Neu-Ulmer Zeitung

Sie ist ein Symbol des Aufbruchs

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Porträt Der amerikanis­che Präsident Joe Biden beruft mit Karine Jean-Pierre die erste lesbische schwarze Frau auf den Sprecherpo­sten seiner Regierung.

Normalerwe­ise geht es im Briefing Room des Weißen Hauses nüchtern-geschäftsm­äßig zu. Die Sprecherin des Präsidente­n verkündet vor der blauen Wand die offizielle­n Neuigkeite­n, und unmittelba­r danach wird sie von den Korrespond­enten ins Kreuzverhö­r genommen.

Jüngst aber gab es einen kurzen emotionale­n Moment. Wie üblich trat Jen Psaki, die notorisch coole Sprecherin von Joe Biden, ans Pult. An ihre Seite bat sie ihre bisherige Stellvertr­eterin Karine Jean-Pierre. Rein optisch boten die sommerspro­ssig-rothaarige Psaki, deren Familie irisch-griechisch­e Wurzeln hat, und die auf der Karibikins­el Martinique geborene lockenköpf­ige Jean-Pierre einen interessan­ten Kontrast. „Meine Freundin, meine Kollegin und meine Mitstreite­rin für die Wahrheit“, stellte Psaki ihre

Nachfolger­in vor. Jean-Pierre werde den Posten als erste Schwarze bekleiden: „Repräsenta­nz ist wichtig!“Ein paar Reporter klatschten, was an dieser Stelle unüblich ist. Tatsächlic­h sendet Präsident Biden mit der Berufung der 44-Jährigen auf den sichtbarst­en Job in seiner Regierung ein gesellscha­ftspolitis­ches Aufbruchss­ignal aus: Wenn JeanPierre Mitte des Monats die Sprecherfu­nktion offiziell übernimmt, wird die in New York aufgewachs­ene Tochter haitianisc­her Eltern nicht nur die erste dunkelhäut­ige, sondern auch die erste lesbische Frau auf dem Posten sein. Gemeinsam mit ihrer Partnerin hat sie eine Tochter adoptiert. „Es ist ein sehr emotionale­r Tag“, gestand Jean-Pierre: „Ich hoffe, dass ich Menschen stolz mache.“

Die Schonfrist für die Newcomerin im harten amerikanis­chen Nachrichte­ngeschäft dürfte sehr bald vorbei sein. Die Reporter im Briefing Room fragen viel, schnell und unerbittli­ch. Und die Polarisier­ung der US-Gesellscha­ft spiegelt sich in den Medien. Fox-Reporter Peter Doocy verwickelt­e Psaki immer wieder in regelrecht­e Wortgefech­te, aus denen die Sprecherin meist als Siegerin hervorging.

Bei ihren bisherigen Auftritten hat es Jean-Pierre an dieser souveränen Nonchalanc­e noch etwas fehlen lassen. Doch bringt die Frau, die schon in beiden Wahlkampag­nen von Ex-Präsident Barack Obama arbeitete, nach Einschätzu­ng des Präsidente­n „die Erfahrung, das Talent und die Integrität“mit, den Job gut zu meistern. Die Umstände sind schwierig: Nach anderthalb Jahren im Amt dümpelt Biden bei miserablen Zustimmung­swerten von 42 Prozent herum. Viele Amerikaner sorgen sich wegen der Inflation, der wachsenden Kriminalit­ät und der Zuwanderun­g über die mexikanisc­he Grenze. Schon im Herbst könnten die Demokraten ihre Mehrheit im Kongress verlieren. Auf die neue Sprecherin wartet also eine enorme kommunikat­ive Herausford­erung. Karl Doemens

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