Sieg­fried, die­ses Groß­maul

Iro­ni­sche An­nä­he­rung an die Ni­be­lun­gen­sa­ge

Mindelheimer Zeitung - - Feuilleton - VON FRIED­RICH KRAFT

In­gol­stadt Do­nald Ber­ken­hoff, Jahr­gang 1951, von 2011 mit Be­ginn der In­ten­danz Knut We­bers bis zur ver­gan­ge­nen Spiel­zeit des­sen Stell­ver­tre­ter so­wie lei­ten­der Dra­ma­turg in In­gol­stadt, ist jetzt selbst un­ter die Au­to­ren ge­gan­gen. An sei­ner bis­he­ri­gen Wir­kungs­stät­te prä­sen­tiert er das Stück „We­ge des Hel­den. Sieg­fried“– und führt bei der Urauf­füh­rung auch selbst Re­gie.

Ber­ken­hoff nä­hert sich dem Stoff des Ni­be­lun­gen­lieds mit iro­ni­scher Dis­tanz, tri­via­li­siert das ger­ma­ni­sche Hel­den­ge­döns. Der Dra­chen­tö­ter Sieg­fried ist bei ihm ein groß­mäu­li­ger Em­por­kömm­ling und Schwind­ler, Sohn ei­nes Köh­lers, nicht ei­nes Kö­nigs von Xan­ten. Die in Worms re­si­die­ren­de Herr­scher­Fa­mi­lie der Bur­gun­den er­weist sich als ziem­lich däm­li­che Ba­ga­ge. Von we­gen Hel­den – al­le­samt. Die lo­cke­ren Dia­lo­ge in All­tags­spra­che scheu­en we­der Al­bern­hei­ten noch manch lau­en Witz. Köst­lich ist der dra­ma­tur­gisch ef­fekt­vol­le Kniff, die Stim­me des ge­tö­te­ten Dra­chens als Sieg­frieds Al­ter Ego durch das Stück geis­tern zu las­sen. Schluss mit lus­tig ist, wenn die is­län­di­sche Kö­ni­gin Brün­hild be­klagt, wie sie durch bru­ta­le Ver­ge­wal­ti­gung ge­zähmt, ih­rer ma­gi­schen Kräf­te be­raubt wor­den ist. Frau­en­rech­te und ein biss­chen Re­li­gi­ons­kri­tik sind als Fä­den in die Ge­schich­te ein­ge­spon­nen.

Die Ins­ze­nie­rung im Gro­ßen Haus des Stadt­thea­ters In­gol­stadt, bei der Pre­mie­re mit star­kem Bei­fall be­dacht, ge­stal­tet sich auf­wen­dig. Fa­bi­an Lü­di­ckes Büh­nen­bild be­sticht durch fu­tu­ris­ti­sche Ar­chi­tek­tur, be­ste­hend aus ei­ner va­ria­blen

Brün­hild schreit ih­re bö­se Kla­ge her­aus

Schrä­ge un­ten und ge­staf­fel­ten Ele­men­ten oben, al­les in Weiß – wenn nicht il­lu­mi­niert von Ste­fa­no di Bu­du­os at­mo­sphä­risch at­trak­ti­ven Vi­deo­gra­fi­en. Da­zu fan­ta­sie­vol­le Ko­s­tü­me von Andrea Fis­ser und zwi­schen­durch Pup­pen­spiel mit den das Ge­sche­hen kom­men­tie­ren­den Ra­ben.

Ganz fan­tas­tisch aber: die schier atem­rau­ben­de Neu­tö­ne­rei des ins Büh­nen­ge­sche­hen in­te­grier­ten Mu­si­ker-Du­os An­ders Eh­lin (Kla­vier) und Ja­kob Din­kel­acker (Schlag­zeug). Die Rol­le des Sieg­fried ist mit dem eher zier­li­chen, dun­kel­haa­ri­gen En­ri­co Sp­ohn be­wusst aty­pisch be­setzt. Er spielt her­vor­ra­gend. Al­le an­de­ren Darstel­ler agie­ren in Mehr­fach­be­set­zun­gen. Im vor­züg­li­chen En­sem­ble be­ein­dru­cken be­son­ders zwei Schau­spie­le­rin­nen: Re­na­te Kroll­mann als Göt­tin Freya mit gran­dio­sem Ge­sang und Andrea Frohn. Es geht un­ter die Haut, wenn die­se Brün­hild die Kla­ge her­aus­schreit über das, was ihr die schmut­zi­gen Hel­den an­ge­tan ha­ben. ⓘ

Wei­te­re Auf­füh­run­gen: 27.,

28. April; 7. und 8. Mai

Fo­to: Jo­chen Klenk

En­ri­co Sp­ohn als dra­chen­blut­ge­ba­de­ter Held Sieg­fried am Thea­ter von In­gol­stadt.

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