War­um hel­fen wir an­de­ren Men­schen?

Psy­cho­lo­gie Ob wir Mit­ge­fühl ha­ben und je­man­den in Not un­ter­stüt­zen, hat viel mit den Struk­tu­ren des Ge­hirns zu tun

Mindelheimer Zeitung - - Gesundheit - VON STE­FA­NIE UH­RIG

Als es pas­siert, ist es dun­kel. Ei­ne jun­ge Frau ver­sucht, mit ih­rem Au­to ei­nem Hund aus­zu­wei­chen – sie er­fasst ihn trotz­dem. Das Au­to schlin­gert, be­ginnt sich zu dre­hen und kommt mit dem Kof­fer­raum in Fahrt­rich­tung auf der lin­ken Spur der Au­to­bahn zum Ste­hen. Dann geht der Mo­tor aus. Die jun­ge Frau ist sich si­cher, dass sie von an­de­ren Fahr­zeu­gen ge­rammt, dass sie ster­ben wird. Doch da kommt die Ret­tung. Ein Mann hält sei­nen Wa­gen geis­tes­ge­gen­wär­tig an, rennt über die vier Spu­ren der Au­to­bahn und hilft ihr, das Au­to wie­der in Gang zu brin­gen. Kaum ist die Frau in Si­cher­heit, ver­schwin­det ihr Ret­ter, be­vor sie über­haupt nach sei­nem Na­men fra­gen oder sich be­dan­ken kann.

Was hat den Mann be­wo­gen, sein ei­ge­nes Le­ben zu ris­kie­ren, um ei­ner Frem­den zu hel­fen? Die­se Fra­ge be­schäf­tigt die So­zi­al­psy­cho­lo­gin Abi­ga­il Mar­sh seit ih­rem 19. Le­bens­jahr – sie war die Frau im Au­to. Mitt­ler­wei­le ist sie Pri­vat­do­zen­tin und Wis­sen­schaft­le­rin an der George­town Uni­ver­si­ty in Wa­shing­ton, D.C., wo sie nach dem Ur­sprung des Al­tru­is­mus sucht.

Was genau das ei­gent­lich ist, dis­ku­tie­ren noch im­mer Phi­lo­so­phen und Na­tur­wis­sen­schaft­ler. Grund­sätz­lich kann man Al­tru­is­mus so de­fi­nie­ren: Man möch­te je­man­dem hel­fen, ob­wohl das für ei­nen selbst Nach­tei­le ha­ben kann. Das kann Le­bens­ge­fahr sein. Aber auch Geld­ver­lust et­wa durch Spen­den. Oder man kommt bei­spiels­wei­se zu spät zur Ar­beit, weil man ei­nem ge­stran­de­ten Fahr­rad­fah­rer hilft, sei­nen plat­ten Rei­fen zu fli­cken. Nicht je­der wür­de das tun – für an­de­re ist es hin­ge­gen ei­ne Selbst­ver­ständ­lich­keit.

Abi­ga­il Mar­sh woll­te nun her­aus­fin­den, ob sich die Ge­hir­ne von be­son­ders hilfs­be­rei­ten Al­tru­is­ten von an­de­ren Men­schen un­ter­schei­den. Da­zu un­ter­such­te sie Pro­ban­den, die ei­ne Nie­re ge­spen­det hat­ten, um ei­nem Frem­den zu hel­fen. Und tat­säch­lich fan­den Mar­sh und ih­re Kol­le­gen her­aus, dass die Amyg­da­la (der Man­del­kern) der Al­tru­is­ten grö­ßer war als bei den Kon­troll­per­so­nen. Die­se Ge­hirn­re­gi­on ist vor al­lem da­für be­kannt, dass sie Ge­füh­le ver­mit­telt und re­gu­liert, ins­be­son­de­re ne­ga­ti­ve wie Angst und Stress. Da­zu ge­hört, Angst im Ge­sicht ei­nes an­de­ren Men­schen zu er­ken­nen. Genau das konn­ten die Al­tru­is­ten be­son­ders gut, im Ge­gen­satz bei­spiels­wei­se zu mit­ge­fühl­s­lo­sen Psy­cho­pa­then – die in­ter­es­san­ter­wei­se ei­ne ver­klei­ner­te Amyg­da­la auf­wie­sen, wie Mar­sh und ihr Team eben­falls her­aus­fan­den.

Aber auch äu­ße­re Fak­to­ren be­ein­flus­sen, wie so­zi­al wir uns ver­hal­ten – zu­min­dest bis zu ei­nem ge­wis­sen Grad. So zeig­te ei­ne ka­na­di­sche Stu­die, dass jun­ge Men­schen um die 20 Jah­re in stres­si­gen Si­tua­tio­nen groß­zü­gi­ger han­deln. Und Äl­te­re mit ei­nem Durch­schnitts­al­ter von et­wa 70 Jah­ren sind der Stu­die zu­fol­ge ins­ge­samt al­tru­is­ti­scher als jün­ge­re – egal, ob sie ge­stresst sind oder nicht.

Ei­ne Rol­le spielt au­ßer­dem, ob je­mand zu­schaut: Der „Watching Eyes Ef­fekt“be­sagt, dass man selbst­lo­ser agiert, wenn man sich be­ob­ach­tet fühlt. Da­bei muss nicht ein­mal ein Mensch zu­ge­gen sein. Selbst auf­ge­mal­te Au­gen kön­nen da­zu füh­ren, dass mehr Geld in ei­ner Spen­den­do­se lan­det. An­de­re Ge­sichts­aus­schnit­te wie Na­se oder Mund zei­gen hin­ge­gen kei­ne Wir­kung.

Und wem hel­fen wir am liebs­ten? Men­schen kön­nen sich na­tür­lich am ehes­ten in die­je­ni­gen ein­füh­len, die ih­nen na­he­ste­hen. Fa­mi­lie, Freun­de, Be­kann­te, je wei­ter sich Men­schen von ih­rer so­zia­len Mit­te ent­fer­nen, des­to schwie­ri­ger wird es. Abi­ga­il Mar­sh ver­gleicht das mit der Si­tua­ti­on auf ei­nem Berg. Man selbst – auf dem Gip­fel ste­hend – ist sich am wich­tigs­ten. Und am Fuß des Ber­ges be­fin­den sich die­je­ni­gen, die man we­der kennt noch wirk­lich wahr­nimmt. Al­ler­dings: „Bei be­son­ders al­tru­is­ti­schen Men­schen scheint der Berg nicht so steil zu sein. Ih­nen ist ihr in­ne­rer Kreis zwar wich­ti­ger, aber auch mit al­len an­de­ren Men­schen füh­len sie stär­ker“, er­klärt Mar­sh.

Das Mit­füh­len mit dem Ge­gen­über ist al­so ein be­deu­ten­der Punkt in der Fra­ge, ob wir hel­fen. Da­mit geht ein­her, dass man groß­zü­gi­ger ist, wenn man ei­ne Per­son iden­ti­fi­zie­ren kann. Hat man bei­spiels­wei­se das Bild ei­nes kran­ken Kin­des vor Au­gen, ist man eher be­reit zu spen­den, als wenn man ge­sagt be­kommt, dass tau­sen­de Kin­der an ei­ner be­stimm­ten Krank­heit lei­den. Die meis­ten kön­nen nicht ein­schät­zen, ob sie au­ßer­ge­wöhn­li­che Al­tru­is­ten sind. Si­cher, man­che Men­schen en­ga­gie­ren sich in der Ge­sell­schaft, spen­den für wohl­tä­ti­ge Zwe­cke oder küm­mern sich um ih­re Mit­men­schen. Doch wie weit wür­de man ge­hen, um ei­nem an­de­ren Men­schen zu hel­fen? Das weiß man erst, wenn man in ei­ne sol­che Si­tua­ti­on kommt. Wer sich jetzt je­doch zu­rück­lehnt und denkt, „das ist doch so­wie­so in mei­nem Ge­hirn fest­ge­legt“, der täuscht sich. „Das Ge­hirn ver­än­dert sich je­des Mal, wenn wir et­was ler­nen“, sagt Abi­ga­il Mar­sh. „Mit­ge­fühl kann man ler­nen.“

Fo­to: Andrea War­ne­cke, dpa

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