Zeit, die Spreu vom Wei­zen zu tren­nen

Mindelheimer Zeitung - - Feuilleton -

Vor 100 Jah­ren be­gann das Bau­haus in Wei­mar, die Welt zu ver­än­dern. Zum Ju­bi­lä­um ist es an­ge­bracht, auch ei­nen kri­ti­schen Blick auf die­sen deut­schen Vor­zei­ge-My­thos zu wer­fen. Ein Ge­spräch mit Win­fried Ner­din­ger Herr Ner­din­ger, wir fei­ern 100 Jah­re Bau­haus, man sieht aber nie Ar­bei­ten aus der ers­ten Zeit. Das Bau­haus, das die meis­ten vor Au­gen ha­ben, be­trifft die Pro­duk­te zwi­schen 1923 und 1928 un­ter Walter Gro­pi­us. In die­ser Zeit ent­ste­hen auf geo­me­tri­sche Gr­und­for­men und auf Gr­und­far­ben re­du­zier­te Ob­jek­te, am be­rühm­tes­ten sind die Breu­er-Stüh­le und die Wa­gen­feld-Leuch­te. Die ers­ten Jah­re wa­ren da­ge­gen eher wirr und chao­tisch, au­ßer­dem am Hand­werk und so­gar rück­wärts­ge­wandt am Holz­bau ori­en­tiert. Wie passt das zu ei­ner Be­we­gung, die in die Zu­kunft blickt? Gro­pi­us war vier Jah­re im Krieg und kam 1918 nach Ber­lin, wo en­ga­gier­te Künst­ler ei­ne neue Welt schaf­fen woll­ten. Et­wa im Ar­beits­rat für Kunst. Dort herrscht die Idee, die Kunst wie­der mit dem Volk zu ver­bin­den. So wie im Mit­tel­al­ter das gan­ze Volk ei­ne Ka­the­dra­le bau­te, so müs­se man jetzt ge­mein­sam die Ka­the­dra­le der Zu­kunft bau­en – auf der Ba­sis des Hand­werks, denn man will weg von der Welt der Ma­schi­nen. So steht das im Bau­haus­ma­ni­fest 1919. Das ist nur aus der Zeit der Re­vo­lu­ti­on und des Um­bruchs zu er­klä­ren. In die­ser Pha­se ist der Ma­ler und Farbtheo­re­ti­ker Jo­han­nes It­ten be­son­ders be­deut­sam. It­ten ist doch ei­ne ei­gen­tüm­li­che Fi­gur. Von ihm stam­men Sät­ze wie „Das Bau­haus soll zum Reich des wei­ßen Man­nes wer­den.“Hat das nie­man­den ge­stört? It­ten hat­te ei­nen ge­wis­sen Frei­raum am Bau­haus. Gro­pi­us muss­te bei der Grün­dung ja zwei Schu­len ver­ei­ni­gen: die kon­ser­va­ti­ve Wei­ma­rer Kunst­aka­de­mie und die Kunst­ge­wer­be­schu­le von Hen­ry van de Vel­de. It­ten ver­such­te, die al­te aka­de­mi­sche Aus­bil­dung zu über­win­den. Aber sei­ne Leh­re ging dann ins Eso­te­ri­sche. Un­ter­schwel­lig ka­men dann Ide­en vom „Haus des wei­ßen Man­nes“ins Spiel, aber das ist nicht in den Un­ter­richt ein­ge­flos­sen.

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