Chi­nas Sei­den­stra­ße muss Eu­ro­pa we­cken

Ist die Kri­tik der Eu­ro­pä­er an dem glo­ba­len In­fra­struk­tur-Pro­jekt tat­säch­lich be­rech­tigt oder ver­schla­fen sie selbst nur die Ent­wick­lung? Es droht ein bö­ses Er­wa­chen

Mindelheimer Zeitung - - Wirtschaft - VON FE­LIX LEE wirt­[email protected]­bur­ger-all­ge­mei­ne.de

Die Wie­der­be­le­bung der Sei­den­stra­ße – was ro­man­tisch nach Ka­mel­ka­ra­wa­nen und Mar­co Po­lo klingt, nimmt rasch Kon­tu­ren an. Mit dem an­ti­ken Han­dels­weg, der einst den Fer­nen Os­ten mit Eu­ro­pa ver­band, hat Chi­nas jüngs­tes Pres­ti­ge-Pro­jekt frei­lich nichts zu tun. Viel­mehr ha­ben die Chi­ne­sen un­ter­trie­ben. Was Pe­king vor­schwebt und be­reits um­setzt, ist ein gi­gan­ti­sches und um­fas­sen­des Han­dels­sys­tem, das von Süd­asi­en über Afri­ka bis nach Eu­ro­pa und Ame­ri­ka rei­chen soll. Auch die Ark­tis und Süd­ame­ri­ka sol­len da­zu­ge­hö­ren, al­so prak­tisch die gan­ze Welt. Und das al­les un­ter der Ägi­de Chi­nas.

Vor drei Jah­ren hat die chi­ne­si­sche Füh­rung ihr Pro­jekt erst­mals vor­ge­stellt. Mit Mil­li­ar­den Dol­lar hat der Wirt­schafts­gi­gant Chi­na be­reits 65 Län­der ge­kö­dert – zu­letzt EU-Kern­land Ita­li­en. Pe­king lädt für En­de April be­reits zum nächs­ten Belt-and-Road-Gip­fel, so der of­fi­zi­el­le Na­me von Chi­nas ehr­gei­zi­gem Pro­gramm. Ei­ni­ge deut­sche Un­ter­neh­mer um­gar­nen auch schon die kom­mu­nis­ti­sche Füh­rung in Pe­king. Sie­mens-Chef Joe Ka­e­ser traut die­sem lo­sen Ver­bund gar zu, ein

mal „wich­ti­ger zu wer­den als die Welt­han­dels­or­ga­ni­sa­ti­on“.

In Wa­shing­ton und Pa­ris, aber auch in Brüs­sel und Ber­lin schril­len hin­ge­gen die Alarm­glo­cken. Staa­ten in Asi­en und Afri­ka hät­ten sich be­reits von Chi­na fi­nan­zi­ell ab­hän­gig ge­macht, war­nen die Kri­ti­ker. Au­ßen­mi­nis­ter Hei­ko Maas (SPD) warnt vor bö­sem Er­wa­chen, Chi­nas In­ves­ti­tio­nen wür­den je­de Men­ge Ge­fah­ren ber­gen. Die EU be­zeich­net Chi­na als „Sys­tem­ri­va­len“. Und die US-Re­gie­rung un­ter Do­nald Trump hat den Chi­ne­sen be­reits den „Wirt­schafts­krieg“er­klärt.

Ist das Miss­trau­en ge­gen­über Chi­na be­rech­tigt? Muss Pe­king mit sei­nen ehr­gei­zi­gen Plä­nen ge­stoppt wer­den? Oder spie­gelt das for­sche Auf­tre­ten der Chi­ne­sen den Eu­ro­pä­ern nicht viel­mehr, dass sie den Aus­bau der In­fra­struk­tur auf dem ei­ge­nen Kon­ti­nent ver­schla­fen ha­ben?

Tat­säch­lich er­mög­li­chen chi­ne­si­sche Gel­der in Zen­tral­asi­en, in Afri­ka, aber auch in Ser­bi­en, Grie­chen­land und Un­garn In­ves­ti­tio­nen in die Ver­kehrs­in­fra­struk­tur, die sonst in ab­seh­ba­rer Zeit nicht statt­ge­fun­den hät­ten, in ei­ni­gen Län­dern wo­mög­lich nie.

Es mag für ei­ni­ge in Eu­ro­pa zwar är­ger­lich sein, dass die Chi­ne­sen ih­nen nun zu­vor­ge­kom­men sind. Ins­be­son­de­re für die deut­sche Wirt­schaft er­ge­ben sich mit Chi­nas Sei­den­stra­ßen-Pro­jekt aber je­de Men­ge Vor­tei­le. Chi­na ist au­ßer­halb der EU be­reits Deutsch­lands größ­ter Au­ßen­han­dels­part­ner. An­ders als et­wa die Ame­ri­ka­ner, die tat­säch­lich sehr viel In­dus­trie und Ar­beits­plät­ze nach Chi­na ver­lo­ren ha­ben, gibt es für die Deut­schen we­nig An­lass zu kla­gen. Kein an­de­res Land hat in den ver­gan­ge­nen zwei Jahr­zehn­ten so sehr von Chi­nas wirt­schaft­li­chem Auf­stieg pro­fi­tiert wie Deutsch­land.

Wenn Chi­na wei­ter kräf­tig wächst, si­chert das auch den Ab­satz für all die Wa­ren, die deut­sche Un­ter­neh­men dort ver­kau­fen. Au­ßer­dem ist Deutsch­land dank der neu­en Han­dels­we­ge nur noch elf Ta­ge mit dem Gü­ter­zug von Chi­na ent­fernt. Ein Con­tai­ner­schiff braucht fünf Wo­chen. Durch das Mam­mut­pro­jekt rü­cken die bei­den Ex­port­welt­meis­ter noch nä­her zu­sam­men. Kei­ne Fra­ge, Chi­na be­treibt sei­ne wirt­schaft­li­che und geo­po­li­ti­sche Ex­pan­si­on ag­gres­siv und ziel­stre­big. Dass das Land da­bei in ers­ter Li­nie auf den ei­ge­nen Vor­teil be­dacht ist, kön­nen Ame­ri­ka und Eu­ro­pa ihm am we­nigs­ten vor­wer­fen. Die Eu­ro­pä­er wa­ren bei ih­rer wirt­schaft­li­chen Ex­pan­si­on auch gna­den­los, die USA sind es der­zeit mehr denn je.

Ein Kon­kur­rent, gar ein Sys­tem­ri­va­le? Das ist Chi­na mit sei­ner au­to­ri­tä­ren Füh­rung für die freie Welt auf je­den Fall. Aber das soll­te für die Eu­ro­pä­er um­so mehr An­lass sein, ge­mein­sa­me Wer­te zu ver­tei­di­gen. Für Deutsch­land und die üb­ri­ge EU kann die Leh­re dar­aus nur hei­ßen, ei­ne ei­ge­ne Stra­te­gie zu ent­wi­ckeln, die über zwei oder drei Re­gie­rungs­pe­ri­oden hin­aus­reicht. Auch ei­ne ge­mein­sa­me In­dus­trie­po­li­tik ist nö­tig. Wie Chi­na soll­ten auch die Eu­ro­pä­er Schlüs­sel­in­dus­tri­en de­fi­nie­ren und sie ent­spre­chend för­dern.

Je­des EU-Land für sich ist zu klein, um ge­gen die Ri­va­len in Fer­n­ost und Nord­ame­ri­ka zu be­ste­hen. Der Br­ex­it und Aus­tritts­be­stre­bun­gen auch in an­de­ren EULän­dern sind Gift und spie­len Chi­na in die Hän­de. Chi­nas Sei­den­stra­ße ist nicht zu­letzt ein Weck­ruf – für ei­ne eu­ro­pa­wei­te Wirt­schafts-, Fi­nanz- und In­dus­trie­po­li­tik.

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