Ein Ex-Mi­nis­ter soll es rich­ten

Morgenpost am Sonntag (Dresdner) - - VORDERSEITE - Von Mar­kus Grie­se

Rumms - da ist er wie­der! Heinz „Hei­ner“Eg­gert (72), Ex-In­nen­mi­nis­ter, Ex-CDU-Bun­des­vi­ze, seit neun Jah­ren nicht mehr im Land­tag und doch nie ganz von der Bild­flä­che ver­schwun­den, soll jetzt für Mi­nis­ter­prä­si­dent Micha­el Kret­sch­mer (43) Run­de Ti­sche or­ga­ni­sie­ren. Im Kl­ar­text: Eg­gert soll mit­hel­fen, die ver­fah­re­ne po­li­ti­sche Kar­re aus dem Dreck zu zie­hen. Orts­ter­min mit ei­nem im­mer noch ganz schön „bun­ten Hund“.

Käff­chen im Frei­en, Dresd­ner Neu­stadt. Weilt Eg­gert mal nicht im hei­mi­schen Oy­bin, Sach­sens hin­ters­tem Win­kel, trifft man ihn oft im Sze­ne-Kiez der Lan­des­haupt­stadt. Nah dran am Le­ben. Jetzt noch mehr. Doch wie ei­gent­lich kam Kret­sch­mer auf ihn? „Wir ken­nen uns schon lan­ge, ich war In­nen­mi­nis­ter, als er in die Po­li­tik ein­stieg“, er­klärt Eg­gert, des­sen mo­di­sches Schlab­ber­hemd - wohl ge­wollt - nicht recht zum Al­ter in sei­nem Aus­weis pas­sen will. „Am Abend sei­nes Chem­nit­zer Sach­sen­ge­sprächs rief der Mi­nis­ter­prä­si­dent mich an“, sagt Eg­gert. Für den Gang in „die Höh­le des Lö­wen“ha­be er dem MP, ein Lau­sit­zer wie er selbst, Re­spekt ge­zollt. Als der ihn bat, zu­sam­men mit drei „Mit­strei­tern“künf­tig Ge­sprächs­for­ma­te mit Bür­gern zu or­ga­ni­sie­ren, ließ Po­lit-Hau­de­gen Eg­gert sich nicht lan­ge bit­ten. Klar, die Auf­ga­be passt: „Ich er­le­be im­mer, dass völ­lig frem­de Men­schen mir er­zäh­len, was sie ma­chen, wor­un­ter sie lei­den“, sagt Eg­gert, der einst Pfar­rer und Bür­ger­recht­ler war, ir­gend­wann mal TV-Mo­de­ra­tor, und der auch jetzt noch stän­dig von Pas­san­ten er­kannt und ge­grüßt wird. Ein Volks­tri­bun? Ir­gend­wie schon. Den Wü­ten­den und Be­sorg­ten nach dem Mund re­den, das will er nicht. Zu­hö­ren und in der Sa­che strei­ten, das schon. Na­tür­lich weiß auch Eg­gert, dass sei­ne­po­li­ti­sche sche Hei­ma­tHei­mat, die Sach­sen-CDUCDU, Feh­ler ge­macht hat. „Wenn sich im Volk so viel an­ge­staut hat, weil das Ven­til ver­stopft ist und man es po­li­tisch nicht öff­nen will, dann darf man sich über be­stimm­te po­li­ti­sche Ent­wick­lun­gen nicht wun­dern“, sagt er. Dass Kret­sch­mer jetzt die Flucht nach vorn an­tritt, Ge­sprä­che auch dort sucht, wo es weh tut, sei aber der rich­ti­ge Weg. Und bald eben auch sei­ner.

Ein Wan­ken der Fun­da­men­te

Eg­gert hat­te das Ohr schon im­mer ein biss­chen nä­her an der Ba­sis als an­de­re. Wo­her die Un­zu­frie­den­heit in wei­tenTei­len len der Öf­fent­lich­keit kommt­kommt, glaubt er zu wis­sen. Angst vor Ab­stieg et­wa, Al­ters­ar­mut, Land­flucht? „All das hat auch mal ei­ne Rol­le ge­spielt“, sagt er, sei aber nicht das Ent­schei­den­de. „Ich glau­be, dass wir ab 2015 ein Wan­ken der Fun­da­men­te in Deutsch­land ha­ben“, sagt Eg­gert be­tont nach­denk­lich. „Gar nicht mal nur, weil so vie­le Flücht­lin­ge ge­kom­men sind. Son­dern weil der Staat sei­ne Un­fä­hig­keit ge­zeigt hat, den Rechts­staat durch­zu­set­zen und un­kon­trol­liert Leu­te an­ge­kom­men sind, die even­tu­ell - nicht nur für die Deut­schen, son­dern auch für Flücht­lin­ge - zur Be­dro­hung wer­den.“Das sei das, was die Men­schen der­zeit am meis­ten be­un­ru­hi­ge. Eg­gert: „Mir er­zäh­len Kran­ken­schwes­tern, dass sie nicht mehr durch ei­nen Park ge­hen, weil sie stän­dig dumm an­ge­macht wer­den. Wenn der Staat hier nicht durch­greift, wird die Angst der Men­schen nicht ver­schwin­den.“Schon als In­nen­mi­nis­ter ha­be er ge­lernt: Die bes­te Kri­mi­nal­sta­tis­tik nützt nichts, wenn es ein Un­si­cher­heits­ge­fühl in der Be­völ­ke­rung gibt. Al­so müs­se jetzt ei­ne Dop­pel­stra­te­gie her: „Ei­ner­seits rech­te Straf­tä­ter un­ter stän­di­gen Ver­fol­gungs­druck set­zen, an­de­rer­seits kri­mi­nel­le Asyl­be­wer­ber hin­ter Git­ter brin­gen oder ab­schie­ben.“

Kri­tik an al­len Par­tei­en

Zu­min­dest Letz­te­res dürf­te auch bei AfDFans gut an­kom­men, doch Eg­gert hält von die­ser Par­tei nicht viel. „Wer das Pro­blem nur auf die Aus­län­der zu­spitzt, der irrt. Ich ha­be von

der AfD noch kei­ne Über­le­gun­gen zur Ren­ten-Ren­ten-, Hoch­schul- und an­de­ren wich­ti­gen Fra­gen ge­hört. Da ist nicht viel ge­wach­sen“, glaubt er. DDR-Nost­al­gi­kern hält er ent­ge­gen, dass da­mals längst nicht al­les Gold war, was im Rück­blick schein­bar so glänzt. „Mei­ne Mut­ter hat ihr Le­ben lang schwer ge­ar­bei­tet, da­für spä­ter gan­ze 360 Ost­mark Ren­te ge­habt - nur mal zur Er­in­ne­rung.“Im nächs­ten Atem­zug übt er auch an den de­mo­kra­ti­schen Par­tei­en Kri­tik. Wenn man, wie ein­zel­ne Ab­ge­ord­ne­te das wohl in der letz­ten Bun­des­tags­de­bat­te ta­ten, „halb Chem­nitz als Na­zi-Gang“be­zeich­ne oder die Rechts­staat­lich­keit der säch­si­schen Po­li­zei hin­ter­fra­ge, dann sei das „ei­ne un­ge­heu­re Zu­mu­tung, ge­lo­gen und über­höht - und nicht so fern von der Spra­che der Rech­ten“. Ein Gast am Ne­ben­tisch steht auf, zahlt und ruft Eg­gert im Ge­hen noch „Ganz mei­ne Mei­nung!“zu. Eg­gert lacht: „Ich weiß, ich re­de wohl zu laut ...“Aber vie­le wol­len ihn hö­ren. Am Don­ners­tag hat Eg­gert sich mit den drei Mit-Or­ga­ni­sa­to­ren* der neu­en „Run­den Ti­sche“be­spro­chen, über das ge­naue For­mat dis­ku­tiert. Nächs­te Wo­che will man ers­te Über­le­gun­gen in der Staats­kanz­lei vor­stel­len. Doch so viel ver­rät der Po­lit-Rück­keh­rer schon jetzt: „Wir wol­len der fol­gen­lo­sen und manch­mal un­ver­ant­wort­li­chen Ge­schwät­zig­keit ver­ant­wort­li­che Ge­sprä­che ent­ge­gen­set­zen.“Und das oh­ne par­tei­po­li­ti­sches Kal­kül und über die nächs­te Land­tags­wahl hin­aus. Die Mit­strei­ter sind: Se­bas­ti­an Rei­ßig, Lei­ter der Pir­na­er Ak­ti­on Zi­vil­cou­ra­ge; Bernd Stra­cke, Ex-Punk­mu­si­ker und Lei­ter des Be­ra­tungs­in­sti­tuts „B3“; As­trid Lo­renz, Po­li­tik­wis­sen­schaft­le­rin aus Leip­zig.

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