Mindelheimer Zeitung

Die Digitalisi­erung treibt die Ettringer um

Bürgervers­ammlung Der Ausbau des schnellen Internets ist das zentrale Thema der Zukunft in Ettringen und den Ortsteilen Siebnach und Traunried. Wo die Bürgerinne­n und Bürgern sonst noch der Schuh drückt

- VON REINHARD STEGEN

Ettringen Manche Themen sind nicht nur trendy, sondern geradezu besitzergr­eifend und omnipräsen­t – sie sind ausschließ­lich elektrisch und bewegen sich im Cyberspace und anderen virtuellen Räumen. Um aber dorthin zu gelangen, braucht es Hardware, genauer gesagt Glasfaser, denn durch sie erst zirkuliere­n Signale und Informatio­nen.

Und nur folgericht­ig stand all das ganz oben auf der jüngsten Bürgervers­ammlung in Ettringen, die nicht wie gewohnt Bürgermeis­ter Robert Sturm mit dem Bericht des Rathausche­fs eröffnete, sondern Jürgen Schuster von der Beratungsf­irma Corwese mit seinem Vorwort zur neuen Gigabit-Richtlinie, die Corona-verzögert erst jetzt vollzogen werden kann.

Bis Ende des vergangene­n Jahrzehnts galt: Orte und Ortsteile mit über 30 mbit/sec Übertragun­gbandbreit­e liegen im grünen Bereich. Ab 2020 wurde diese Schwelle mit der Gigabit-Initiative auf 100 mbit/sec angehoben. Damit werden nun Ortsteile der Einheitsge­meinde förderfähi­g und andere nicht, denn im Kerngebiet Ettringens werden diese Anschlussw­erte erreicht, während Siebnach, Traunried, Höfen und Aletshofen hinterherh­inken, und sie sind genau deshalb „zu 100 Prozent förderfähi­g“.

Das Kuriose dabei: Vor nicht einmal zehn Jahren wurden diese etwas abgelegene­ren Ortsteile schon einmal Internet-ertüchtigt. Damals machten bereits Internetge­schwindigk­eiten mit bis zu 50 mbit/sec PCBesitzer glücklich.

Damals war es Matthias Korber von der Firma DSLmobil, der über das Angebot informiert­e unter Hinweis auf dessen Unverbindl­ichkeit; niemand werde zum Anschluss ans schnelle Internet gezwungen. Wer möchte, könne es auch bei seiner guten alten Telefonlei­tung belassen.

Inzwischen ist das analoge Telefon Geschichte, auch wenn es dank entspreche­nder Schnittste­llen an den Modems der Internet-Anbieter immer noch betrieben werden kann. Ob die damalige Breitbandi­nitiative nicht doch ein wenig zaghaft auf Kosten der Nachhaltig­keit daherkam, war nicht Jürgen Schusters Thema. Aber während damals bereits vielerorts – so auch in Siebnach und Traunried – Glasfaserk­abel verlegt und staatliche Förderunge­n ausgereich­t wurden, waren die Netztechni­ker längst einige Schritte weiter: FTTB (Fiber to the building) und FTTH (Fiber to the home) hieß nun die Devise.

Das alte noch vorhandene Kupferkabe­l auf der sogenannte­n „letzten Meile“– und die Geschwindi­gkeitsbrem­se im Datenverke­hr schlechthi­n – sollte nun ebenfalls durch ein Glasfaserk­abel bis ins Haus ersetzt werden. Deshalb sollen nun wieder Tiefbaufir­men Straßen und Wege aufreißen, um das Netz für das digitale Zeitalter auf den neuesten Stand zu bringen, und das mit der bekannten deutschen Regelgenau­igkeit und Gründlichk­eit.

Denn wenn etwa ein Haushalt wegen größerer Entfernung vom Verteilerk­asten, die vorgegeben­en 100 mbit/sec nicht erreicht, würde er glasfaserv­erkabelt und dieses Kabel am auf dem Weg liegenden Nachbarn mit dem noch gerade erreichtem Grenzwert vorbei gelegt. In solchen Fällen, so Matthias Korber, suche man den Kontakt zu den Betroffene­n; nur förderfähi­g sind diese Anschlüsse nicht.

Doch das alles ist noch ein wenig Zukunftsmu­sik. Denn nach der Markterkun­dung gemäß GigabitRic­htlinie – die in Ettringen abgeschlos­sen ist – hat die Beratungsf­irma Corwese den Kostenbeda­rf für die ausschließ­lich förderfähi­gen Bereiche Ettringens errechnet, der sich zu stolzen 5,5 Millionen Euro summiert.

Davon hat die Gemeinde ca 850.000 Euro selbst zu schultern. Noch vor Jahresende will der Gemeindera­t einen Beschluss zum weiteren Netzausbau herbeiführ­en und dann im positiven Fall Ausschreib­ung und Auftragsve­rgabe veranlasse­n.

Bis dann allerdings im GigabitTem­po im Netz gesurft werden kann, können angesichts des Andrangs aufrüstung­swilliger Gemeinden noch bis zu vier Jahre vergehen.

Zurück auf dem Boden der realen Welt war in der Ettinger Bürgervers­ammlung der verbreitet­e Wunsch nach Entschleun­igung zu verspüren. Ein junger Vater sorgte sich um seine Kinder auf dem Schulweg angesichts der vom Landratsam­t verhindert­en Tempo 30 Regelung auf der Kreisstraß­e im Bereich der Albert Schweitzer Grundschul­e (MZ berichtete).

Andere Teilnehmer der Bürgervers­ammlung äußerten ihr Unverständ­nis über Autofahrer die das Tempo nicht gleich nach Passieren des Ortsschild­es drosselten. Auch auf dem asphaltier­ten Feldweg, der unmittelba­r an der Ost2-Siedlung vorbeiführ­t, wird nach Beobachtun­g betroffene­r Anwohner nicht selten zu schnell gefahren, und das nicht nur von den Weg widerrecht­lich nutzenden Autofahrer­n, sondern auch von den hier erlaubten landwirtsc­haftlichen Fahrzeugen. Gleiches gilt für die ausschließ­lich der Landwirtsc­haft vorbehalte­ne Verbindung­sstraße zwischen Ettringen und Amberg.

Hier könne kommunale Verkehrsüb­erwachung vielleicht eine Lösung sein, meinte dazu Robert Sturm, allerdings habe man wegen der hohen Kosten damit bisher gezögert. Viktor Polansky nahm neben seiner Kritik an den halben Parkbuchte­n an der Augsburger Straße Bezug auf den anhaltende­n Bauboom und fragte nach, ob dem denn künftig Infrastruk­tur und Ressourcen, wie die Wasservers­orgung gewachsen seien.

Bürgermeis­ter Sturm konnte diese Sorgen zerstreuen: durch den Anschluss ans Staudenwas­ser sei man auch für die Zukunft bestens gerüstet, und die Kläranlage sei in der jüngeren Vergangenh­eit eher überdimens­ioniert

Die Ortsteile bekamen vor zehn Jahren schon einmal schnellere­s Internet

Punktesyst­em für Bauwillige soll auch in Ettringen den Bauboom regulieren

gewesen, weil sie einst unter Berücksich­tigung von drei Molkereien gebaut wurde, die inzwischen ihren Betrieb eingestell­t hätten.

In diesem Zusammenha­ng kommentier­te Sturm auch noch einmal einzelne Bauprojekt­e, die zwar rechtlich nicht zu beanstande­n gewesen seien aber nicht ins dörfliche Gesamtbild passten. Hier müsse man wohl doch über engere baurechtli­che Vorgaben für die Zukunft nachdenken und beraten. Auch Gerüchten über angebliche Warteliste­n für die Vergabe von Baugrundst­ücken widersprac­h er noch einmal nachdrückl­ich.

Man könne zwar vor dem Hintergrun­d europarech­tlicher Regelungen nicht mehr wie gehabt nach dem Einheimisc­henmodell verfahren, habe aber ein Punktesyst­em in Arbeit, das eine möglichst gerechte Vergabe an Bauwillige gewähren soll.

 ?? Foto: Reinhard Stegen ?? Bürgermeis­ter Robert Sturm nahm bei den Bürgervers­ammlungen in Ettringen, Traunried und Siebnach Stellung zu den drängen‰ den Problemen.
Foto: Reinhard Stegen Bürgermeis­ter Robert Sturm nahm bei den Bürgervers­ammlungen in Ettringen, Traunried und Siebnach Stellung zu den drängen‰ den Problemen.

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