So tickt der neue Boss

Morgenpost am Sonntag (Dresdner) - - VORDERSEITE -

D ie­se Wo­che wähl­te Sach­sens Land­tags-Frak­ti­on ei­nen neu­en Vor­sit­zen­den. Ob­wohl Mi­nis­ter­prä­si­dent Micha­el Kret­sch­mer (43) sich für Geert Ma­cken­roth (68) stark ge­macht hat­te, mach­te Chris­ti­an Hart­mann (44) das Ren­nen. Der Ex­per­te für In­ne­res gilt als hemds­är­me­li­ger Typ mit Ecken und Kan­ten. Weil er ei­ne mög­li­che Ko­ali­ti­on mit der AfD nicht gleich ka­te­go­risch aus­schloss, sorg­te er gleich mal für Ir­ri­ta­tio­nen auch in der ei­ge­nen Par­tei.

Mor­gen­post am Sonn­tag: Herr Hart­mann, Sie ha­ben es in kür­zes­ter Zeit ge­schafft, dass sich der Mi­nis­ter­prä­si­dent, die CDU-Ge­ne­ral­se­kre­tä­rin und Kanz­le­rin Mer­kel von Ih­nen dis­tan­ziert ha­ben – al­les rich­tig ge­macht?

Chris­ti­an Hart­mann: Ich glau­be, dass die Ge­nann­ten sich nicht von mir als Per­son dis­tan­ziert ha­ben. Son­dern es gab gro­ße Auf­re­gung um ei­ne Schlag­zei­le, die den Ein­druck ver­mit­tel­te, dass ich die Op­ti­on ei­ner CDU-AfD-Ko­ali­ti­on of­fen­las­sen wür­de. Ich ha­be je­doch nichts an­de­res ge­sagt, als dass für mich die AfD der Haupt­geg­ner ist, dass wir sie in­halt­lich stel­len müs­sen und dass wir mit ei­ge­nem Pro­fil – durch­aus auch mit der SPD – ein An­ge­bot für die Wäh­ler ma­chen wol­len. Ich ge­hö­re si­cher­lich zu de­nen, die sich in­halt­lich deut­lich von der AfD dis­tan­ziert ha­ben. Es kann aber kei­ner ein In­ter­es­se dar­an ha­ben, dass sie zum Schluss mit ei­nem Vier­tel der Wäh­ler nach Hau­se geht. In­so­weit ist es wich­tig, den Dis­kus­si­ons­pro­zess an der Stel­le of­fen­zu­hal­ten. Ganz klar: Ich will, dass die CDU ge­winnt.

Ge­hört zum Dis­tan­zie­ren nicht aber auch, auch dass man ei­ne Ko­ali­ti­on mit der AfD aus­schließt?

Es heißt jetzt, mit ei­ge­nem Pro­fil An­ge­bo­te zu ma­chen für die wirk­lich bren­nen­den The­men, die die­ses Land be­we­gen: de­mo­gra­fi­scher Wan­del, die Si­tua­ti­on in der Bil­dung, die Her­aus­for­de­run­gen in den länd­li­chen Re­gio­nen, die Pfle­ge. Da ha­ben wir die deut­lich bes­se­ren Kon­zep­te. Ich kann mich jetzt nicht den gan­zen Tag an der AfD ab­ar­bei­ten. Da­durch schie­ben wir sie, be­wusst oder un­be­wusst, per­ma­nent in den Fo­kus und schaf­fen ein ge­wis­ses Mär­ty­rer-Image.

Man­che CDU-Wäh­ler wol­len nicht Steig­bü­gel­hal­ter sein für ei­nen Ko­ali­ti­ons­part­ner AfD. Wie wol­len Sie die­se Dis­kus­si­on wie­der ein­fan­gen?

Am En­de des Ta­ges wer­den wir mit dem Wah­l­er­geb­nis um­ge­hen müs­sen. Aber ich sa­ge auch: Ich will kei­ne sol­che Ko­ali­ti­on. Mei­ne Ver­ant­wor­tung ist es, ge­mein­sam mit dem Mi­nis­ter­prä­si­den­ten da­für zu sor­gen, dass wir den Haupt­geg­ner stel­len.

Sie sa­gen, bei den po­li­ti­schen Bau­stel­len Bil­dung, länd­li­cher Raum, Pfle­ge usw. ha­be die CDU gu­te Kon­zep­te. Nun war ih­re Par­tei aber fast drei Jahr­zehn­te po­li­tisch am Ru­der. War­um soll­te man den wäh­len, der die Kar­re mit in den Dreck ge­fah­ren hat?

Viel­leicht soll­te man nicht ver­ges­sen, wo wir 1989/90 ge­stan­den ha­ben – der bau­li­che Ver­fall, der Ver­fall an In­fra­struk­tur, ei­ne gro­ße Ar­beits­lo­sig­keit. Ja, es gibt nach wie vor Pro­ble­me, doch die­ses Land hat sich gut ent­wi­ckelt dank der Bür­ger, dank der Rah­men­be­din­gun­gen auch mit ei­ner po­li­ti­schen Flan­kie­rung durch die CDU. Zu sa­gen „die Kar­re in den Dreck ge­fah­ren“, mit Ver­laub, das kann man viel­leicht bei 40 Jah­ren re­al exis­tie­ren­dem So­zia­lis­mus so sa­gen, aber nicht zu der Ent­wick­lung die­ses Lan­des. Vor zehn Jah­ren ha­ben wir noch ge­sagt, die Ju­gend­li­chen fin­den kei­ne Lehr­stel­len. Heu­te fin­den die Un­ter­neh­men kei­ne Lehr­lin­ge mehr.

Was eher der De­mo­gra­fie ge­schul­det ist und kein Ver­dienst der CDU…

Nein, aber es hat sich in der Wirt­schaft vie­les ver­bes­sert. Ich glau­be, wenn man of­fe­nen Au­ges durch die­ses Land geht, dann sieht man durch­aus, dass die letz­ten 28 Jah­re für die­ses Land auch er­folg­rei­che Jah­re wa­ren. Bei­spiel Bil­dungs­sys­tem: Ja, wir ha­ben ein Pro­blem mit der Si­cher­stel­lung der Leh­rer­kräf­te. Aber wir sind in al­len na­tio­na­len Stu­di­en vorn und auch im in­ter­na­tio­na­len Ver­gleich gut auf­ge­stellt, auch durch die en­ga­gier­ten Leh­rer. Man kann doch das Sys­tem nicht schlecht­re­den. Na­tür­lich ha­ben wir nach wie vor Schul­sa­nie­rungs­be­darf. Aber man muss auch mal durch die Stadt ge­hen und se­hen, wie vie­le Schu­len sa­niert und ge­baut wor­den sind, auch mit Un­ter­stüt­zung des Frei­staa­tes und auch in den länd­li­chen Re­gio­nen.

Las­sen sich Po­li­tik und Me­di­en viel­leicht man­che De­bat­te zu sehr auf­zwän­gen, mit dem Ef­fekt, dass heu­te die Flücht­lings­fra­ge schein­bar al­les über­la­gert?

Die Flücht­lings­fra­ge ist ein gu­tes Bei­spiel. Wir ha­ben man­ches am An­fang zu eu­pho­risch be­trach­tet. trach­tet So zu tun, tun als ob Men­schenMen­schen, die zum Teil An­alpha­be­ten sind, un­se­ren Fach­kräf­te­be­darf de­cken, ist doch ab­surd. Da hät­ten wir von An­fang an ein ehr­li­che­res und dif­fe­ren­zier­te­res Bild ma­len müs­sen.

Wir ha­ben ei­nes der wei­test­ge­hen­den Asyl­rech­te der Welt. Aber wenn ein Mensch, der kei­nen An­spruch hat, nicht ab­ge­scho­ben oder mehr­fach straf­fäl­lig wird, wäh­rend wir gleich­zei­tig von un­se­rer Be­völ­ke­rung die Ein­hal­tung der Re­geln ver­lan­gen, dann ha­ben wir et­was falsch ge­macht. Wenn Sie je­man­den in Ih­rer Woh­nung zu Gast ha­ben, der Ih­nen die Bu­de zer­legt und ih­re Gäs­te be­läs­tigt, dann sa­gen Sie doch nicht „Es war ein wun­der­schö­ner Abend, komm mor­gen wie­der“, son­dern wenn der nicht geht, dann las­sen Sie ihn po­li­zei­lich ab­füh­ren.

Wel­che Auf­ga­ben hat künf­tig der MP, wel­che ha­ben Sie?

Mi­nis­ter­prä­si­dent Micha­el Kret­sch­mer muss wei­ter mit den Men­schen im Land re­den, er ist das Ge­sicht an der Spit­ze der Re­gie­rung die­ses Lan­des. Er macht ei­nen sehr gu­ten Job, al­lein schon bei den Dia­log­fo­ren und den Ge­sprä­chen mit der Bür­ger­schaft. Ge­mein­sam müs­sen wir die Ver­net­zung in und mit der Frak­ti­on ver­bes­sern. Mei­ne Auf­ga­be ist es auch, die Kom­mu­ni­ka­ti­on mit den Mi­nis­te­ri­en zu stär­ken und die Ab­stim­mung zwi­schen den Ar­beits­krei­sen zu ver­bes­sern. In der Frak­ti­on sit­zen 59 en­ga­gier­te Ver­tre­ter ih­rer Wahl­krei­se, die in der Dis­kus­si­on mit den Wäh­lern ste­hen und gleich­zei­tig im Team ent­schei­den müs­sen. Die­se Ener­gie zu bün­deln, ist auch die Auf­ga­be des Frak­ti­ons­vor­sit­zen­den.

Vie­le Ab­ge­ord­ne­te zit­tern ja mit Blick auf die Um­fra­gen auch um ih­re Wahl­krei­se. Si­cher nicht leicht, die Trup­pe da bei Lau­ne zu hal­ten. Ha­ben Sie auch Re­spekt vor der Auf­ga­be?

Von An­fang an. Nach we­ni­gen Ta­gen im Amt bin ich na­tür­lich noch nicht in al­len Tie­fen an­ge­kom­men. Ich neh­me aber ei­ne hoch­mo­ti­vier­te Frak­ti­on wahr.

Wie fin­den Sie noch die Zeit für Ih­re Äm­ter als Orts­vor­ste­her von Lan­ge­brück, Chef der CDU Dres­den - und als Fa­mi­li­en­va­ter?

Das Amt des Orts­vor­ste­hers wer­de ich zu­min­dest bis zur Kom­mu­nal­wahl aus­füh­ren. Mir ist das wich­tig, weil die Men­schen in Lan­ge­brück mit mir of­fen re­den. Die­se bo­den­stän­di­ge Ver­an­ke­rung ist für mich auch als mensch­li­ches Kor­rek­tiv von un­schätz­ba­rem Wert. Als Kreis­vor­sit­zen­der ha­be ich auch ei­ne Ver­ant­wor­tung, zu­mal wir uns ge­ra­de auf die Kom­mu­nal­wah­len vor­be­rei­ten. Si­cher bleibt im nächs­ten Jahr we­nig Zeit für die Fa­mi­lie. Ich ha­be mit mei­ner Frau dar­über ge­spro­chen. Jetzt wer­de ich dar­auf ach­ten, mir den ei­nen oder an­de­ren Abend oder Mor­gen für die Kin­der be­wusst frei­zu­hal­ten.

Nach Ih­rer Al­ko­hol­fahrt vor ei­ni­gen Jah­ren schie­nen Sie für hö­he­re po­li­ti­sche Äm­ter ab­ge­schrie­ben. Sind jetzt Leu­te mit Ecken und Kan­ten wie­der mehr ge­fragt, wes­halb Sie sich wie­der aus der De­ckung trau­ten?

Es gab da­mals Kri­tik und Un­ter­stüt­zung, ich bin of­fen da­mit um­ge­gan­gen, in­so­weit ist das jetzt

kein The­ma mehr. Die Ent­schei­dung, für den Frak­ti­ons­vor­sitz zu kan­di­die­ren, war nicht ge­plant. Der Rück­tritt von Frank Kup­fer hat mich sehr be­trof­fen ge­macht. Er war ein gu­ter Vor­sit­zen­der. Was die Ecken und Kan­ten an­geht: Man kann sich mit mir un­ter­hal­ten, ich kann zu­hö­ren und se­he mich als sehr li­be­ral mit kon­ser­va­ti­ver Grund­ein­stel­lung. Man muss sei­ne ei­ge­ne Mei­nung aber auch mal re­vi­die­ren kön­nen. Mei­nungs­viel­falt ge­hört zur De­mo­kra­tie. Wir müs­sen aber auch an­de­re Mei­nun­gen re­spek­tie­ren und die zu­neh­men­de Ra­di­ka­li­sie­rungs­schrau­be un­ter­bre­chen, weil das ir­gend­wann zu noch ex­tre­me­ren Ent­wick­lun­gen führt. Ei­ne kla­re­re An­spra­che ist zwar ge­fragt, aber ge­tra­gen von Re­spekt und nicht un­ter­halb der Gür­tel­li­nie.

(Das In­ter­view führ­ten Ju­lia­ne Mor­gen­roth und Mar­kus Grie­se) Nah an der Ba­sis: Chris­ti­an Hart­mann (44) nimmt bei Ge­sprä­chen mit Bür­gern kein Blatt vor den Mund.

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