AUF DEM WEG INS VER­GES­SEN Das Schaf

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Über Jahr­tau­sen­de prägt das Schaf Eu­ro­pa. Es ist om­ni­prä­sent in Li­te­ra­tur und Kunst und ele­men­ta­res Sym­bol im Mär­chen wie in der Bi­bel. Doch aus un­se­rem All­tag ist das Schaf fast ver­schwun­den

Wer den Kri­mi „Glen­kill“ge­le­sen hat, weiß nicht

nur, wer Schä­fer Ge­or­ge er­mor­de­te, son­dern auch, dass Scha­fe sich zwar äu­ßer­lich glei­chen mö­gen, je­doch ganz un­ter­schied­li­che Cha­rak­te­re ha­ben. Dar­über hin­aus weiß er, dass es in ei­ner Schaf­her­de kom­ple­xe Beziehunge­n und Rol­len gibt und man ein Schaf nie un­ter­schät­zen soll­te, selbst wenn es noch so wol­lig­weiß und ver­träumt aus­sieht. Und wenn es in der Ein­füh­rung über ei­ne der Haupt­fi­gu­ren heißt: „Mopp­le the Wa­le ist das Ge­dächt­nis­schaf: Was er sich ein­mal ge­merkt hat, ver­gisst er nie“, dann ist das nicht nur ei­ne Er­fin­dung der Au­to­rin. In ei­ner Stu­die des Ba­bra­ham In­sti­tu­te in Groß­bri­tan­ni­en und des Hamp­shire Col­le­ge in Am­herst, Mas­sa­chu­setts, konn­ten Scha­fe 50 ver­schie­de­ne Schafs- und Men­schen­ge­sich­ter wie­der­er­ken­nen – auch wenn sie die­se zwei Jah­re lang nicht ge­se­hen hat­ten. Au­ßer­dem ent­wi­ckel­ten sie in­ten­si­ve Beziehunge­n un­ter­ein­an­der (1). Doch we­der der Er­folg von Scha fskri­mis noch die er­staun­li­chen Fä­hig­kei­ten der Scha­fe kön­nen of­fen­sicht­lich ver­hin­dern, dass das klas­si­sche Haus­schaf, das über Jahr­hun­der­te hin­weg aufs Engs­te mit un­se­rer Kultur ver­bun­den war, ver­schwin­det: aus un­se­ren Land­schaf­ten, aus un­se­rem All­tag, aus un­se­rem Be­wusst­sein. Nicht ein­mal die Tat­sa­che, dass das Bünd­nis Mensch und Tier das Schaf 2018 zum „Haus­tier“des Jah­res er­nannt hat­te, konn­te dar­an viel än­dern. Welch ein Ver­lust! In Deutsch­land wur­den Scha­fe we­gen ih­res Flei­sches und we­gen ih­rer Wol­le ge­hal­ten. Schafmilch war nie so po­pu­lär wie bei un­se­ren eu­ro­päi­schen Nach­barn, und da­her gibt es bei uns auch kei­ne be­kann­ten Schaf­milch­pro­duk­te wie den grie­chi­schen Fe­ta, den fran­zö­si­schen Ro­que­fort oder den ita­lie­ni­schen Pe­co­ri­no. Da­bei leis­tet Schafmilch ei­nen wert­vol­len Bei­trag zur Er­näh­rung. Sie ent­hält we­ni­ger Was­ser, aber mehr Pro­te­in, Fett und Mi­ne­ral­stof­fe als Kuh­milch und ist leich­ter ver­dau­lich. Sie regt das Kör­per­wachs­tum an und eig­net sich für al­le, die et­wa nach ei­ner Krank­heit auf­ge­päp­pelt wer­den müs­sen.

SCHAFMILCH: DAS GU­TE DAR­AN IST DAS GU­TE DAR­IN

ei­nem EL ge­trock­ne­ter Ka­mil­le- und Bor­retsch­blü­ten und ba­den Sie Ihre Hän­de mehr­mals für ei­ni­ge Mi­nu­ten dar­in. „Man konn­te schon von Wei­tem se­hen, wo sie wa­ren: Ei­ne rie­si­ge Staub­wol­ke um­gab sie, dar­un­ter tauch­ten beim Nä­her­kom­men schmut­zig­wei­ße Rü­cken auf, Tau­sen­de dicht an­ein­an­der ge­drängt, Kopf an Schwanz, vor­wärts­rol­lend wie ei­ne ein­zi­ge zä­he Mas­se, ein trä­ger, leh­mi­ger Fluss, ste­tig und wie es schien un­auf­halt­sam.“(3) Die Zei­ten sol­cher Her­den sind lan­ge vor­bei. Seit 9000 Jah­ren dient das Schaf als Haus­tier, doch in Deutsch­land nimmt die Zahl trotz en­ga­gier­ter Schä­fer und Initia­ti­ven stän­dig ab. Zwi­schen 2006 und 2015 fiel dem Deut­schen Bau­ern­blatt zu­fol­ge die Zahl der in Deutsch­land re­gis­trier­ten Schaf­hal­ter von 29 000 auf 10 000, die Zahl der Scha­fe ging von 2,56 auf 1,58 Mil­lio­nen zu­rück, der Bun­des­ver­band der Be­rufs­schä­fer zählt 2016 nur noch 1000 Hir­ten. Kein Wun­der, denn Schaf­fleisch kommt in Deutsch­land nur sel­ten auf den Tisch. Gera­de mal 600 Gramm pro Jahr ver­zehrt durch­schnitt­lich je­der Deut­sche, das reicht gera­de für das in vie­len Fa­mi­li­en tra­di­tio­nel­le Os­ter­lamm. Ein Ver­gleich: Der Durch­schnitts­ver­zehr von Schwei­ne­fleisch liegt bei über 36 Ki­lo pro Per­son (4). Da­bei emp­fiehlt schon Hil­de­gard von Bin­gen: „Iss reich­lich und oft von der Le­ber des Scha­fes. Sie min­dert den Schleim und rei­nigt den Ma­gen von Un­rat. Wer in der Brust hus­tet und sei­nen Atem schwer ein­zieht (Asthma), aber kein

LAMMBRATEN NUR ZU OSTERN WÄR­MEND UND STÄR­KEND

Lei­den in der Lun­ge hat, es­se häu­fig die Lun­ge vom Schaf und es wird ihm in der Brust bes­ser ge­hen. Wes­sen Kör­per ganz von Kräf­ten ge­kom­men ist und des­sen Ve­nen zu­sam­men­ge­fal­len sind (Kreis­lauf­schwä­che), schlür­fe oft, wenn er will, den Saft von Schaf­fleisch und die Brü­he, wor­in es ge­kocht wur­de; und wenn es ihm bes­ser geht, es­se er auch das Schaf­fleisch selber.“(5). Auch in der Tra­di­tio­nel­len Chi­ne­si­schen Me­di­zin spielt das Lamm ei­ne wich­ti­ge Rol­le als kräf­ti­gen­de Nah­rung ge­gen al­le Ar­ten von Käl­te, bei Mü­dig­keit, Ener­gie­man­gel, Er­schöp­fung, aber auch bei Lun­gen­schwä­che, chro­ni­schem Hus­ten, An­ämie und Blut­man­gel. Bei Durchfall emp­fiehlt sie Lamm­fleisch mit Knob­lauch, Ing­wer und So­ja­sau­ce so­wie Baum­nüs­se. Stil­len­de Frau­en stär­ken sich mit ei­ner Sup­pe aus 250 g klein ge­schnit­te­nem Lamm­fleisch, 30 g An­ge­li­ka­wur­zel, 15 g fri­schem Ing­wer, die – mild ge­würzt – lang­sam kö­cheln soll, bis das Fleisch weich ist.

Die Scha­fe tre­ten die Gras­nar­ben fest, ge­ben durch ihre Fut­ter­wahl be­stimm­ten Pflan­zen wie dem Wa­chol­der erst ei­nen Le­bens­raum und ver­hin­dern Ver­step­pung und Ver­bu­schung. Wo die Scha­fe wan­dern dür­fen, tra­gen sie in Fell und Kot Pflan­zen­sa­men und In­sek­ten über wei­te Stre­cken und för­dern so die Bi­o­di­ver­si­tät. Der ex­tre­me Rück­gang an frei zu­gäng­li­chen Flä­chen macht die Wan­der­schä­fe­rei (Trans­hu­manz, sie­he Kasten) im­mer schwie­ri­ger, ob­wohl die Schä­fer ei­nen so wich­ti­gen Bei­trag zur Land­schafts­pfle­ge leis­ten, dass die Trans­hu­manz in­zwi­schen als im­ma­te­ri­el­les Kul­tur­er­be der UNESCO un­ter Schutz steht. „Die Scha­fe sind auch die bes­ten al­ler Tie­re, weil man mehr Nut­zen von ih­nen hat als von je­dem an­de­ren Tier. (…) Aus Talg und Fett der Scha­fe macht man Ker­zen und Sal­ben. Die Sal­ben sind ge­sucht, ins­be­son­de­re von den Chir­ur­gen. Die Där­me nimmt man, um Sai­ten und Bän­der zu fa­bri­zie­ren; die di­cken für Bö­gen, die et­was we­ni­ger star­ken für die In­stru­men­te, auf de­nen man die Wol­le schlägt, um sie weich zu ma­chen. Des Wei­te­ren die fei­nen, die nimmt man für Lau­ten, Har­fen, Zit­tern, Lei­ern und an­de­re mu­si­ka­li­sche In­stru­men­te, die mit dem Fin­ger ge­zupft wer­den. Ihre Wol­le klei­det uns und schützt uns vor Krank­heit und so­gar noch das, was sie aus­schei­den, nützt dem Men­schen, wie es heißt im Buch des He­se­kiel: Nach den Schafen kommt der Pflug." (3) Das im Zi­tat als „Fett der Scha­fe“be­zeich­ne­te Woll­fett, Woll­wachs oder Lanolin dient den Schafen zum Schutz von Haut und Haa­ren. Es sorgt für die Heil­kraft na­tur­be­las­se­ner Schaf­wol­le und eig­net sich selbst zur Haut­pfle­ge. Im Ge­gen­satz zur Schaf­wol­le riecht Lanolin nicht und wird da­her schon seit dem Al­ter­tum zur Hei­lung und Pfle­ge der Haut ein­ge­setzt. Es hält die Feuch­tig­keit in der Haut und zieht oh­ne Rück­stän­de ein, ver­stopft al­so die Talg­drü­sen nicht. Haut­sal­ben mit Lanolin un­ter­stüt­zen das Ab­hei­len ober­fläch­li­cher Haut­ver­let­zun­gen oder von Son­nen­brand. Da es so gut ver­träg­lich ist, schüt­zen vie­le jun­ge Müt­ter ihre Brust­war­zen beim Stillen mit Lanolin und nut­zen es gleich­zei­tig zur Pfle­ge des Neu­ge­bo­re­nen. Wer selbst Cre­mes und Heil­sal­ben an­rührt (sie­he auch Na­tur­kos­me­tik ab Sei­te 118), muss dar­auf ach­ten, nicht durch Pes­ti­zi­de be­las­te­tes Lanolin zu kau­fen, da Scha­fe und Wol­le lei­der oft mit gif­ti­gen Mit­teln ge­gen Schäd­lin­ge be­han­delt wer­den. Das gilt üb­ri­gens auch für Heilwolle.

MEHR NUT­ZEN ALS VON JE­DEM AN­DE­REN TIER LANOLIN – DAS WERT­VOL­LE WOLL­FETT

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