Wenn das Zelt zur Woh­nung wird

Morgenpost am Sonntag (Dresdner) - - VORDERSEITE - Von Ri­ta Sey­fert

DRES­DEN - Schie­fe Na­se, lee­rer Blick, vom Ta­bak ver­färb­te Lip­pen: Das Stra­ßen­le­ben sieht man Flo­ri­an T.* (32) an. Rie­chen tut man es nicht. Er duscht täg­lich. Im Win­ter über­nach­tet er in Dres­dens Kirch­ge­mein­den. Doch den Suff-Gestank in den öku­me­ni­schen Woh­nungs­lo­sen-Nacht­ca­fés hält er kaum aus. Des­we­gen schläft er lie­ber an der fri­schen Luft - und zel­tet in der Hei­de.

„Das Le­ben auf der Stra­ße ist hart.“Flo, wie ihn sei­ne Freun­de nen­nen, kennt es nicht an­ders. Ei­ne ei­ge­ne Blei­be hat­te er noch nie. Als Ob­dach­lo­ser fällt er durch al­le so­zia­len Net­ze.

Das Ge­fühl, zum Bo­den­satz die­ser Ge­sell­schaft zu ge­hö­ren, spül­te er lan­ge mit Al­ko­hol weg. Doch seit ei­nem Jahr ist er tro­cken. „Seit­dem ich nicht mehr trin­ke, ist das Le­ben auf der Stra­ße noch här­ter.“Und der Alk-Ge­ruch um ihn her­um riecht noch pe­ne­tran­ter.

Ei­gent­lich träumt Flo von ei­nem ganz nor­ma­len Le­ben, mit ei­nem Job in der Gar­ten- und Land­schafts­pfle­ge und ei­ner Woh­nung, am liebs­ten in der Plat­te vom Jä­ger­park. „Da ist es chil­lig“, sagt er. Doch nach dem Haupt­schul­ab­schluss stürz­te er ab. Der Jüngs­te von acht Ge­schwis­tern woll­te nicht ins Heim, als sei­ne Mut­ter an Le­ber­zir­rho­se starb.

Auch Flos Le­ben hät­te der Al­ko­hol fast zer­stört. „Im Rausch hab ich viel Schei­ße ge­baut.“Sein Straf­re­gis­ter ist lang; es reicht vom Raub­über­fall bis zur Kör­per­ver­let­zung. Flo teil­te aus und steck­te ein. Sechs­mal war sei­ne Na­se ge­bro­chen. Im­mer muss­te sie al­lei­ne hei­len. Beim Arzt war er nie.

To­des­fäl­le in der Sze­ne brach­ten ihn zur Ver­nunft. Die Ent­schei­dung für den kal­ten Ent­zug traf er von heu­te auf mor­gen. Un­ter den Bir­ken, Bu­chen und Fich­ten der Dresd­ner Hei­de fand er Ru­he. Drei Ta­ge ging er durch die Höl­le. „Schwit­zen, zit­tern, kot­zen“, er­zählt er. Am vier­ten Tag fühl­te er sich lang­sam bes­ser. „Seit­dem ich nicht mehr trin­ke, hat sich viel ge­än­dert.“Der Är­ger mit den „Cops“hör­te auf; und aus dem Bett­ler wur­de ein Pfand­fla­schen-Samm­ler. Mor­gens um sie­ben fal­tet er sein Zelt, ver­steckt es in der Hei­de und star­tet sei­ne Tour. Mit dem Fahr­rad geht‘s an der El­be ent­lang über die Jo­hann­stadt und den Gro­ßen Gar­ten bis nach Streh­len. Hier kennt Flo je­den Müll­ei­mer. Manch­mal sprin­gen ihm Rat­ten ent­ge­gen. An­ge­nehm ist sein Job nicht. Schon ein paar­mal hat er sich ver­letzt. Des­we­gen zieht er jetzt im­mer ei­nen di­cken Hand­schuh an. Flos Ar­beits­tag be­ginnt mit dem Ge­zwit­scher der Ler­che und dem Klop­fen des Spechts; er en­det, wenn Dres­dens Spät­shops schlie­ßen. Wie einst die ka­na­di­schen Trap­per nimmt Flo für sei­ne Frei­heit vie­le Ent­beh­run­gen auf sich. „Am liebs­ten über­nach­te ich an der fri­schen Luft in der Hei­de“, er­zählt er. Auf sei­nem Bett aus Moos und Blät­tern darf er ein biss­chen län­ger schlum­mern als in Dres­dens Kirch­ge­mein­den. Nur manch­mal weckt ihn das nächt­li­che Ge­grun­ze der Wild­schwei­ne. Sonst reißt ihn hier aber nie­mand aus sei­nen Träu­men von ei­nem ganz nor­ma­len Le­ben... * (Na­me von der Re­dak­ti­on ge­än­dert)

Nachts beim Zel­ten in der Dresd­ner Hei­de träumt Flo von ei­ner rich­ti­gen Woh­nung. Nur manch­mal stö­ren ihn die Wild­schwei­ne da­bei.

Das Mehr­weg­fla­schenGe­schäft läuft im Win­ter eher mau. Für sei­ne Ener­gyDrinks und den Ta­bak reicht es ge­ra­de so.

Ein­mal pro Wo­che wäscht Flo sei­ne Kla­mot­ten.

Flos Früh­schicht en­det um neun, wenn der Ob­dach­lo­sen­und Be­dürf­ti­gen Ver­ein (Wie­ner Stra­ße 73) öff­net. Hier ist erst­mal Frisch-Ma­chen an­ge­sagt.

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