Schlich­ten statt rich­ten

Jus­tiz Im we­nig be­kann­ten Gü­te­rich­ter­ver­fah­ren steht nicht das Ge­setz, son­dern Zwi­schen­mensch­li­ches im Vor­der­grund

Mindelheimer Zeitung - - Mindelheim - VON SI­MO­NE HÄRTLE

Kemp­ten/Mem­min­gen Wem steht wel­cher Teil des Er­bes zu? Wer darf die ge­mein­sa­men Kin­der wie oft se­hen? Und was ha­ben die Äs­te des Nach­bar­baums auf dem ei­ge­nen Grund­stück ver­lo­ren? Hun­der­te zi­vil­recht­li­che Pro­zes­se fin­den vor den All­gäu­er Ge­rich­ten je­des Jahr statt. Ein Streit­rich­ter be­wer­tet da­bei den Sach­ver­halt und fällt auf Grund­la­ge der Ge­set­ze sein Ur­teil. Was vie­le nicht wis­sen: Er kann sei­ne Fäl­le auch an ei­nen so­ge­nann­ten Gü­te­rich­ter wei­ter­ge­ben. In ei­nem sol­chen Ver­fah­ren ist dann Raum für all das, was vor dem Streit­rich­ter hin­ten an­ste­hen muss: Ge­füh­le, per­sön­li­che Pro­ble­me und Zwi­schen­mensch­li­ches. Ziel ist es da­bei im­mer, ge­mein­sam ei­nen Ver­gleich aus­zu­ar­bei­ten.

„Ich ha­be als Streit­rich­te­rin oft ge­se­hen, dass hin­ter ei­nem Kon­flikt viel mehr steckt als die recht­li­che Wer­tung. Aber Emo­tio­nen hat­ten da we­nig Platz“, sagt Lu­cia Scholz. Sie ist seit zehn Jah­ren ne­ben ih­rer Haupt­tä­tig­keit als Streit­rich­te­rin auch Gü­te­rich­te­rin am Kemp­te­ner Amts­ge­richt. Da­mals war das noch un­ge­wöhn­lich, seit 2013 muss aber je­des Ge­richt ein Gü­te­rich­ter­ver­fah­ren an­bie­ten. Vor­aus­set­zung da­für ist, dass al­le Be­tei­lig­ten, al­so Klä­ger, Be­klag­te, An­wäl­te und Rich­ter, ein­ver­stan­den sind. Ist das der Fall, be­ginnt das Gü­te­rich­ter­ver­fah­ren, zu­sätz­li­che Kos­ten ent­ste­hen da­bei nicht.

Bei den Ver­fah­ren geht es vor al­lem um ei­nes: Kom­mu­ni­ka­ti­on. Denn oft ist der Streit um Geld oder Be­suchs­zei­ten nur das vor­der­grün­di­ge Pro­blem. Ur­sa­chen für den Kon­flikt sind häu­fig Din­ge wie feh­len­de Wert­schät­zung oder frü­he­re Strei­tig­kei­ten. „Da wird am An­fang manch­mal um je­den Cent ge­strit­ten und am En­de spielt Geld kaum noch ei­ne Rol­le“, sagt Scholz.

Das weiß auch Ul­rich Glögg­ler. Er ist Gü­te­rich­ter am Kemp­te­ner Land­ge­richt und hat wie Scholz schon vie­le Ge­sprä­che mit zer­rüt­te­ten Fa­mi­li­en und an­de­ren zer­strit­te­nen Par­tei­en ge­führt. Da­für ha­ben die bei­den ei­ne Zu­satz­aus­bil­dung ab­sol­viert. Sie lei­ten die Ge­sprä­che und ver­wen­den ver­schie­de­ne Tech­ni­ken, um den ei­gent­li­chen Pro­ble­men auf den Grund zu ge­hen. Bei­spiels­wei­se wird auf­ge­schrie­ben, wem was wich­tig ist. Die ver­schie­de­nen Be­dürf­nis­se wer­den an ei­ner Ta­fel vi­sua­li­siert. Auch Ein­zel­ge­sprä­che ge­hö­ren da­zu.

„Ein Vor­teil bei uns ist, dass al­le Ge­sprä­che ver­trau­lich sind“, sagt Glögg­ler. Vor dem Streit­rich­ter wer­de ge­ra­de bei Sor­ge­rechts­fäl­len man­ches zu­rück­ge­hal­ten. Die Be­trof­fe­nen stell­ten tak­ti­sche Über­le­gun­gen an, was sie sa­gen. Sie fürch­te­ten, dass ih­nen ih­re Aus­sa­gen ne­ga­tiv aus­ge­legt wer­den könn­ten und sie in der Ent­schei­dung be­nach­tei­ligt wer­den. Gü­te­rich­ter da­ge­gen fäl­len kei­ne Ur­tei­le, son­dern ar­bei­ten mit al­len Par­tei­en an ei­ner ge­mein­sa­men Lö­sung. „Die Er­folgs­quo­te liegt bei et­wa 70 Pro­zent“, sagt Glögg­ler. Wenn ein Ver­gleich aus­ge­han­delt wur­de, ist die­ser recht­lich bin­dend. Kommt es zu kei­ner Ei­ni­gung, geht der Fall zu­rück an den Streit­rich­ter. Was im Gü­te­rich­ter­ver­fah­ren be­spro­chen wur­de, wird nicht wei­ter­ge­ge­ben.

Manch­mal aber ist al­les viel leich­ter, sagt Scholz. Wie im Streit um ein Haus­tier, das zu oft Aus­flü­ge auf das Nach­bar­grund­stück ge­macht hat. Am En­de stell­te sich her­aus: Ei­gent­lich war der ei­ne Nach­bar nur sau­er auf den an­de­ren, weil der nie zu­rück­ge­grüßt hat. Konn­te er auch nicht. Er war schwer­hö­rig und hat sein Ge­gen­über nicht ver­stan­den.

Am Kauf­beu­rer Amts­ge­richt sind vier Gü­te­rich­ter tä­tig, in Kemp­ten gibt es an Amts- und Land­ge­richt fünf, in Mem­min­gen vier. Über 8500 neue Zi­vil­ver­fah­ren gin­gen bei den All­gäu­er Ge­rich­ten 2018 ein, nur bei ei­nem Bruch­teil da­von sind Gü­te­rich­ter zum Ein­satz ge­kom­men. Am Mem­min­ger Land­ge­richt war das bei 1800 Ver­fah­ren 22 Mal der Fall. „Die Ten­denz ist stei­gend. Aber das ist ein In­stru­ment, von dem man deut­lich mehr Ge­brauch ma­chen könn­te“, sagt der Mem­min­ger Gü­te­rich­ter Jür­gen Brink­mann.

Fo­to: M. Die­mand

Lu­cia Scholz und Ul­rich Glögg­ler ar­bei­ten als Gü­te­rich­ter.

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