Ja­kob Was­ser­mann: Der Fall Mau­ri­zi­us (11)

Mindelheimer Zeitung - - Wetter | Roman -

Le­on­hart Mau­ri­zi­us sitzt im Ge­fäng­nis. Aber hat er wirk­lich sei­ne Frau um­ge­bracht? Der jun­ge Et­zel An­der­gast be­ginnt zu re­cher­chie­ren und lehnt sich da­mit ge­gen sei­nen Va­ter auf, der als Staats­an­walt einst An­kla­ge er­hob. Nach und nach wird klar, was sich tat­säch­lich er­eig­net hat.

Aber Et­zel dräng­te und dräng­te. Mit ei­ner sub­li­mier­ten Schlau­heit gab er sich die Mie­ne, wie wenn die glü­hen­de Wiß­be­gier, die sein gan­zes We­sen durch­flu­te­te, ent­facht von ei­ner Er­schei­nung, zu­stre­bend ei­nem bang ge­ahn­ten Ziel, wie wenn die bloß ei­ne ge­wöhn­li­che Bu­ben­neu­gier wä­re. Er rück­te sei­nen Stuhl nä­her zur Ge­ne­ra­lin, er­griff ih­re Hand und leg­te sie an sei­ne Wan­ge. Da­bei bet­tel­te er mit Mund und Au­ge. Die Ge­ne­ra­lin schüt­tel­te ver­wun­dert den Kopf. „Hör mal, Jun­ge, du bist ja to­tal ver­dreht“, zank­te sie, „mir scheint, du warst in der letz­ten Zeit heim­lich im Ki­no und hast dich mit den Scheuß­lich­kei­ten dort um den Ver­stand ge­bracht. Es soll ja Jun­gens ge­ben, die da­von ganz wild wer­den. Üb­ri­gens, un­ter uns, ich geh auch manch­mal hin, ver­rat mich aber nicht. Na, schau mich nicht so ver­zwei­felt an, ich über­le­ge eben, was ich noch von der Sa­che weiß. Beim bes­ten Wil­len kann ich mich nicht mehr auf al­les be­sin­nen. So ein al­tes Ge­hirn ist ein Sieb mit gro­ßen Lö­chern. Ich will nicht nach­for­schen, wo­her dein In­ter­es­se stammt; es könn­te mich am En­de nicht freu­en. Al­so schön, es war ei­ne schreck­li­che Af­fä­re. Die Leu­te re­de­ten wo­chen­lang von nichts an­de­rem. Um das Für und Wi­der er­hitz­ten sie sich in al­len Wirts­häu­sern und Klubs. Es gab Volks­auf­läu­fe; an dem Tag, wo das To­des­ur­teil ver­kün­det wur­de, muß­te Mi­li­tär aus­rü­cken. Ich war zu der Zeit in Hom­burg drü­ben, ich er­in­ne­re mich noch, der Arzt ver­bot mir, die Zei­tun­gen zu le­sen. Auch nach­dem der Pro­zeß längst be­en­digt und Mau­ri­zi­us, wie hieß er denn nur mit Vor­na­men?, hab’s ver­ges­sen, und Mau­ri­zi­us zu le­bens­läng­li­chem Zucht­haus be­gna­digt war, kam die Ge­schich­te nicht zur Ru­he. Vie­le glaub­ten steif und fest an sei­ne Un­schuld. Viel­leicht bloß, weil er sel­ber bis zum letz­ten Atem­zug sei­ne Un­schuld be­teu­ert hat­te. Da­zu kam, daß er kein ge­mei­ner Ver­bre­cher war. Nein, das war er nicht. Ein Mann der Wis­sen­schaft, man­che be- haup­te­ten, ei­ne Ka­pa­zi­tät in sei­nem Fach. Man­che wie­der sag­ten, ein Wind­beu­tel. Im­mer­hin hat­te er es trotz sei­ner Ju­gend, ich glau­be, er war noch nicht sechs­und­zwan­zig, als Kunst­his­to­ri­ker schon zu Stel­lung und An­se­hen ge­bracht. Ich hab so­gar ein klei­nes Buch ge­habt, das er ver­faßt hat­te. Ich muß es mal her­aus­su­chen, es liegt si­cher in ei­ner von den Kis­ten auf dem Dach­bo­den. Jetzt er­in­ner ich mich auch an den Ti­tel: Über den Ein­fluß der Re­li­gi­on auf die bil­den­de Kunst des neun­zehn­ten Jahr­hun­derts. Hat mich in­ter­es­siert da­mals; Re­li­gi­on, Kunst, dar­über wur­de doch in al­len Sa­lons ge­quatscht. Wer soll­te solch ei­nen Mann für ei­nen Meu­chel­mör­der hal­ten! Ich konnt es nie recht glau­ben, daß er da­zu fä­hig war. Die ei­ge­ne Frau aus dem Hin­ter­halt in den Rü­cken schie­ßen. Und un­ter was für Um­stän­den! Ei­ne ver­wor­re­ne Ge­schich­te. Ei­ne gott­ver­las­se­ne, jam­mer­vol­le Ge­schich­te, von der ich na­tür­lich kei­nen Dau mehr be­hal­ten ha­be. Ich weiß nur, daß al­les ge­gen ihn war, Men­schen und Sa­chen. Al­les zeug­te ge­gen ihn, Men­schen, Sa­chen, Raum und Zeit. Ein lü­cken­lo­ser In­di­zi­en­be­weis, wie die Ju­ris­ten es nen­nen. Das Zu­stan­de­kom­men die­ses Be­wei­ses war das ei­gent­li­che Ver­dienst dei­nes Va­ters, des­sen ent­sinn ich mich noch gut. Er war sehr stolz auf sein Werk, jung und ehr­gei­zig, wie er war. Ein Glo­cken­gie­ßer kann nicht stol­zer sein, wenn ihm ein schwie­ri­ger Guß ge­lun­gen ist. Er hat­te ge­wiß al­le Ur­sa­che da­zu; ich stell mir vor, daß so was noch heik­ler ist als Glo­cken­gie­ßen. Der al­te Ge­heim­rat Dem­me, der eben kein Esel war, sag­te mir mal: ,Ein sau­be­rer In­di­zi­en­be­weis ist für den Kri­mi­na­lis­ten, was die rich­ti­ge Be­rech­nung ei­ner Ko­me­ten­bahn für den As­tro­no­men ist.‘ Das be­greif ich. Bis man so weit ge­langt, daß ei­ne Tat wah­rer re­det als der Mensch, der sie ge­tan hat, das ist nichts Klei­nes …“

Et­zel saß da und schau­te. Der Mann mit der Ka­pi­täns­müt­ze wur­de im­mer rät­sel­haf­ter. Da er un­mög­lich der Mau­ri­zi­us sein konn­te, der ver­ur­teilt war, sein Le­ben hin­ter Ker­ker­mau­ern zu ver­brin­gen, so han­del­te es sich dar­um, zu er­fah­ren, in wel­chem Zu­sam­men­hang er mit die­sem stand. Was woll­te er von ihm, was stell­te er sich ihm in den Weg, mus­ter­te ihn mit bö­sen Schiel­au­gen? Hat­te er ei­nen Auf­trag? Ei­ne Bot­schaft? Was für ei­ne Bot­schaft? Woll­te er ihn viel­leicht als Mitt­ler ge­win­nen beim Tris­me­gis­tos? Zum Spi­on ma­chen ge­gen Tris­me­gis­tos? Schau­ri­ge Sa­che. Wenn ir­gend­wo, da war Ge­heim­nis. Man muß­te auf­pas­sen. Man muß­te be­reit sein. Je­des kleins­te Zei­chen war von Wich­tig­keit. Wäh­rend er so saß und sann, über­zo­gen sich sei­ne Wan­gen mit ei­ner Bläs­se, die sie schim­mernd mach­ten wie Perl­mut­ter. Es er­zit­ter­te et­was in der Tie­fe sei­nes We­sens, und er duck­te die Schul­tern wie un­ter ei­nem dro­hen­den Schlag.

„Was ist mit dir, Jun­ge?“forsch­te die Ge­ne­ra­lin stren­gen Tons. „Du ge­fällst mir seit ei­ni­ger Zeit nicht mehr.“Sie er­hob sich elas­tisch, gab Et­zel ei­nen Klaps auf die Ba­cke, und als er auf­stand, schob sie ih­ren Arm un­ter sei­nen und ging mit ihm ins Wohn­zim­mer. Dort zün­de­te sie sich ei­ne Zi­ga­ret­te an, reich­te auch Et­zel ei­ne, und zwar so selbst­ver­ständ­lich, als sei er ihr Haus­freund und tei­le al­le ih­re Ge­wohn­hei­ten, dann hak­te sie sich aber­mals in ihn ein und wan­der­te in dem rie­si­gen Raum mit ihm auf und ab. „Jetzt beich­te mal“, fing sie an; „was ist los? War­um siehst du aus, wie wenn dir die Hüh­ner das Brot weg­ge­schnappt hät­ten? Ha­pert’s in der Schu­le? Vo­ri­gen Herbst hast du ja noch Aus­sicht auf den Pri­mus ge­habt. Ehr­lich ge­sagt, dar­auf leg ich we­nig Wert. Aus Mus­ter­schü­lern wer­den kei­ne Mus­ter­men­schen, Sitz­fleisch macht nicht Ge­nie. Ge­nie ist Fleiß, sa­gen die Deut­schen. Das könn­te ih­nen so pas­sen. Ich hal­te was von dir, du bist mein ein­zi­ger En­kel, ich bin dei­ne ein­zi­ge Ah­nin; hät­test du ein hal­bes Dut­zend Ge­schwis­ter, so würd ich mir viel­leicht ei­nen an­dern un­ter euch aus­su­chen als ge­ra­de dich, denn du bist mir ein we­nig zu ver­schla­gen und ein we­nig zu verdöst. Man muß viel da drin­nen ha­ben (sie deu­te­te auf ih­re Brust), wenn man so viel da­hin­ten hat (sie zwick­te ihn am Ohr­läpp­chen). Na, ganz egal, ich hab dich trotz­dem lieb, nur wird mir manch­mal angst und bang, wenn ich dich an­seh.“

Sie ist ei­ne herr­li­che Frau, dach­te Et­zel. Er lä­chel­te zu ihr hin­über (sie wa­ren bei­de fast gleich groß), blieb mit ei­nem Ruck ste­hen und frag­te, noch mit ei­nem Rest je­nes Lä­chelns, um die Be­deu­tung der Fra­ge ab­zu­schwä­chen: „Du, Groß­ma­ma, sag mir: Wo ist mei­ne Mut­ter und war­um weiß ich nichts von ihr?“

Es wä­re ver­geb­li­che Mü­he, die kom­pli­zier­te Ge­dan­ken­rei­he auf­de­cken zu wol­len, die ihn zu solch ge­walt­tä­ti­gem Ein­bruch in den See­len­frie­den der Ge­ne­ra­lin ver­an­laß­te. Viel­leicht ging sie von dem Mann mit der Ka­pi­täns­müt­ze aus und dem Be­zirk, an des­sen Pe­ri­phe­rie er sich seit der Er­zäh­lung der Ge­ne­ra­lin be­weg­te; viel­leicht war es ein na­tür­li­cher Vor­gang, und es zeig­te sich, auf na­tür­li­che Wei­se, ei­ner von den Pfei­lern, über die sei­ne Schick­sals­brü­cke lief. Je­den­falls war die Ge­ne­ra­lin er­starrt vor Schre­cken und fand ihn wie­der ein­mal au­ßer­or­dent­lich frech.

Newspapers in German

Newspapers from Germany

© PressReader. All rights reserved.