Rich­tig trau­ern!

Und das Le­ben geht wei­ter

Morgenpost am Sonntag (Dresdner) - - VORDERSEITE -

In­dia­ner vom Stamm der Na­va­jo be­wei­nen ih­re To­ten nur vier Ta­ge. Die Wit­wen der Zu­lu in Süd­afri­ka hin­ge­gen trau­ern ein Jahr lang schwarz ge­klei­det ab­seits der Ge­sell­schaft, wäh­rend der Tag der To­ten („Día de los Mu­er­tos“) in Me­xi­ko als kun­ter­bun­tes Volks­fest über die Büh­ne geht. In je­der Kul­tur ge­hört der Tod zum Le­ben da­zu. Wie lan­ge und in­ten­siv ge­trau­ert wird, da­für gibt es kei­ne wis­sen­schaft­li­che For­mel.

Ein Jahr. So lan­ge, sagt man, brau­che es, um über den Ver­lust ei­nes ge­lieb­ten Men­schen hin­weg­zu­kom­men. Aber: „Je­der Mensch trau­ert auf sei­ne Wei­se“, weiß Micha­el Le­on­har­di (61). Der Pfar­rer ist Seel­sor­ger am Dresd­ner Uni­k­li­ni­kum und Herz­zen­trum. Er hat täg­lich mit den Sor­gen und Schmer­zen von Hin­ter­blie­be­nen zu tun.

Lei­den - das ist kei­ne Krank­heit, die man ein­fach mit Ta­blet­ten be­han­deln kann. Aber man kann ver­su­chen, sich dem Schmerz zu stel­len und ihn zu lin­dern. Die schlech­te Nach­richt: Trau­ern funk­tio­niert nicht nach ei­nem Sche­ma. Die gu­te: Man kann trotz­dem ver­su­chen, sie zu ver­ste­hen.

„Fürs Trau­ern und Trös­ten gibt es kei­ne Faust­re­gel. Ei­ne gro­be Ori­en­tie­rung aber ge­ben die vier Pha­sen der Trau­er“, sagt Micha­el Le­on­har­di. Zu­nächst zieht ei­nem der Schock den Bo­den un­ter den Fü­ßen weg, man fühlt sich über­rum­pelt, im Schock er­starrt. „Das ist Pha­se eins“, so der Pfar­rer. Das kann Ta­ge bis Wo­chen an­hal­ten. „In der zwei­ten Pha­se bre­chen dann die Emo­tio­nen auf: Trau­er, Zorn, Freu­de, Wut und Angst­ge­füh­le“, weiß Le­on­har­di. „Die­se Pha­se ist wich­tig. Hier braucht der Trau­ern­de jje­mand,, der ihm zu

An­schlie­ßend, wenn sich die Ge­füh­le und Emo­tio­nen be­ru­higt ha­ben, be­ginnt der Trau­ern­de in der drit­ten Pha­se sich zu ori­en­tie­ren, in der Rea­li­tät zu­recht­zu­fin­den. Nicht sel­ten wird ihm schmerz­lich be­wusst, dass der Ver­stor­be­ne nie wie­der­keh­ren wird. Zu gu­ter Letzt, in der vier­ten Trau­er­pha­se, öff­net sich schließ­lich der Blick in die Zu­kunft.

Was uns die vier Pha­sen leh­ren? „Trau­er muss flie­ßen, stän­dig in Be­we­gung blei­ben“, so Pfar­rer Le­on­har­di. Als Seel­sor­ger ist der 61-Jäh­ri­ge na­tür­lich be­son­ders sen­si­bel. „Man muss die­se Wucht be­grei­fen. Da ver­ges­se ich schon ein­mal die Zeit und blei­be von 3 Uhr nachts bis früh um 9 Uhr bei den Hin­ter­blie­hört.“be­nen.“

Der Seel­sor­ger hat im­mer ein of­fe­nes Ohr - je­der­zeit für Je­der­mann.Ge­weint wird hier nicht: In Me­xi­ko ist der Tag der To­ten ei­ner der wich­tigs­ten Fei­er­ta­ge. In Me­xi­ko Ci­ty gibt es ei­ne gro­ße Stra­ßen­pa­ra­de mit Ske­let­ten und dem Sen­sen­mann.

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