Mut­ter­mut­ter­tag

Am Sonn­tag wer­den sich in man­chen Fa­mi­li­en gleich zwei Frau­en über Ge­schen­ke freu­en. Dort, wo die Kon­stel­la­ti­on so aus­sieht: Ma­ma-Ma­ma-Kind. Das Ehe­paar Sa­b­ri­na und Me­la­nie Wolff wünscht sich der­zeit aber vor al­lem ei­nes: Dass sich die Rechts­la­ge än­dert

Mindelheimer Zeitung - - Die Dritte Seite - VON VERONIKA LINTNER

Es ist Frei­tag­nach­mit­tag und hin­ter ei­nem Gar­ten­zaun in Her­berts­ho­fen, in ei­nem klei­nen Ge­wächs­haus, steigt ei­ne Schild­krö­te in die Luft. Tim hält den Pan­zer fest in bei­den Hän­den, reckt das Tier in die Hö­he und be­äugt es wie ei­ne Tro­phäe. „Un­se­re schö­nen Schild­krö­ten!“, fiepst er und strahlt mit ei­nem brei­ten Milch­zahn­grin­sen. Ne­ben ihm kniet sei­ne Mut­ter Sa­b­ri­na Wolff, 31. Sie um­armt den Drei­jäh­ri­gen und hat ein Au­ge dar­auf, dass dem Haus­tier auch nichts pas­siert. Die­se Tier­lie­be, die ha­be Tim ganz ein­deu­tig von ihr, sagt sie. Die Vor­lie­be für Müt­zen und Käp­pis so­wie­so. Und sei­ne Krea­ti­vi­tät, das zei­gen die bun­ten, wil­den Bil­der, die Tim ge­malt und in sei­nem Kin­der­zim­mer auf­ge­hängt hat. „Stimmt. Al­le den­ken, dass sie sei­ne leib­li­che Mut­ter ist“, sagt Me­la­nie Wolff, 30. Sie ist auch Tims Mut­ter. So­gar die­je­ni­ge, die ihn ge­bo­ren hat. Des­halb ist – streng ju­ris­tisch – ih­re Ehe­frau Sa­b­ri­na eben doch nicht Tims an­de­re Mut­ter. Me­la­nie Wolff sagt: „Die­ses The­ma ist für uns noch nicht ge­klärt.“Nach An­ga­ben des Sta­tis­ti­schen Bun­des­am­tes wuch­sen 2016 et­wa 14000 Kin­der in Deutsch­land wie Tim auf: in „Re­gen­bo­gen­fa­mi­li­en“. Kon­stel­la­ti­on Va­ter-Va­ter-Kind oder – noch viel häu­fi­ger – Mut­terMut­ter-Kind. Es war ein lan­ger Weg, bis sol­che Fa­mi­li­en ent­ste­hen und of­fen le­ben konn­ten. 1998 wur­de der Pa­ra­graf, der Ho­mo­se­xua­li­tät un­ter Stra­fe stell­te, end­gül­tig aus dem Ge­setz­buch ge­stri­chen. Drei Jah­re spä­ter durf­ten Schwu­le und Les­ben ih­re Be­zie­hung in ein­ge­tra­ge­nen Le­bens­part­ner­schaf­ten of­fi­zi­ell ma­chen. 2017 dann die „Ehe für al­le“. Wol­len die­se Paa­re nun ei­ne Fa­mi­lie grün­den, wird es kom­pli­ziert. In die­sem Fall ist recht­lich noch lan­ge nicht al­les ge­klärt. Bei he­te­ro­se­xu­el­len Ehe­paa­ren sind die Fa­mi­li­en­ver­hält­nis­se schon mit der Ge­burts­ur­kun­de des Nach­wuch­ses ge­re­gelt – selbst wenn der Ehe­mann nicht der leib­li­che Va­ter ist, son­dern ein Sa­men­spen­der. Nicht so bei ver­hei­ra­te­ten Frau­en­paa­ren, die sich für ei­ne Sa­men­spen­de ent­schei­den. Mut­ter ist die­je­ni­ge, die das Kind zur Welt bringt. Die Part­ne­rin kann die Stief­kin­da­d­op­ti­on in der Re­gel erst zwei Mo­na­te nach der Ge­burt be­an­tra­gen. Es fol­gen Kon­trol­len des Ju­gend­am­tes, Ge­richts­ter­mi­ne, viel Bü­ro­kra­tie. Was das an­geht, zö­gert Me­la­nie Wolff. Das Paar aus Her­berts­ho­fen, ei­nem Orts­teil von Meit­in­gen bei Augs­burg, will lie­ber war­ten – bis sich die Ge­setz­ge­bung viel­leicht doch be­wegt. „Mich stresst der Ge­dan­ke, von Äm­tern kon­trol­liert und ge­prüft zu wer­den“, sagt sie. Ih­re Frau ver­steht nicht, war­um es die­se Hür­den gibt – Kin­der wie Tim sei­en doch ab­so­lu­te Wunsch­kin­der. Und he­te­ro­se­xu­el­le Paa­re müss­ten sich ja auch nicht prü­fen las­sen. „Die Iro­nie ist: Ich bin selbst Er­zie­he­rin, fünf Jah­re hat mei­ne Aus­bil­dung ge­dau­ert“, sagt Sa­b­ri­na Wolff. „Ma­mi“und „Ma­ma“, so hat­ten sie sich das vor­ge­stellt. Doch Tim re­gelt das auf sei­ne Wei­se. Der­zeit nennt er Me­la­nie „Ma­ma mit Bril­le“, Sa­b­ri­na „Ma­ma oh­ne Bril­le“. Ab und an ruft er sie auch beim Vor­na­men. Trotz­dem sagt Sa­b­ri­na Wolff: Un­se­re Fa­mi­lie ist klas­sisch. Fast spieß­bür­ger­lich. Auch wenn sich vie­le un­ter klas­sisch und spieß­bür­ger­lich et­was an­de­res vor­stel­len. Sie le­ben in ei­nem Haus auf dem Land mit ei­nem „Gar­ten­zäun­le“aus Holz. Die ein­ge­tra­ge­ne Le­bens­part­ner­schaft fei­er­ten sie wie ei­ne Hoch­zeit: am 12.12.2012, bei­de im An­zug, mit Bür­ger­meis­ter. Der nächs­te Schritt war glas­klar und doch kom­pli­ziert: ein ge­mein­sa­mes Kind. Sa­men­ban­ken? Ein­deu­tig zu teu­er. Ad­op­ti­on? Das sei schon für He­te­roPaa­re sehr kom­pli­ziert. Schließ­lich stie­ßen sie auf ein pri­va­tes Fo­rum. Bei­de fan­den ei­nen Spen­der, der sie rund­her­um über­zeug­te, äu­ßer­lich und vom Cha­rak­ter. Ein „Yes“-Spen­der: Ihr Kind soll mal das Recht ha­ben, zu er­fah­ren, wer der Va­ter ist. Und das Recht, ihn ken­nen­zu­ler­nen. Sie tra­fen den Spen­der, wag­ten es und schon war es pas­siert. „Bei Me­la­nie hat es so­fort funk­tio­niert“, sagt Sa­b­ri­na Wolff. „Das war un­ser Sech­ser im Lot­to“, sagt Me­la­nie. Ber­lin. Im Bun­des­tag und in den Mi­nis­te­ri­en ist das Kon­zept der Re­gen­bo­gen­fa­mi­lie ein Fall für Au­sund Sach­ver­stän­di­ge. Die Grü­nen leg­ten 2018 ei­nen Ge­setz­ent­wurf vor, dann das Jus­tiz­mi­nis­te­ri­um ei­ne neue Dis­kus­si­ons­vor­la­ge. Von Mit­mut­ter­schaft und „in­ten­dier­ter El­tern­schaft“ist die Re­de. Doch wie sieht es mit den Rech­ten ho­mo­se­xu­el­ler Paa­re aus? Das Ziel, Re­gen­bo­gen­fa­mi­li­en zu stär­ken, sei ei­gent­lich Kon­sens un­ter Fa­mi­li­en­recht­lern, sagt die Ju­ris­tin Kat­ha­ri­na Lu­ga­ni von der Hein­rich-Hei­ne-Uni­ver­si­tät Düs­sel­dorf, die da­zu als Sach­ver­stän­di­ge Stel­lung be­zo­gen hat. Über die Aus­ge­stal­tung kön­ne man sich al­ler­dings un­end­lich strei­ten. „Da liegt der Teu­fel im De­tail.“Kon­ser­va­ti­ve Rechts­ex­per­ten plä­die­ren bei­spiels­wei­se für ei­ne Bei­be­hal­tung des bis­he­ri­gen Ab­stam­mungs­rechts. „Wä­re mir et­was zu­ge­sto­ßen, wä­re mein Sohn theo­re­tisch erst ein­mal Voll­wai­se ge­wor­den“, sagt Sie lebt in Ober­bay­ern, am Ran­de ei­nes Dor­fes, ge­mein­sam mit ih­rer Frau Le­na und ih­rem leib­li­chen Sohn. Es dau­er­te lan­ge, bis amt­lich be­sie­gelt war, dass der Klei­ne zwei Müt­ter hat. Der Da­me vom Ju­gend­amt sei es re­gel­recht pein­lich ge­we­sen, die Fa­mi­lie für die Ad­op­ti­on zu über­prü­fen. Der bü­ro­kra­ti­sche Auf­wand ha­be ein­fach nicht en­den wol­len, sagt Le­na. Als sie mal wie­der vors Fa­mi­li­en­ge­richt tre­ten muss­te, nach knapp zwei Jah­ren Kampf, ha­be sie fast ge­weint. Dann stand ihr Na­me end­lich in der Ge­burts­ur­kun­de – als Va­ter. In die­sem Mo­ment ha­be sie la­chen müs­sen. Die Kor­rek­tur, die letz­te Hür­de zur gleich­be­rech­tig­ten Mut­ter­schaft, ließ sich dann auch noch be­wäl­ti­gen. An­na und Le­na möch­ten ih­re rich­ti­gen Na­men nicht preis­ge­ben und auch nicht den Na­men ih­res Soh­nes. Zu häu­fig le­sen sie feind­se­schüs­se li­ge Bei­trä­ge in so­zia­len Me­di­en, Kom­men­ta­re, die meis­tens von rechts kom­men. In ih­rem All­tag schei­nen die­se Sor­gen fern. Die Heb­am­me aus dem Ort hat­te kein Pro­blem da­mit, die Ge­burt zu be­glei­ten. Der evan­ge­li­sche Pfar­rer in der nächst­ge­le­ge­nen Stadt tauf­te den klei­nen, blon­den Kerl. „Ich hat­te ja zu­erst be­fürch­tet, dass bald Men­schen mit Fa­ckeln und Kreu­zen vor un­se­rem Gar­ten­tor ste­hen“, sagt An­na, halb im Scherz. „Aber im Ge­gen­teil, hier ist es teil­wei­se we­ni­ger spie­ßig als in Mün­chen.“„Es ist so, dass das Ge­setz hin­ter­her­hinkt“, sagt Me­la­nie Wolff in Her­berts­ho­fen. „Aber die Ge­sell­schaft ist be­reit.“Kei­ne vier­tau­send Ein­woh­ner le­ben in dem Ort. „Wir wa­ren das ers­te ho­mo­se­xu­el­le Ehe­paar hier“, sagt Sa­b­ri­na. Tim hängt gera­de ne­ben ihr kopf­über vom wei­ßen Wohn­zim­mer­so­fa. Er sucht nach Le­go­stei­nen, die un­ter die Couch ge­kul­lert sind. Die Lie­be zur Tech­nik hat er von sei­ner „Ma­ma mit Bril­le“. Da ih­re Fa­mi­li­en­kon­stel­la­ti­on so sel­ten ist, müs­sen sie sich stän­dig er­klä­ren. Sa­b­ri­na kennt den Mo­no­log: „Ja, wir sind zu­sam­men, wir sind ho­mo­se­xu­ell, ver­hei­ra­tet, ha­ben ein Kind und: Ach, Sie wol­len jetzt noch wis­sen, wie es ent­stan­den ist?“Sie ant­wor­tet dann trotz­dem ge­dul­dig. Sie sagt, sie wol­le auf­klä­ren und zei­gen, wie nor­mal und ge­wöhn­lich ih­re Fa­mi­lie sei. Die Fra­ge nach männ­li­chen Be­zugs­per­so­nen und Rol­len­bil­der be­schäf­tigt die Wolffs na­tür­lich auch. „Wir wis­sen, dass das ein The­ma für Tim sein wird“, sagt Me­la­nie. SpäAn­na. tes­tens in der Pu­ber­tät, aber ver­mut­lich schon, so­bald er die Schu­le be­su­chen und die Freun­de Fra­gen stel­len wer­den. „Wir kön­nen ihm kei­nen Va­ter ge­ben. Da­für hat er Opas, ei­nen Uro­pa, On­kel“, sagt sie. Oft hö­re sie die Fra­ge: „Und wer ist der Mann in der Be­zie­hung? Die­se Kli­schee­fra­ge ist schon et­was ga­ga.“Frü­her war das The­ma noch viel mehr ein Ta­bu, sagt Le­na aus dem ober­baye­ri­schen Dorf. In les­bi­schen Freun­des­krei­sen ha­be man sich Zet­tel un­ter der Hand wei­ter­ge­ge­ben. Dar­auf stan­den Adressen von Ärz­ten, die Paa­ren zum Wunsch­kind ver­hel­fen. Wäh­rend das al­les heu­te auch hier im­mer „nor­ma­ler“wer­de, wähl­ten Le­na und An­na da­mals den Weg zu ei­ner dä­ni­schen Sa­men­bank. Es gab da­mals zu we­ni­ge spe­zia­li­sier­te Ärz­te in Deutsch­land, in Dä­ne­mark war das un­kom­pli­zier­ter. Gut und ger­ne der Wert ei­nes Mit­tel­klas­se­wa­gens, so viel hät­ten sie in­ves­tie­ren müs­sen. Mitt­ler­wei­le ha­ben sie Tim sei­ne Her­kunft er­klärt. „Er er­zählt ger­ne, er sei ein hal­ber Dä­ne“, sagt An­na. Nun steht der Schul­ein­tritt be­vor und dem Jun­gen vie­le neu­gie­ri­ge Fra­gen. Lan­ge Zeit galt von Sei­ten der Bun­des­ärz­te­kam­mer die Richt­li­nie: Nur he­te­ro­se­xu­el­le, ver­hei­ra­te­te Frau­en dür­fen auf Sa­men­spen­den zu­grei­fen. Die­se Li­nie, die recht­lich nicht bin­dend war, hat die Kam­mer 2018 er­satz­los ge­stri­chen. Die Län­der­kam­mern kön­nen selbst ent­schei­den und ha­ben auch ei­ge­ne Re­geln er­las­sen – nur nicht Bay­ern, Ber­lin und Bran­den­burg. Hier herrscht Un­ge­wiss­heit. „Die Bun­des­ärz­te­kam­mer hat sich aus der Dis­kus­si­on zu­rück­ge­zo­gen. Die Ju­ris­ten sol­len sich dar­um küm­mern“, sagt die Psy­cho­lo­gin Con­stan­ze Bleich­rodt. Sie lei­tet die Cryo­bank-Mün­chen, ein Kin­der­wun­sch­zen­trum und zugleich ei­ne Sa­men­bank, in der das Erb­gut von et­wa 80 Män­nern in Stick­stoff la­gert. Die Zahl der Ärz­te, die les­bi­sche Paa­re mit Kin­der­wunsch be­han­deln, ist noch im­mer klein. Viel­leicht hät­ten sie auch ein we­nig Angst vor die­sem The­ma, mut­maßt Bleich­rodt, oder sie wür­den sich nicht ex­pli­zit mit der kom­pli­zier­ten Sach­la­ge be­fas­sen. Die Nach­fra­ge sei aber groß: die War­te­dau­er bei Cryo­bank-Mün­chen für ein Erst­ge­spräch be­tra­ge zwei Mo­na­te. Nun ist al­so Mut­ter­tag. An­na und Le­na, das Ehe­paar aus Ober­bay­ern, weiß schon jetzt: Die ei­ne er­hält am Sonn­tag ein Ge­schenk, die an­de­re am Va­ter­tag. Das hat der Kin­der­hort so be­stimmt. Das Paar nimmt es mit ei­nem Schul­ter­zu­cken hin. Sa­b­ri­na Wolff wie­der­um sieht den Tag ziem­lich ge­las­sen: „Der Mut­ter­tag ist so ähn­lich wie der Va­len­tins­tag. Die Blu­men­in­dus­trie freut sich.“Viel­leicht ma­chen sie ei­nen Aus­flug, ba­cken oder bas­teln ge­mein­sam mit dem Sohn. Dann be­kom­men auch bei­de Müt­ter et­was.

Dann war­ten Kon­trol­len, das Ge­richt und viel Bü­ro­kra­tie Und wie ist das mit Ge­schen­ken am Mut­ter­tag?

Fo­to: Mar­cus Merk

Ei­ne glück­li­che Re­gen­bo­gen­fa­mi­lie: Me­la­nie (links) und Sa­b­ri­na Wolff mit ih­rem Kind Tim so­wie ih­rer Kat­ze.

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