Be­geis­ter­ter Bau­meis­ter

Lehr­stel­len­of­fen­si­ve Als Kind fand Pe­ter Fin­kel die Schu­le nicht so span­nend und woll­te Mau­rer wer­den – ei­ne gu­te Ent­schei­dung. Was er jun­gen Men­schen rät, die Kar­rie­re ma­chen möch­ten

Mindelheimer Zeitung - - Wirtschaft - VON MA­REI­KE KÖ­NIG

Günz­burg Wer Kar­rie­re ma­chen möch­te, der braucht erst ein­mal ein Le­bens­ziel, da ist sich Pe­ter Fin­kel si­cher. „Man muss wis­sen, wo­für man ar­bei­tet“, fin­det er. In Fin­kels Fall heißt das: ein Haus, ei­ne Fa­mi­lie und Un­ab­hän­gig­keit.

Schon als klei­ner Jun­ge woll­te Fin­kel Mau­rer wor­den. Heu­te ist er der stell­ver­tre­ten­de Ab­tei­lungs­lei­ter für Hoch- und Tief­bau, Aus­bil­der und Pro­ku­rist beim Günz­bur­ger Bau­un­ter­neh­men Bendl. Dass der 29-Jäh­ri­ge mal für rund 70 Mit­ar­bei­ter mit­ver­ant­wort­lich sein wür­de, war zu Schul­zei­ten nicht ab­seh­bar. Als in der sieb­ten Klas­se Latein auf dem St­un­den­plan auf­tauch­te, ver­ging ihm näm­lich die Lust am Ler­nen. Zur Ab­schre­ckung schick­ten ihn sei­ne El­tern auf die Bau­stel­le. Doch die Ak­ti­on ging schief: Fin­kel star­te­te mit ei­nem Fe­ri­en­job und blieb. Als die Schu­le wie­der an­fing, ver­brach­te er sei­ne Wo­chen­en­den auf dem Bau. Für ihn stand fest: Das passt, ich hö­re nach der neun­ten Klas­se auf und wer­de Mau­rer. Die Re­ak­ti­on sei­nes Um­fel­des: „Wie kannst du nur?“. Fin­kels Va­ter ar­bei­te­te als Ban­ker, die Mut­ter hat­te Bü­ro­kauf­frau ge­lernt, be­vor sie sich Voll­zeit um die Kin­der küm­mer­te. Ei­ne Kar­rie­re als Hand­wer­ker hät­ten bei­de für ih­ren Sohn nicht auf dem Zet­tel ge­habt, er­zählt der 29-Jäh­ri­ge.

Ir­gend­wann über­wand Fin­kel dann sein Mo­ti­va­ti­ons­tief in der Schu­le und auch die No­ten wur­den wie­der bes­ser. Der In­ge­nieur ent­schloss sich da­zu, Abitur zu ma­chen. Und ent­wi­ckel­te im­mer mehr Ehr­geiz. „Ich wuss­te, dass ich mal mein ei­ge­ner Herr sein will“, sagt er. Um das zu er­rei­chen, sah Fin­kel zwei Mög­lich­kei­ten: Ent­we­der in ver­ant­wor­tungs­vol­ler Po­si­ti­on in ei­nem Un­ter­neh­men ar­bei­ten oder selbst­stän­dig sein. Nach sei­nem Ab­schluss in­for­mier­te er sich bei Bendl über ei­ne Aus­bil­dung, das Un­ter­neh­men schlug ihm ein dua­les Stu­di­um vor. Für den da­mals 21-Jäh­ri­gen ei­ne per­fek­te Op­ti­on. In vier Jah­ren mach­te er den Ge­sel­len­brief als Be­to­nund Stahl­be­ton­bau­er und ei­nen Ba­che­lor in Bau­in­ge­nieur­we­sen – ein Kar­rie­re­tur­bo. Fin­kel stu­dier­te an der Hoch­schu­le Mün­chen, die ge­werb­li­che Aus­bil­dung mach­te er bei Bendl in Günz­burg. Im ers­ten Jahr: Ein Tag Stu­di­um, vier Ta­ge Aus­bil­dung. Im zwei­ten Jahr lief es um­ge­kehrt. Se­mes­ter­fe­ri­en gab es nicht. Wenn an­de­re Stu­den­ten Frei­zeit hat­ten, muss­ten Fin­kel und sei­ne Kom­mi­li­to­nen auf den Bau. Ei­ne gu­te Er­gän­zung, fin­det der 29-Jäh­ri­ge. Denn an der Uni ar­bei­te man mit dem Kopf, auf der Bau­stel­le mit den Hän­den. Der In­ge­nieur sagt aber auch: „Wenn man auf der Bau­stel­le ist, muss man das als Hob­by oder Aus­gleich se­hen, sonst sind das lan­ge vier Jah­re.“

Weil er dank sei­ner Aus­bil­dung reich­lich prak­ti­sche Er­fah­run­gen ge­sam­melt hat­te, konn­te der Hal­den­wan­ger nach sei­nem Ab­schluss di­rekt in das Ta­ges­ge­schäft bei Bendl ein­stei­gen. Drei Mo­na­te nach sei­nem Ab­schluss lei­te­te Fin­kel ge­mein­sam mit ei­nem Kol­le­gen sei­ne ers­te Bau­stel­le: das Sea­li­fe Aqua­ri­um in Kon­stanz. Da­bei stell­te er den Kon­takt zu Ar­chi­tek­ten und In­ge­nieu­ren her, sorg­te da­für, dass Ma­te­ri­al und Per­so­nal auf die Bau­stel­le kom­men, sprach sich mit dem Po­lier ab und mach­te die Schluss­ab­rech­nung. 25 Jah­re war Fin­kel da­mals alt. Ha­ben die er­fah­re­nen Kol­le­gen auf der Bau­stel­le ihn ernst ge­nom­men? Man müs­se sich schon durch­set­zen, sagt der In­ge­nieur. Auf kei­nen Fall ge­he das über Recht­ha­be­rei. Es sei wich­tig, an­zu­er­ken­nen, dass die Kol­le­gen auf der Bau­stel­le ihr Hand­werk ver­stün­den. Und zum Teil deut­lich län­ge­re Er­fah­run­gen hät­ten, als man selbst. Da­für kön­ne man ih­nen zum Bei­spiel or­ga­ni­sa­to­ri­sche Din­ge ab­neh­men. Wenn man sich als Teil des Teams se­he, dann wer­de man gut an­ge­nom­men, so Fin­kel.

Heu­te be­treut der 29-Jäh­ri­ge nicht mehr nur ei­ne Bau­stel­le. Son­dern drei bis fünf gleich­zei­tig. Ei­ne sei­ner Zu­satz­auf­ga­ben ist die Be­treu­ung der Aus­zu­bil­den­den. Was sagt Fin­kel jun­gen Men­schen, die ihn fra­gen, wie sie dort­hin kom­men, wo er heu­te ist? „Ein Op­fer ist Zeit“, sagt der ge­lern­te Be­ton- und Stahl­be­ton­bau­er. Stu­die­ren, tol­ler Job, teu­res Au­to, viel Geld – das sei­en die fal­schen Zie­le. „Je­der muss un­ten an­fan­gen, ei­ne an­stän­di­ge Aus­bil­dung ma­chen, sich im­mer wie­der be­wei­sen. Dann ste­hen ei­nem al­le Mög­lich­kei­ten of­fen.“

Rich­tig viel Zeit auf der Bau­stel­le ver­bringt Fin­kel nicht mehr – au­ßer in sei­ner Frei­zeit. „Da lässt man nicht so ein­fach los“, sagt er. Im Au­gust fängt der 29-Jäh­ri­ge an, ein ei­ge­nes Haus zu bau­en und er­füllt sich da­mit ei­nes sei­ner Le­bens­zie­le.

Fo­to: Bern­hard Weiz­enegger

Fin­kels ers­tes Pro­jekt war das Sea­li­fe Aqua­ri­um in Kon­stanz. Heu­te ist er für drei bis fünf Bau­stel­len gleich­zei­tig ver­ant­wort­lich.

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