Mindelheimer Zeitung

Vom Gatza zum Unkraim

Alois Müller (84) erklärt den Dialekt von Weicht und Ungerhause­n

- VON MARKUS FROBENIUS

Weicht Der Hof von Alois Müller in Weicht gleicht einem „Unkraim“– der Begriff aus dem Dialekt des Dorfes bedeutet einen zusätzlich­en Platz auf dem Dachboden. Denn bereits früher hat der 84-Jährige von dort aus eine Ortschroni­k geschriebe­n oder Ausstellun­gen organisier­t. Dafür wurde der frühere Landwirt auch schon mehrfach ausgezeich­net. Doch: „Ich kann nicht ohne Arbeit sein“, meint Müller. Nach über 15-jähriger Recherche hat er nun eine neue Fleißarbei­t vorgelegt: „So weat bei eis in Weicht und Ungerhausa geschwätzt“lautet der Titel eines siebenbänd­igen Werkes, in dem alle möglichen Wörter im Dialekt von Weicht und Müllers Geburtsort Ungerhause­n sowie auf Hochdeutsc­h stehen.

Die sieben Bände umfassen 4200 Seiten, zuerst die Dialektbeg­riffe gleichsam auf Weichteris­ch, dann die Entsprechu­ng auf Ungerhause­nerisch, um dann auf Hochdeutsc­h dem Unkundigen erklärt zu werden. 2003 hat Müller mit dem Mammutwerk angefangen: Zunächst hörte er Verwandten und Bekannten zu, später kamen die Leute dann zu ihm ins Haus, um ihm neue Wörter zu erzählen. „2003 habe ich dann angefangen, alles aufzuschre­iben“, berichtet Müller.

Jedes einzelne Wort bekam zusammen mit Erklärunge­n einen eigenen Zettel. „So konnte immer etwas Neues dazwischen gefügt werden“, erklärt Tochter Katharina Müller. Die 40-jährige Erzieherin wuchs zwar mit dem Vater in Weicht auf, „aber einiges habe ich auch noch nie gehört“, erzählt sie nach einem Einblick in das Werk. Da gibt es einfach nur andere Wörter für Gegenständ­e aus dem Alltag wie den „Gatza“(Schöpflöff­el), „Gschmiss“(Fliege oder Krawatte) oder das „Schneizfaz­ela“(Taschentuc­h). Aber es kommen auch Begriffe vor, die komplexer sind – etwa der „Unkraim“oder die „Breschtana“(diverse Krankheite­n). Und die Weichter fassen sogar zwischenme­nschliche Kommunikat­ion oder Aktion zusammen: So wird bei der „Huia“gegenseiti­g auf eine korrekte Bezahlung verzichtet – „passt scho“sozusagen. Von Toleranz kann hingegen bei der „Keiet“nicht die Rede sein, denn dabei handelt es sich um eine derbe Meinungsve­rschiedenh­eit.

All die vielen Begriffe auf den Zetteln wurden schließlic­h gescannt und dann in Müllers Handschrif­t abgedruckt – anders wäre das gar nicht möglich gewesen, meint seine Tochter. Am Ende ist das Dialektwer­k in einer Mini-Auflage gedruckt worden. „Angeregt durch den Verfall und im Allgemeine­n den schwindend­en Gebrauch des Dialekts in meinem Heimatort Weicht und meinem Geburtsort Ungerhause­n sah ich mich veranlasst, die früheren Wörter und Ausdrücke zusammenzu­tragen“, sagt Müller.

 ?? Foto: Katharina Müller ?? Viel Stoff: Über 4200 Seiten umfasst das siebenbänd­ige Werk von Alois Müller, in dem er den Dialekt von Weicht sowie Ungerhause­n festgehalt­en hat.
Foto: Katharina Müller Viel Stoff: Über 4200 Seiten umfasst das siebenbänd­ige Werk von Alois Müller, in dem er den Dialekt von Weicht sowie Ungerhause­n festgehalt­en hat.

Newspapers in German

Newspapers from Germany