Ja­kob Was­ser­mann: Der Fall Mau­ri­zi­us (119)

Mindelheimer Zeitung - - Wetter | Roman -

ELe­on­hart Mau­ri­zi­us sitzt im Ge­fäng­nis. Aber hat er wirk­lich sei­ne Frau um­ge­bracht? Der jun­ge Et­zel An­der­gast be­ginnt zu re­cher­chie­ren und lehnt sich da­mit ge­gen sei­nen Va­ter auf, der als Staats­an­walt einst An­kla­ge er­hob. Nach und nach wird klar, was sich tat­säch­lich er­eig­net hat.

ine net­te Ma­schi­ne­rie. An­na zwi­schen mir und Wa­rem­me, El­li zwi­schen mir und An­na, An­na zwi­schen El­li und mir, ich zwi­schen An­na und Wa­rem­me, und El­li zwi­schen al­len drei­en. Das ging Tag für Tag, Wo­che um Wo­che bis ans ent­setz­li­che En­de. Wenn Sie mir jetzt doch ei­ne Zi­ga­ret­te ge­ben woll­ten, wä­re ich Ih­nen dank­bar.“Er rauch­te ei­ne Zeit­lang schwei­gend. Bis­wei­len fla­cker­te sein Blick un­si­cher em­por. Er schien nach­zu­den­ken, ob es über­haupt ei­ne Mög­lich­keit gab, das, was er zu be­rich­ten sich an­schick­te, ver­ständ­lich zu ma­chen. Es stell­te sich ihm wahr­schein­lich noch jetzt als et­was hoff­nungs­los Ver­wor­re­nes dar. „Ich kann­te mich zu­nächst nicht mehr aus mit An­na“, fuhr er fort, „bis in den März hin­ein ließ sie sich nur zwei- oder drei­mal bei uns se­hen und wähl­te im­mer die St­un­den, wo ich nicht da­heim war. Von El­li hör­te ich, daß sie sich in der al­ler­bes­ten Stim­mung be­fand, sich ver­schie­de­ne neue Toi­let­ten hat­te ma­chen las­sen und Tees und Bäl­le be­such­te, an­geb­lich mit Freun­din­nen, in Wirk­lich­keit traf sie an all den Or­ten mit Wa­rem­me zu­sam­men. Und je mehr sie mich und un­ser Haus mied, je eif­ri­ger warb Wa­rem­me um mich, als le­ge er auf mei­ne Ge­sell­schaft den al­ler­größ­ten Wert. En­de März pu­bli­zier­te ich mei­ne Ar­beit über den Ein­fluß der Re­li­gi­on auf die bil­den­de Kunst von den Na­za­re­nern bis Uh­de, er schrieb dar­über ei­ne Be­spre­chung in der Frank­fur­ter Zei­tung und ver­glich mich mit Jus­ti, so­gar, ziem­lich über­trie­ben, mit Roh­de und Burck­hardt. Das ehr­te mich na­tür­lich und schmei­chel­te mir, ob­schon ich mir be­wußt war und es auch zu­ge­stand, daß sein An­teil an den Ide­en, die ich ent­wi­ckelt hat­te, nicht ge­ring war. Aber auf ein­mal wur­de von ei­nem Pla­gi­at ge­mun­kelt, das ich be­gan­gen ha­ben soll­te. Als ich dem Ge­rücht nach­ging, hieß es: Wa­rem­me sel­ber er­zählt es über­all. Ich stell­te ihn zur Re­de, er lach­te mich aus und sag­te: Kinds­kopf, küm­mern Sie sich doch nicht um sol­chen Un­sinn, Pla­gi­at, das gibt es doch un­ter Geis­tern von Rang nicht. Am sel­ben Abend, als wir im Ka­si­no vom Spiel­tisch auf­stan­den, zog er mich bei­sei­te und sag­te mit amü­sier­tem Ge­sicht: Wis­sen Sie auch, wer die när­ri­sche Pla­giat­ge­schich­te aufs Ta­pet ge­bracht hat? Sie wer­den’s nicht er­ra­ten, Ih­re Schwä­ge­rin An­na; sie hat in ei­ner mei­ner frü­hes­ten Schrif­ten ein paar Sät­ze ge­fun­den, die ge­nau mit Ih­rem üb­ri­gens sub­li­men Ur­teil über Feu­er­bach über­ein­stim­men, ich ha­be schon da­mals die eklek­ti­sche Zweit­klas­sig­keit die­ses Ma­lers kon­sta­tiert. Mir war das recht son­der­bar, am Tag dar­auf fragt ich An­na, ob es wahr sei. Sie wuß­te kein Ster­bens­wort da­von. Sie in­ter­es­sier­te sich gar nicht für die Ge­schich­te, son­dern teil­te mir nur in ih­rer ge­fror­nen Ma­nier mit, Wa­rem­me ha­be sich vor ei­ner Wo­che mit der Lil­li Quäs­tor ver­lobt, und in der ver­gan­ge­nen Nacht ha­be sich das Mäd­chen ver­gif­tet. Ich hat­te drei Ta­ge vor­her von der Ver­lo­bung ge­hört, ob­wohl sie noch nicht öf­fent­lich war, da mir aber Wa­rem­me nichts da­von ge­sagt, hat­te ich es nicht zu glau­ben ge­wagt. Du siehst ja aus, An­na, als hät­test du die Schuld an ih­rem Tod, sag­te ich ent­setzt. Sie schaut mich mit ei­nem boh­ren­den Blick an und er­wi­dert: So ist es auch, du hast das Rich­ti­ge ge­trof­fen. Und ich dar­auf: An­na, be­denk, was du re­dest. Nun kam her­aus, daß sie ei­nen Brief an das Mäd­chen ge­schrie­ben hat­te, wor­in sie ih­re äl­te­ren un­um­stöß­li­chen An­rech­te kund­gab. Ich sag­te: Das hast du ge­träumt, An­na, und leug­ne­te lei­den­schaft­lich, daß sie zu et­was Der­ar­ti­gem fä­hig sei, da kam fer­ner her­aus, daß Wa­rem­me sie zu dem Brief ge­zwun­gen hat­te. Er hat­te sich mit der Ver­lo­bung über­eilt, das Mäd­chen hat­te ihn ge­lang­weilt, die Vor­tei­le, die er sich er­hofft, hat­ten sich bei nä­he­rem Zu­se­hen als il­lu­so­risch her­aus­ge­stellt, ob er sie ver­führt hat­te oder nicht, blieb ewig dun­kel, kurz, er woll­te sich aus der Af­fä­re zie­hen, da­zu war ihm An­na ge­ra­de gut ge­nug. Viel­leicht war es auch ein Mit­tel, um auf sie zu wir­ken. Er kann­te die Fi­gu­ren, die er in sei­nem Schach­spiel be­nutz­te, aber die­se Lil­li Quäs­tor war ei­ne, die nicht mit sich spa­ßen ließ. Be­rech­nung, Zwang, das sind bei ei­nem sol­chen Men­schen Be­grif­fe wie lee­re Scha­len. Dann war auch Be­rech­nung, was spä­ter ge­schah, bis zum Mord, und war’s doch wie­der nicht, weil ein bren­nen­der Sturm­wind drin war, ein ver­nich­ten­des Ele­ment, das kann der Mensch nicht be­rech­nen, so­gar der Teu­fel irrt sich da mit sei­ner Arith­me­tik, weil er ja auch sei­nen An­teil in die gro­ße Kas­sa wirft. Den bren­nen­den Sturm­wind, den be­gann ich nun­mehr zu spü­ren, zu­erst weh­te er die An­na zu mir her, dich­ter als je zu­vor, je­der Blick, je­de Sil­be war ein „Er­lö­se­mich-von-dem-Übel“, sie hat­te Mo­men­te der Ban­gig­keit, daß ihr zu­mut war, als müs­se sie in mei­ne Brust­ta­sche schlüp­fen, um sich in Schutz zu brin­gen, wie sie ein­mal sag­te, aber sie er­trug mich bloß, wenn ich sanft und ge­las­sen war, je­de zu­drin­gen­de Ge­bär­de er­schreck­te sie maß­los. Wenn ich von Flucht re­de­te, hielt sie mir in ei­ner son­der­ba­ren Wei­se die ge­öff­ne­te rech­te Hand mit der Spit­ze nach oben senk­recht ent­ge­gen, als sei El­lis Bild dar­auf­ge­malt, Ehe­bruch, das war ihr die Sün­de der Sün­den, ja, ich blick­te ziem­lich tief in ihr In­ne­res in die­ser Zeit von En­de März bis zum acht­zehn­ten Mai, denn mit dem Tag wur­de wie­der al­les an­ders. Ich ver­gaß zu er­wäh­nen, wahr­schein­lich weil es ei­nen trif­ti­gen Grund gibt, es nicht aus der Ver­ges­sen­heit her­vor­zu­zer­ren, denn es war der Tief­punkt mei­ner Schwä­che, mei­ner ehr­lo­sen Un­ter­wer­fung, ver­gaß zu sa­gen, daß mir Wa­rem­me in­zwi­schen klipp und klar zu ver­ste­hen ge­ge­ben hat­te, daß die gan­ze Ge­schich­te mit dem ob­sku­ren An­ge­lo in Köln ei­ne Er­fin­dung ge­we­sen, zu der er in der Not ge­grif­fen ha­be, um un­se­re Freund­schaft nicht zu ge­fähr­den. Das Ge­ständ­nis mach­te er mir auf ei­nem Aus­flug nach Bie­be­rich, als wir uns in der Nacht im Wald ver­irr­ten und um den Mond­auf­gang zu er­war­ten uns auf ei­nen ge­fäll­ten Baum­stamm setz­ten. Ich ha­be von mei­ner Schwä­che und Feig­heit ihm ge­gen­über ge­spro­chen, aber in je­ner Nacht war er so auf­rich­tig und wahr, wie es sei­ne dä­mo­nisch-hin­ter­grün­di­ge Na­tur über­haupt nur zu­ließ, er war ja un­ge­mein ein­drucks­fä­hig, die Um­ge­bung ver­moch­te viel über ihn, ei­ne Land­schaft, die Fins­ter­nis in ei­nem Wald, ich ha­be ihn ein­mal bei ei­nem schwe­ren Ge­wit­ter in ei­nem Zu­stand ge­se­hen, daß ich wirk­lich Er­bar­men mit ihm hat­te. Die­se Ge­wit­ter­furcht, oder was es war, er er­klär­te sie mir dann sehr tief, hat­te er üb­ri­gens auf An­na über­tra­gen. Sie war wie ein flat­tern­der Vo­gel, wenn ein Ge­wit­ter tob­te. Wäh­rend wir al­so auf dem Baum­stamm kau­er­ten und kei­ner des an­dern Ge­sicht se­hen konn­te, rück­te er un­ver­mit­telt da­mit her­aus, daß er kei­ne an­de­re Wahl ge­habt, als mich mit der blü­me­r­an­ten Ge­schich­te von dem so­ge­nann­ten An­ge­lo ein­zu­lul­len, denn mich zum Feind und Has­ser zu ha­ben, hät­te er nicht über­win­den kön­nen. Jetzt, da ich durch so man­nig­fa­che Er­fah­run­gen tie­fer in sein We­sen ge­drun­gen sei, ha­be er sol­chen Ab­fall nicht mehr zu ge­wär­ti­gen, es sei mir so gut wie ihm be­wußt, daß wir nicht bloß durch die wun­der­sa­me Krea­tur, die uns bei­den das Höchs­te auf Er­den sei, an­ein­an­der­ge­ket­tet wä­ren, son­dern auch durch das macht­volls­te geis­ti­ge Int­gen­blick der Ge­schich­te zur Ge­mein­sam­keit auf­rie­fe.

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