tung, Tou­ris­mus und Land­wirt­schaft. Ich schät­ze al­le Po­li­tik­be­rei­che, aber per­sön­lich war ich nie et­was an­de­res als Wirt­schafts- und Fi­nanz­po­li­ti­ker. Da gilt für mich der al­te Satz von Lud­wig-Er­hardt: Wirt­schaft ist nicht al­les, aber oh­ne Wirt­schaft ist al­les nichts. Ziel der Po­li­tik muss es sein, Men­schen Aus­bil­dungs- und Be­schäf­ti­gungs­mög­lich­kei­ten zu bie­ten, am bes­ten vor Ort. Ich will kei­ne wei­ter zu­neh­men­de Pend­ler­ge­sell­schaft. Und ich will jun­gen Men­schen hel­fen, den Sprung in die Selbst­stän­dig­keit zu wa­gen. In ei­ner wirt­schaft­lich star­ken Re­gi­on wer­den das im­mer we­ni­ger ... Pschie­rer: Die Grün­der­dy­na­mik hat et­was nach­ge­las­sen in den letz­ten Jah­ren, weil es – gott­sei­dank – gut be­zahl­te Jobs in der Wirt­schaft gab. Wie kann man jun­ge Men­schen da­von über­zeu­gen, sich den­noch zu trau­en? Pschie­rer: Wir müs­sen un­se­re Ein­stel­lung zum Schei­tern än­dern. Denn das ge­hört zum Grün­den oft da­zu. Man darf nicht je­man­den, der ein Ri­si­ko ein­geht und schei­tert, bis

in die Ewig­keit in die Schub­la­de des Ver­sa­gers ste­cken. Da sind uns an­de­re Län­der vor­aus. Schei­tern ge­hört zum Le­ben! Hin­fal­len ist kei­ne Schan­de, nur Lie­gen­blei­ben. Wir müs­sen Grün­dern hel­fen, die bü­ro­kra­ti­schen Hür­den zu neh­men, und ih­nen Mög­lich­kei­ten ge­ben, ei­ne Ge­schäfts­idee zu fi­nan­zie­ren. Da­zu gibt es ei­nen Wachs­tums­fond, den wir im Mi­nis­te­ri­um auf­ge­legt ha­ben. Und ich ha­be wei­te­re Ste­cken­pfer­de: Ich ha­be mich sehr stark en­ga­giert für die Be­rei­che Tou­ris­mus und für Luft- und Raum­fahrt. Wie ha­ben Sie Ihr Amt samt den Pro­jek­ten an Hu­bert Ai­wan­ger über­ge­ben? Pschie­rer: Es hat be­reits ei­ne of­fi­zi­el­le Amts­über­ga­be statt­ge­fun­den – ge­mein­sam mit den Mit­ar­bei­tern des Mi­nis­te­ri­ums. Dort ha­be ich sym­bo­lisch den Schlüs­sel über­ge­ben und ein Ab­schieds­ge­schenk des Hau­ses be­kom­men. Näm­lich? Pschie­rer: Mo­ment ... (ver­lässt das Bü­ro und kommt ei­ne Mi­nu­te spä­ter mit ei­ner et­wa ei­nen Me­ter gro­ßen sil­ber­far­be­nen Fi­gur des Zi­gar­re rau­chen­den Lud­wig Er­hard zu­rück) Ich bin ein al­ter Lud­wig-Er­hard-Fan, Va­ter der so­zia­len Markt­wirt­schaft! Hu­bert Ai­wan­ger und ich hat­ten al­ler­dings schon Ta­ge zu­vor ein in­ten­si­ves Ge­spräch über die Auf­ga­ben und Her­aus­for­de­run­gen als Wirt­schafts­mi­nis­ter. Nur Sie bei­de oder sitzt da ein gan­zer Stab an Mit­ar­bei­tern da­bei? Pschie­rer: Nein, das war ein ganz per­sön­li­ches Ge­spräch. Ich ha­be über die Per­so­nal­struk­tur des Hau­ses in­for­miert, über lau­fen­de und ge­plan­te Vor­ha­ben, kri­ti­sche Punk­te. Das war, be­haup­te ich, ein gu­ter Über­gang. Wir pfle­gen auch jetzt ei­nen ver­trau­ens­vol­len Kon­takt. Ai­wan­ger ist ja auch je­mand, der den Mit­tel­stand im Blick hat. Pschie­rer: Wir ha­ben in un­se­rem Ge­spräch durch­aus Ge­mein­sam­kei­ten ent­deckt. Na­tür­lich setzt er an­de­re Ak­zen­te. Aber im Grund­satz macht er – bis­lang zu­min­dest – ei­nen gu­ten Job. Wo ha­ben Sie selbst als Mi­nis­ter ei­nen gu­ten Job ge­macht?

Pschie­rer: Ich ha­be die Tech­no­lo­gie­för­de­rung des Frei­staa­tes Bay­ern neu auf­ge­stellt für die Zu­kunfts­the­men. Künst­li­che In­tel­li­genz und 3-D-Druck für den Mit­tel­stand ver­füg­bar zu ma­chen, war mir wich­tig und ist mir auch ge­lun­gen. Das Zwei­te, was für mich bleibt, ist die Stär­kung der Au­ßen­wirt­schafts­för­de­rung so­wie der An­sied­lungs­po­li­tik. Wir ha­ben 26 Aus­lands­nie­der­las­sun­gen. Ich ha­be sie er­wei­tert und ver­stärkt, ha­be Re­prä­sen­tan­zen in Chi­na, Ko­rea und Is­ra­el er­öff­net. Und ich ha­be ein Mo­bil­funk­pakt auf die Bei­ne ge­stellt, der die wei­ßen Fle­cken im Frei­staat deut­lich re­du­zie­ren wird – auch mit­hil­fe ei­nes För­der­pro­gramms. Ei­ne mei­ner ers­ten Amts­hand­lun­gen war au­ßer­dem die Schaf­fung ei­ner ei­ge­nen Tou­ris­mus­ab­tei­lung im Mi­nis­te­ri­um. Und ich konn­te sie­ben Di­gi­ta­le Grün­der­zen­tren er­öff­nen. Das klingt jetzt vi­el­leicht an­ma­ßend, aber für die Kür­ze der Zeit konn­te ich schon ei­ge­ne Ak­zen­te set­zen. Ins­ge­samt bli­cke ich sehr dank­bar und zu­frie­den zu­rück, weil ich im Wirt­schafts­mi­nis­te­ri­um vie­les po­si­tiv ge­stal­ten konn­te – als Staats­se­kre­tär und als Mi­nis­ter. War’s das jetzt für Sie an der Spit­ze der baye­ri­schen Po­li­tik? Pschie­rer: Da tref­fe ich kei­ne Vor­her­sa­gen. Fra­gen Sie mich ein­fach in zwei Jah­ren, wenn es wie­der um die nächs­te Wahl geht. Vi­el­leicht ist dann mei­ne Er­fah­rung ge­fragt. Grund­sätz­lich wa­ren die­se zehn Jah­re die span­nends­ten, in­ten­sivs­ten und er­eig­nis­reichs­ten Jah­re in mei­nem be­ruf­li­chen Le­ben. Der Wech­sel von Mi­nis­ter­prä­si­den­ten, der Re­gie­rungs­wech­sel, al­le Hö­hen und Tie­fen – ein­fach enorm span­nend! In der Nä­he da­bei zu sein, ha­be ich als Pri­vi­leg emp­fun­den, und da­für bin ich un­ge­heu­er dank­bar. In­ter­view: Melanie Lippl

Foto: Lippl

„Lud­wig, du bleibst jetzt hier!“sag­te Franz Jo­sef Pschie­rer spa­ßes­hal­ber, als er die Fi­gur von Lud­wig Er­hard in sein Bü­ro hol­te, die ihm das Wirt­schafts­mi­nis­te­ri­um zum Ab­schied ge­schenkt hat­te.

Newspapers in German

Newspapers from Germany

© PressReader. All rights reserved.