Ge­schich­te

Der Raub des Jahr­hun­derts

Morgenpost am Sonntag (Dresdner) - - VORDERSEITE -

An ei­nem trü­ben Lon­do­ner No­vem­ber­mor­gen vor 35 Jah­ren war­ten sechs Män­ner in ei­nem Lie­fer­wa­gen vorm gro­ßen Ei­sen­tor ei­nes Wach­schutz-Un­ter­neh­mens – ganz in der Nä­he des Flug­ha­fens He­a­throw. Sie sind auf­ge­regt, denn sie ha­ben ei­nen gro­ßen Coup ge­plant. Bis zu drei Mil­lio­nen Pfund, so hat es ih­nen der Kom­pli­ze aus der Fir­ma ge­steckt, könn­ten an die­sem Mor­gen im Tre­sor­raum lie­gen. Dass ih­nen gleich der größ­te Gold­raub al­ler Zei­ten ge­lin­gen wird, ah­nen sie nicht im Ge­rings­ten. Am 26. No­vem­ber 1983 fin­det der Brink’sMat-Über­fall statt.

Wach­mann To­ny Black kommt öf­ter mal zu spät zum Di­enst bei der Si­cher­heits­fir­ma Brink‘s Mat. Er sagt sei­nen Kol­le­gen im Auf­ent­halts­raum, dass er sich noch schnell frisch ma­chen will. Doch statt zur Toi­let­te schleicht er zum Haupt­tor und lässt den Lie­fer­wa­gen in die Hal­le fah­ren. Mit halb­au­to­ma­ti­schen Ge­weh­ren im An­schlag ist die Wäch­ter-Cr­ew schnell über­wäl­tigt.

Mit dem In­si­der­wis­sen von To­ny Black wis­sen die Ga­no­ven auch, wel­che bei­den Wach­leu­te den Co­de des Tre­sor­raums ken­nen. Die wer­den mit Ben­zin über­gos­sen und in Rich­tung Sa­fe ge­scho­ben. Im­mer das Ge­räusch ei­ner ge­schüt­tel­ten Streich­holz-Schach­tel im Ohr, sind sie bald be­reit, den Pan­zer­raum zu öff­nen. Wer will schon den Hel­den spie­len...

Da öff­net sich der Sa­fe. Und die Gangs­ter müs­sen erst mal schlu­cken. Viel we­ni­ger Geld als er­war­tet. Viel­leicht ein paar hun­dert­tau­send Pfund. Und ein Sack mit rück­ver­folg­ba­ren Rei­se­schecks. Da­zu ein paar Dia­man­ten, viel­leicht um die 100 000 wert. Man packt den Kram ein, will schon ent­täuscht ab­zie­hen.

Im Vor­raum des Tre­sors sind noch graue Kis­ten ge­sta­pelt, un­spek­ta­ku­lär. Trotz­dem schaut ei­ner der Räu­ber hin­ein. Fin­det zwölf di­cke Gold­bar­ren. Wohl­ge­merkt: in je­der Kis­te zwölf Gold­bar­ren! Ins­ge­samt 6 800, Ge­wicht drei­ein­halb Ton­nen! Ein Wert von 26 Mil­lio­nen Pfund Ster­ling (heu­te wä­ren das 94 Mil­lio­nen Eu­ro).

Die Räu­ber bil­den ei­ne Ket­te, sta­peln al­le Kis­ten in den Lie­fer­wa­gen! Nur zwan­zig Mi­nu­ten spä­ter ver­las­sen sie die Si­cher­heits­fir­ma. Zeu­gen wer­den spä­ter Scot­land Yard er­zäh­len, dass sich ein Lie­fer­wa­gen mit heu­len­dem Mo­tor im ers­ten Gang durch die Stra­ßen quäl­te. Die Pres­se spricht schon bald vom Raub des Jahr­hun­derts.

Durch den Coup steigt auch der Gold­preis über Nacht. Doch wie tauscht man drei Ton­nen Gold in Ba­res ein? Zu­mal in je­den Bar­ren ei­ne ein­deu­ti­ge Se­ri­en­num­mer ein­ge­prägt ist. Ein gro­ßer Teil – da­von geht man heu­te aus – wur­de ein­ge­schmol­zen. Ge­mein­sam auch mit Kup­fer­mün­zen, um die Iden­ti­tät des Edel­me­talls zu ver­ber­gen. Das Ver­steck des Gol­des wur­de je­doch bis­her nicht ge­fun­den.

Nur we­ni­ge Ta­ge nach dem Raub wur­den ei­ni­ge Ga­no­ven ge­schnappt. Von zwei­en muss­te Wach­mann Black die Iden­ti­tät preis­ge­ben, ei­ner war sein Sch­wa­ger. Auch ein Ju­we­lier und ein Me­tall­schmel­zer gin­gen in Haft. Von vier der Be­tei­lig­ten fehlt aber wei­ter­hin je­de Spur.

Ei­ne Spur des Gol­des hin­ge­gen

tauch­te t 2016 auf, als die so­ge­nann­ten „Pa­na­ma Pa­pers“ver­öf­fent­licht wur­den. Die be­rüch­tig­te Kanz­lei Moss­ack Fon­se­ca - so geht aus den Pa­pie­ren her­vor - war für die Ver­wal­tung und Geld­wä­sche des Schat­zes zu­stän­dig. Das Gold wur­de zum Teil zu Be­ton in den Lon­do­ner Dock­lands.

Und auch der Fluch des Gol­des wirkt be­stän­dig. Vie­le der an­geb­lich oder si­cher Be­tei­lig­ten wur­den nach und nach er­schos­sen. Erst 2015 starb John „Gold­fin­ger“Pal­mer mit sechs Ku­geln in der Brust. Auch er hat­te Gold vom Brink‘s-Mat-Raub ein­schmel­zen las­sen. Die Bank, der das gan­ze Gold ge­hör­te, ging be­reits 1984 in In­sol­venz.

Im­mer wie­der rie­fen die Er­mitt­ler Zeu­gen auf, sich doch zu mel­den. Auch je­des klei­ne De­tail zählt. Doch das Gold wur­de nie ge­fun­den. Die La­ger­hal­le am Flug­ha­fen, die über­fal­len wur­de: Vor dem Coup hat­ten sich die Ga­no­ven Af­fen­mas­ken über den Kopf ge­zo­gen. Scot­land Yard nahm am Tat­ort zü­gig die Ver­fol­gung auf. Doch der Lie­fer­wa­gen blieb erst ein­mal un­auf­find­bar.

Erst vor we­ni­gen Jah­ren fand sich ei­ne Spur des Gol­des. Sie führ­te nach Pa­na­ma-Ci­ty zu Brief­kas­ten­fir­men. Gold lässt Men­schen seit der An­ti­ke ein­fach al­le Hem­mun­gen ver­lie­ren - und es bringt sei­nen Be­sit­zern nicht nur Glück. Vie­le, die mit dem Brink‘s-Ma­tÜber­fall zu tun hat­ten, fan­den ei­nen ge­walt­sa­men Tod.

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