Die Fir­ma Wit­ty sitzt in Din­kel­scher­ben und ist ein Che­mie-Un­ter­neh­men.

Mittelschwaebische Nachrichten - - Wirtschaft -

Sei­ne Frau, ei­ne ge­lern­te Schnei­de­rin, ent­warf Wer­be­auf­schrif­ten für die rol­len­den Mar­ke­ting-Maß­nah­men. Spä­ter, in den wil­den 60er Jah­ren, kam noch der ein­präg­sa­me und zun­gen­bre­che­ri­sche Wer­be­spruch „Wer Wit­ty tippt, tippt tipp­topp“hin­zu.

Die Ge­schäf­te lie­fen der­ma­ßen gut, dass die Fir­ma drin­gend mehr Platz be­nö­tig­te und sich in Din­kel­scher­ben west­lich von Augs­burg an­sie­del­te. Dort sitzt das Un­ter­neh­men bis heu­te und hat an ei­nem VW-Bus als Wer­be­trä­ger fest­ge­hal­ten. Un­ter Hu­bert Wit­ty, der 1984 in das Un­ter­neh­men ein­ge­stie­gen ist und es seit 1999 als Ge­schäfts­füh­rer lei­tet, hat das Au­to­kon­zept ei­ne krea­ti­ve Er­wei­te­rung er­fah­ren. Denn oben auf dem VW-Bus sitzt die Fi­gur ei­nes gro­ßen gel­ben Wasch­bärs. Das knal­lig-tie­ri­sche Ge­fährt dient heu­te vor al­lem als An­lock­mit­tel für drin­gend be­nö­tig­te Fach­kräf­te. Der auf­fäl­li­ge Bus fährt auch zum Com­pu­ter­werk des ja­pa­ni­schen Her­stel­lers Fu­jit­su nach Augs­burg, um viel­leicht ei­nen ITSpe­zia­lis­ten des vor dem Aus ste­hen­den Be­triebs nach Din­kel­scher­ben zu lot­sen. Auf dem gel­ben VWFahr­zeug steht: „Wer­de Teil un­se­res Teams.“

Das ist ein be­son­de­res Team, was schon bei den kom­mu­ni­ka­ti­ven Chefs an­fängt. Wit­ty, 63, und sein Ge­schäfts­füh­rungs­kol­le­ge Thi­lo Schind­ler, 47, sit­zen sich in ei­nem rie­si­gen Groß­raum­bü­ro ge­gen­über. Die Mit­ar­bei­ter ha­ben so kur­ze We­ge zu ih­nen und müs­sen nicht an Tü­ren an­klop­fen. „Bei uns ge­nie­ßen die Be­schäf­tig­ten schon vom Aus­zu­bil­den­den an vie­le Frei­hei­ten“, sagt Wit­ty und fügt aber hin­zu: „Wir er­ren. war­ten, dass sie Pro­ble­me selbst lö­sen.“Auf den Ti­schen al­ler Be­schäf­tig­ten steht am Ni­ko­laus­tag ein Weck­glas mit Ker­ze und Sü­ßig­kei­ten. Auch so be­dankt sich der Chef bei sei­nen Mit­ar­bei­tern. Wenn ein di­cker Auf­trag her­ein­schneit – und das muss an­ge­sichts des re­gen Wachs­tums öf­ter pas­sie­ren –, kommt ein an der Wand hän­gen­der asia­ti­scher Gong zum Ein­satz. Wit­ty, ein schlan­ker, sport­li­cher Mann mit blau­ge­fass­ter Bril­le und vol­lem grau­en Haar, lacht: „Da hau­en wir dann drauf. Das darf je­der.“

Da­bei sind die schwä­bi­schen Hy­gie­ne-Spe­zia­lis­ten kei­ne Haud­raufs. Sie ge­hen in ih­ren Ge­schäf­ten sehr über­legt vor und le­gen – wie Wit­ty im­mer wie­der sagt – auf ih­re Un­ab­hän­gig­keit als Fa­mi­li­en­un­ter­neh­mer gro­ßen Wert: „Manch­mal tref­fen wir Ent­schei­dun­gen auch, wenn sie teu­er sind, um un­se­re Un­ab­hän­gig­keit zu schüt­zen.“Zwei der gol­de­nen Wit­ty-Re­geln lau­ten: „Das ma­chen wir selbst.“Und: „Das muss zu uns pas­sen.“Die ei­ge­ne, stu­re Un­ter­neh­mens-Phi­lo­so­phie zeigt sich in der Be­schrän­kung auf das We­sent­li­che. Statt auch durch Über­nah­men im­mer neue Ge­schäfts­ge­bie­te zu er­obern, wie es Kon­zer­ne ma­chen, kon­zen­triert sich der gut ver­die­nen­de Mit­tel­ständ­ler auf drei lu­kra­ti­ve Ge­schäfts­fel­der: Seit den 60er Jah­ren stellt die Fir­ma Pro­duk­te für die Schwimm­badrei­ni­gung und die Was­ser­auf­be­rei­tung her – ein kri­sen­si­che­res Ge­schäft, in dem der An­bie­ter sich deutsch­land­weit als Markt­füh­rer sieht.

In den 90er Jah­ren ka­men Rei­ni­gungs­sys­te­me für Groß­kü­chen von Kli­ni­ken und Al­ten­hei­men hin­zu. Zu­letzt hat Wit­ty auch un­ter Trink­was­ser­ver­sor­gern Kun­den ge­fun­den. Ih­nen wer­den Che­mie, Tech­nik, Ser­vice und Was­ser­ana­ly­sen an­ge­bo­ten. Die Stra­te­gie funk­tio­niert. Die Fir­ma wur­de für ih­re Ser­vice­qua­li­tät aus­ge­zeich­net. Die Er­lö­se stei­gen ste­tig an – in die­sem Jahr auf et­wa 31 Mil­lio­nen Eu­ro. Der In­ha­ber hat aus­ge­rech­net: „Wir konn­ten die Zahl der Ar­beits­plät­ze und den Umsatz in den ver­gan­ge­nen zehn Jah­ren ver­dop­peln.“

Um aus­rei­chend Fach­kräf­te zu fin­den, be­las­sen es die Schwa­ben nicht beim gel­ben VW-Bus. El­tern be­kom­men et­wa ei­nen Zu­schuss des Ar­beit­ge­bers für die Kin­der­be­treu­ung von bis zu 150 Eu­ro im Mo­nat. „Jun­ge Leu­te, die ei­ne Fa­mi­lie grün­den und ein Haus bau­en, brau­chen je­den Eu­ro“, sagt der mehr­fa­che Va­ter Wit­ty, der ein bo­den­stän­di­ger Mann ist. Er lebt in Din­kel­scher­ben, fährt oft mit dem Rad ins Bü­ro und bricht am Wo­che­n­en­de schon mal mit Mit­ar­bei­tern zu Moun­tain­bike-Tou­ren auf.

Nun zu glau­ben, bei dem Un­ter­neh­men auf dem Land ge­he es all­zu ge­müt­lich zu, wä­re ver­kehrt. Der Chef macht deut­lich: „Bei uns wird kein Be­reich quer­sub­ven­tio­niert. Je­de Spar­te muss Geld ver­die­nen.“Da sei man bei Wit­ty sehr zäh. Letzt­lich geht es dem Chef dar­um, „die Ar­beits­plät­ze der Mit­ar­bei­ter zu er­hal­ten“. Das treibt ihn an.

Ei­ne ge­wis­se Ent­spannt­heit ge­hört aber auch zur Wit­ty-Welt. Die Kan­ti­ne heißt „Gel­ber Wasch­bär“. Vor dem Che­mie­werk wei­den Pfer­de auf dem Un­ter­neh­mens­ge­län­de. Sie ge­hö­ren dem ehe­ma­li­gen Be­triebs­lei­ter. „Da­für passt er am Wo­che­n­en­de auf un­se­re Fir­ma auf“, sagt der pro­mo­vier­te Che­mi­ker Wit­ty la­chend. Eben ei­ne klas­si­sche Win-win-Si­tua­ti­on.

Ja, meint der Chef, er ha­be in sei­nem Le­ben eben viel Glück ge­habt. Und er kön­ne es mit Men­schen.

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