Ei­ne tap­fe­re All­gäu­er Bäue­rin macht wei­ter

Schick­sal Vor zwei­ein­halb Jah­ren hat ein Stier den Mann von Klau­dia Klöck ge­tö­tet. Die 46-Jäh­ri­ge lässt sich aber nicht un­ter­krie­gen

Mindelheimer Zeitung - - Blick Ins Allgäu - VON TO­BI­AS SCHUH­WERK

Roß­haup­ten An der Wand im Kuh­stall hän­gen Zet­tel mit hand­ge­schrie­be­nen Sprü­chen. „Es gibt vie­le We­ge zum Glück“, heißt es dar­auf zum Bei­spiel. „Ei­ner da­von ist auf­hö­ren zu jam­mern.“Klau­dia Klöck ist die­se Weis­heit von Al­bert Ein­stein be­son­ders ans Herz ge­wach­sen. Vor zwei­ein­halb Jah­ren hat die 46-Jäh­ri­ge aus Roß­haup­ten im Ost­all­gäu ih­ren Ehe­mann bei ei­nem schreck­li­chen Ar­beits­un­fall ver­lo­ren. Trotz des Schick­sals­schlags gibt die Mut­ter von zwei Kin­dern nie auf und be­treibt den Hof wei­ter.

Ro­sa Schür­ze, grü­ne Blu­se, li­la Müt­ze: Das Stall­ge­wand von Klau­dia Klöck ist bunt. Sie hat es be­wusst aus­ge­sucht. Als Kon­trast zu den dunk­len St­un­den, die ihr das Schick­sal durch den plötz­li­chen Tod ih­res Ehe­man­nes Ste­fan be­schert hat. Und als Er­in­ne­rung an die wun­der­ba­ren Jah­re mit ihm. „Der Hof hat uns ver­bun­den und glück­lich ge­macht. Wir ha­ben un­se­ren Traum ge­lebt. Für die­se 19 Jah­re bin ich un­end­lich dank­bar“, sagt die Bäue­rin aus Roß­haup­ten und fügt nach­denk­lich an: „Die Land­wirt­schaft war für uns nie bloß ein Be­ruf. Es war Be­ru­fung. Das kann und will ich nicht auf­ge­ben.“

Statt­des­sen steht sie je­den Mor­gen um 4.30 Uhr auf. Sie ver­sorgt 47 Kü­he und 22 Jung­rin­der, küm­mert sich um den Haus­halt, um ih­re bei­den Kin­der, um zwei Fe­ri­en­woh­nun­gen, um die manch­mal aber­wit­zi­ge Bü­ro­kra­tie und um die­se Fra­ge, die ihr im­mer wie­der durch den Kopf schießt: „Wie soll’s bloß wei­ter­ge­hen?“

„Sie ist sehr tap­fer“, sagt ihr Sohn Jo­han­nes (15), der den Hof ei­nes Ta­ges über­neh­men will. Ih­re Toch­ter Kat­ha­ri­na (17) hat es in ei­nem selbst­ge­mal­ten Ge­burts­tags­bild auf den Punkt ge­bracht. Dar­auf steht: „Su­per-Ma­ma.“Doch selbst, wenn Klau­dia Klöck al­les gibt, bei man­chen Ar­bei­ten ist sie auf frem­de Hil­fe an­ge­wie­sen. Zum Bei­spiel beim Front­la­der-Fah­ren oder bei Re­pa­ra­tu­ren. „Zum Glück kann ich mich in sol­chen Si­tua­tio­nen im­mer auf mei­ne Nach­barn und Freun­de ver­las­sen. Ich bin sehr dank­bar, dass sie mich un­ter­stüt­zen, wenn’s ir­gend­wo klemmt. Und das, ob­wohl sie oft sel­ber al­le Hän­de voll zu tun ha­ben“, sagt Klau­dia Klöck.

Die An­teil­nah­me am Schick­sal der Fa­mi­lie war und ist groß, seit je­nem Un­glücks­tag am 17. Sep­tem­ber 2016. Bei Zau­nar­bei­ten wur­de Ste­fan Klöck von ei­nem Jungs­tier an­ge­grif­fen und töd­lich ver­letzt. Die Feu­er­wehr fand den Land­wirt leb­los auf ei­ner ab­ge­le­ge­nen Wei­de. Die Nach­richt vom plötz­li­chen Tod des 48-jäh­ri­gen Bau­ern, der als tier­lieb, en­ga­giert und fröh­lich galt, lös­te weit über die Orts­gren­zen hin­aus Ent­set­zen aus. Bei der Be­er­di­gung we­ni­ge Ta­ge spä­ter war die Pfarr­kir­che St.Andre­as in Roß­haup­ten voll wie sonst wohl nur an Weih­nach­ten.

Die Wo­chen nach dem Ver­lust ih­res Man­nes er­leb­te Klau­dia Klöck „wie in Tran­ce“. Ei­nes war aber klar: Sie woll­te das ge­mein­sa­me Le­bens­werk fort­füh­ren. Das Paar hat­te nach ei­nem Stal­lum­bau erst ein hal­bes Jahr zu­vor auf „bio“um­ge­stellt und mit der An­dech­ser Mol­ke­rei ei­nen Ab­neh­mer für die Milch ge­fun­den. „Dass wir zum Bio­land-Hof wur­den, war uns ei­ne ech­te Her­zens­an­ge­le­gen­heit“, er­zählt Klau­dia Klöck. Plötz­lich war sie nun selbst für das Wohl und We­he des Be­triebs ver­ant­wort­lich. Nach über zehn ge­mein­sa­men Jah­ren auf dem Hof war sie zwar in vie­le Ar­bei­ten ein­ge­bun­den. Den­noch fühl­te sie sich an­fangs über­for­dert. Sie mach­te ei­nen Fort­bil­dungs­kurs („Bil­dungs­pro­gramm Land­wirt“) beim Land­wirt­schafts­amt in Kauf­beu­ren.

Et­was Luft ver­schaff­te ihr, dass die Be­rufs­ge­nos­sen­schaft im ers­ten Jahr noch ei­nen Be­triebs­hel­fer zahl­te. Mitt­ler­wei­le muss die Wit­we selbst für die­se Un­ter­stüt­zung auf­kom­men. Ne­ben dem Be­triebs­hel­fer pa­cken auch ih­re Kin­der an. Ge­hol­fen wä­re der Fa­mi­lie, wenn sich ein fach­kun­di­ger Hel­fer fän­de, der im Not­fall ein­sprin­gen könn­te. Klau­dia Klöck lei­det an ei­ner Rheu­ma-Er­kran­kung, die sie im­mer wie­der au­ßer Ge­fecht setzt.

Ih­ren Le­bens­mut hat sie aber nicht ver­lo­ren. „Ich schaue im­mer nur nach vor­ne“, sagt sie zwi­schen den Kü­hen, die sie al­le beim Na­men kennt. Sie weiß, dass sich die Ar­beit aus­zahlt: Jo­han­nes will den Hof ei­nes Ta­ges über­neh­men und das Ver­mächt­nis sei­nes Va­ters fort­füh­ren. Ste­fan Klöck wä­re be­stimmt stolz auf sei­ne Fa­mi­lie.

Die Land­wirt­schaft war für die bei­den nicht nur ein Be­ruf

Fo­to: Schuh­werk

Nach dem Tod ih­res Ehe­manns führt Bäue­rin Klau­dia Klöck den Bio-Hof wei­ter. Ihr Mann starb bei ei­nem tra­gi­schen Un­glück.

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