Ab­stim­mung ge­gen Er­do­gan?

Türkei Der Prä­si­dent konn­te sich über vie­le Jah­re auf sei­ne An­hän­ger ver­las­sen. Doch bei den an­ste­hen­den Kom­mu­nal­wah­len könn­te sein Image als gro­ßer Sie­ger Krat­zer be­kom­men

Mindelheimer Zeitung - - Politik - VON SU­SAN­NE GÜS­TEN

Istan­bul Re­cep Tay­yip Er­do­gan kämpft. Un­ab­läs­sig reist der tür­ki­sche Staats­prä­si­dent der­zeit durch das Land. Er hält je­den Tag meh­re­re Re­den, gibt In­ter­views und ver­an­stal­tet vir­tu­el­le Be­geg­nungs­run­den mit jun­gen Leu­ten in den so­zia­len Me­di­en. Der Ein­satz des 65-Jäh­ri­gen gilt ei­ner Wahl, die ihn ei­gent­lich nicht di­rekt be­trifft. An die­sem Sonn­tag be­stim­men 57 Mil­lio­nen tür­ki­sche Wäh­ler le­dig­lich ih­re Lo­kal­par­la­men­te und Bür­ger­meis­ter neu, nicht den Staats­prä­si­den­ten. Doch Er­do­gan hat die Kom­mu­nal­wahl zur Volks­ab­stim­mung über sich selbst er­klärt. Und das könn­te für ihn zum Pro­blem wer­den.

Be­son­ders die schlech­te Wirt­schafts­la­ge macht den Kan­di­da­ten von Er­do­gans Re­gie­rungs­par­tei AKP zu schaf­fen. Die Türkei steckt in der Re­zes­si­on, die Ar­beits­lo­sig­keit steigt. Nur mit viel Mü­he konn­te die Re­gie­rung vor der Wahl ei­nen er­neu­ten Ab­sturz der Lan­des­wäh­rung Li­ra ver­hin­dern. Er­do­gan schiebt die Schuld für die Pro­ble­me auf an­geb­li­che Ma­chen­schaf­ten des Aus­lands: Die Wäh­rungs­tur­bu­len­zen er­klär­te er am Don­ners­tag zu „Ope­ra­tio­nen des Wes­tens, be­son­ders der USA, um die Türkei in die Ecke zu drän­gen“.

Ob das ge­nügt, um das Wahl­volk für die AKP zu be­geis­tern, ist un­ge­wiss. Meh­re­re Um­fra­gen sa­gen ei­ne Nie­der­la­ge der Er­do­gan-Par­tei in der Haupt­stadt An­ka­ra vor­aus, die seit 1994 von is­la­misch-kon­ser­va­ti­ven Bür­ger­meis­tern re­giert wird. Auch in Er­do­gans Hei­mat­stadt Istan­bul liegt in ei­ni­gen Be­fra­gun­gen der Kan­di­dat der Op­po­si­ti­on vorn. In der Re­gie­rung herr­sche Pa­nik, der tür­ki­sche Jour­na­list Ay­din En­gin un­se­rer Zei­tung. Selbst Kom­men­ta­to­ren re­gie­rungs­na­her Me­di­en räu­men ein, dass die Op­po­si­ti­on mo­ti­vier­ter auf­tritt als bei an­de­ren Wah­len.

Da­bei ist die po­li­ti­sche Vor­macht­stel­lung der AKP, die im Bünd­nis mit der rechts­ra­di­ka­len MHP an­tritt, am Sonn­tag nicht ge­fähr­det. Bei der letz­ten Kom­mu­nal­wahl vor fünf Jah­ren sieg­te die Er­do­gan-Par­tei in 53 von 81 Pro­vin­zHaupt­städ­ten des Lan­des. Es gibt auch heu­te kei­ne Par­tei, die der AKP ernst­haft ge­fähr­lich wer­den könn­te.

Mehr als 300 an­de­ren Op­po­si­ti­ons­kan­di­da­ten will Er­do­gan die Man­da­te wie­der weg­neh­men las­sen, wenn sie am Sonn­tag ge­win­nen soll­ten: Die­se Be­wer­ber hät­ten Ver­bin­dun­gen zu Ter­ror­or­ga­ni­sa­tio­nen, be­haup­tet die Re­gie­rung. Im Kur­den­ge­biet könn­ten neue HDP-Bür­ger­meis­ter so­fort wie­der ab­ge­setzt und durch Statt­hal­ter An­ka­ras er­setzt wer­den. In mehr als 90 Kom­mu­nen im Kur­den­ge­biet wa­ren die Bür­ger­meis­ter schon in den ver­gan­ge­nen Jah­ren aus den Äm­tern ent­fernt wor­den.

Wenn es nach der Re­gie­rung ge­he, dürf­ten Kan­di­da­ten der Op­po­si­ti­on bei der Wahl zwar an­tre­ten, aber nicht ge­win­nen, kom­men­tier­te CHP-Chef Ke­mal Ki­li­cdarog­lu. Auch Ki­li­cdarog­lu selbst steht auf Er­do­gans Ab­schuss­lis­te: Der Prä­si­dent droh­te ihm und der IYI-Par­teisag­te vor­sit­zen­den Me­ral Ak­se­ner mit Straf­ver­fol­gung. Selbst für die Türkei, wo in der Po­li­tik tra­di­tio­nell ein raue­rer Wind weht als et­wa in We­st­eu­ro­pa, ist das un­er­hört.

Um sei­ne is­la­misch-kon­ser­va­ti­ven Stamm­wäh­ler am Sonn­tag zu ak­ti­vie­ren, greift Er­do­gan zu­dem tief in die Mot­ten­kis­te. So stellt er ei­ne Um­wand­lung der Ha­gia So­phia in Istan­bul in ei­ne Mo­schee in Aus­sicht. Auf meh­re­ren Wahl­kampf­kund­ge­bun­gen ließ der Prä­si­dent au­ßer­dem Tei­le des Mas­sa­ker-Vi­de­os von Christ­church in Ver­bin­dung mit Ki­li­cdarog­lu-Zi­ta­ten zei­gen, um an­geb­lich an­ti-is­la­mi­sche Ten­den­zen bei der Op­po­si­ti­on an­zu­pran­gern.

Soll­te die AKP am Sonn­tag als Sie­ger aus der Wahl her­vor­ge­hen, hät­te Er­do­gan vor­aus­sicht­lich viel Zeit, um bis zur nächs­ten Wahl im Jahr 2023 ei­ni­ge un­po­pu­lä­re Ent­schei­dun­gen zu tref­fen, et­wa in der Wirt­schafts­po­li­tik. Ein Richt­wert für Er­folg oder Miss­er­folg ist das Ab­schnei­den der AKP-MHP-Al­li­anz bei den Par­la­ments­wah­len im vo­ri­gen Jahr, als die bei­den Par­tei­en zu­sam­men 53,7 Pro­zent der Stim­men hol­ten. Soll­te das Bünd­nis am Sonn­tag je­doch un­ter 50 Pro­zent rut­schen und zu­dem noch ei­ne Groß­stadt wie An­ka­ra oder Istan­bul ver­lie­ren, könn­te ei­ne völ­lig neue Dy­na­mik ent­ste­hen.

Dann näm­lich könn­te Er­do­gans Part­ner, MHP-Chef Dev­let Bah­ce­li, zu dem Schluss kom­men, dass er sich von der Re­gie­rungs­par­tei lö­sen muss, um dem Ab­wärts­stru­del zu ent­kom­men. Die AKP wis­se, dass auf den frü­he­ren Er­do­gan-Geg­ner Bah­ce­li kein Ver­lass sei, sag­te der in den USA le­ben­de Türkei-Ex­per­te Selim Saz­ak un­se­rer Zei­tung.

Fo­to: Ya­sin Ak­gul, afp

Hand aufs Herz: Prä­si­dent Er­do­gan wirbt mit sei­nem Kon­ter­fei vor der Ha­gia So­phia für sei­ne Re­gie­rungs­par­tei AKP.

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