„Oma In­grid“steht wie­der vor Ge­richt

Jus­tiz Am Di­ens­tag geht es vor dem Land­ge­richt um die Fra­ge, ob und wie lan­ge die 85-Jäh­ri­ge ins Ge­fäng­nis muss

Mindelheimer Zeitung - - Bad Wörishofer Rundschau - VON ALF GEI­GER

Mem­min­gen/Bad Wö­ris­ho­fen Neue Run­de im Ver­fah­ren ge­gen die mehr­fach we­gen La­den­dieb­stahls ver­ur­teil­te In­grid Mill­gramm (85) aus Bad Wö­ris­ho­fen: Am Di­ens­tag be­schäf­tigt sich das Land­ge­richt Mem­min­gen mit dem Fall, der als „Oma In­grid, die vor Hun­ger klau­te“bun­des­weit be­kannt ge­wor­de­nen 85-Jäh­ri­gen. Grund sind die Ein­sprü­che ge­gen das Ur­teil des Amts­ge­richts Mem­min­gen, dem­zu­fol­ge die 85-Jäh­ri­ge zu ei­ner wei­te­ren Ge­fäng­nis­stra­fe von vier Mo­na­ten ver­ur­teilt wur­de, dies­mal so­gar oh­ne Be­wäh­rung. Ob die Ver­hand­lung vor der nächst­hö­he­ren In­stanz aber wirk­lich zu­stan­de kommt, ist un­klar: Dem Ver­neh­men nach ist die 85-Jäh­ri­ge ge­sund­heit­lich schwer an­ge­schla­gen.

We­der die Staats­an­walt­schaft Mem­min­gen noch der Ver­tei­di­ger von „Oma In­grid“woll­ten das Ur­teil von Amts­rich­te­rin Kat­ha­ri­na Erdt vom Amts­ge­richt Mem­min­gen ak­zep­tie­ren – frei­lich mit völ­lig ge­gen­sätz­li­chen Er­war­tun­gen.

Wäh­rend der Rechts­an­walt von In­grid Mill­gramm mit der Be­ru­fung ge­gen das Ur­teil zu­min­dest ei­ne mil­de­re Stra­fe oder so­gar ei­nen Frei­spruch er­rei­chen will, setzt die Staats­an­walt­schaft Mem­min­gen ganz an­de­re Vor­ga­ben: „Das Straf­maß wird dem Un­rechts­ge­halt der Tat und der Per­sön­lich­keit der An­ge­klag­ten nicht ge­recht“, heißt es in der Be­grün­dung der Staats­an­walt­schaft Mem­min­gen für ih­ren Be­ru­fungs­an­trag. Im Kl­ar­text: Die mit die­sem Fall be­fass­te Staats­an­wäl­tin will so­gar er­rei­chen, dass die 85-jäh­ri­ge La­den­die­bin noch län­ger ins Ge­fäng­nis muss, als das Ur­teil bis­lang her­gibt. An­fang Au­gust des ver­gan­ge­nen Jah­res war In­grid Mill­gramm vom Amts­ge­richt zu ei­ner wei­te­ren Ge­fäng­nis­stra­fe von vier Mo­na­ten oh­ne Be­wäh­rung ver­ur­teilt wor­den. Staats­an­wäl­tin Sas­kia Roß­kopf hat­te da­mals ei­ne Haft­stra­fe von zehn Mo­na­ten zu­sätz­lich zu den noch of­fe­nen sie­ben Mo­na­ten Be­wäh­rungs­stra­fe ge­for­dert.

Am En­de be­ließ es Amts­rich­te­rin Kat­ha­ri­na Erdt dann bei ei­ner Haft­stra­fe von vier Mo­na­ten, was an­ge­sichts der For­de­rung der Staats­an­wäl­tin von Pro­zess­be­ob­ach­tern durch­aus als „mil­des Ur­teil“ge­wer­tet wur­de.

Da sie aus drei vor­he­ri­gen Ver­ur­tei­lun­gen zu Ge­fäng­nis­stra­fen noch un­ter Be­wäh­rung stand, droht der Rent­ne­rin jetzt schon ei­ne lan­ge Haft­stra­fe: Aus den al­ten Ur­tei­len sind noch sie­ben Mo­na­te Haft of­fen, zu­sam­men mit der neu­en Ver­ur­tei­lung droht In­grid Mill­gramm jetzt ei­ne Ge­samt­stra­fe von elf Mo­na­ten in der Jus­tiz­voll­zugs­an­stalt.

Für Kopf­schüt­teln und Un­ver­ständ­nis hat­ten die Pro­zes­se nicht nur bei der Jus­tiz ge­sorgt – auch vie­le MZ-Le­ser nah­men gro­ßen An­teil an die­sem Ver­fah­ren. Kaum ei­ne Be­richt­er­stat­tung hat für so kon­tro­ver­se Dis­kus­sio­nen un­ter un­se­ren Le­sern ge­sorgt: Wäh­rend die ei­nen Mil­de und ei­ne The­ra­pie für die be­tag­te Rent­ne­rin for­der­ten, hat­ten an­de­re kei­ner­lei Ver­ständ­nis für die Wie­der­ho­lungs­tä­te­rin und wünsch­ten sich die gan­ze Här­te des Ge­set­zes für die La­den­die­bin.

Vor al­lem weil In­grid Mill­gramm we­gen ih­rer La­den­dieb­stäh­le schon 55 Ta­ge in ei­ner Dop­pel­zel­le der Mem­min­ger Jus­tiz­voll­zugs­an­stalt ge­ses­sen hat­te: In ins­ge­samt sechs Fäl­len war sie we­gen La­den­dieb­stahls zu meh­re­ren Geld- und Be­wäh­rungs­stra­fen ver­ur­teilt wor­den. Kurz vor Weih­nach­ten 2017 kam sie dann vor­zei­tig aus der Haft frei. Das En­de ei­ner lan­gen Ge­schich­te? In­grid Mill­gramm ver­si­cher­te da­mals: „Ich wer­de nie wie­der et­was steh­len. Die Zeit im Ge­fäng­nis war das Schlimms­te, was mir je pas­siert ist.“

Gut vier Mo­na­te spä­ter wur­de die 85-jäh­ri­ge Bad Wö­ris­ho­fe­rin er­neut beim Steh­len er­wischt. Dies­mal hat­te sie Kos­me­tik­ar­ti­kel, Sah­nesteif und Haar­klam­mern im Ge­samt­wert von 17,63 Eu­ro ge­stoh­len und war von ei­nem La­den­de­tek­tiv be­ob­ach­tet wor­den.

Das Ur­teil war aber nicht rechts­kräf­tig, das Be­ru­fungs­ver­fah­ren ist seit An­fang Ok­to­ber beim Land­ge­richt Mem­min­gen an­hän­gig. Der Aus­gang des Ver­fah­rens sei of­fen, teil­te der Pres­se­spre­cher des Land­ge­richts, Flo­ri­an För­sch­ner, da­mals auf An­fra­ge der Min­del­hei­mer Zei­tung mit. Die Be­ru­fungs­kam­mer ha­be den Sach­ver­halt so­wohl im Hin­blick auf den Schuld­spruch (al­so grund­sätz­lich auch ein Frei­spruch mög­lich) als auch im Fal­le der Ver­ur­tei­lung im Hin­blick auf die Stra­fe völ­lig neu zu be­ur­tei­len, so För­sch­ner. Da­mit sei so­wohl ei­ne nied­ri­ge­re wie auch ei­ne hö­he­re Stra­fe mög­lich. Grund­sätz­lich sei in sol­chen Fäl­len zu sa­gen, dass bei ei­ner Ver­ur­tei­lung we­gen Dieb­stahls das Ge­setz ei­nen Straf­rah­men von Geld­stra­fe bis zur Frei­heits­stra­fe von bis zu fünf Jah­ren vor­sieht, er­läu­ter­te der Spre­cher des Land­ge­richts.

För­sch­ner: „In­ner­halb die­ses Rah­mens hat das Ge­richt im Zu­ge der Haupt­ver­hand­lung un­ter Be­rück­sich­ti­gung al­ler für und ge­gen den An­ge­klag­ten spre­chen­den Um­stän­de, die im Rah­men der Straf­zu­mes­sung ei­ne Rol­le spie­len, auf ei­ne der Tat und der Schuld des Tä­ters im Ein­zel­fall an­ge­mes­se­ne Stra­fe zu er­ken­nen“.

Fo­to: Alf Gei­ger

In­grid Mill­gram auf dem Weg in den Ge­richts­saal: Im Au­gust des ver­gan­ge­nen Jah­res war die 85-Jäh­ri­ge vom Amts­ge­richt Mem­min­gen zu ei­ner wei­te­ren Haft­stra­fe ver­ur­teilt wor­den, dies­mal oh­ne Be­wäh­rung. Die­ses Ur­teil woll­ten we­der Ver­tei­di­gung noch Staats­an­walt­schaft ak­zep­tie­ren. Des­halb geht es am Di­ens­tag vor der nächst­hö­he­ren In­stanz wei­ter.

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