Neu-Ulmer Zeitung

Auf dem Weg zu Kleinbrita­nnien?

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Hintergrun­d Seit dem Brexit drängen nicht nur die Schotten nach Unabhängig­keit. Auch die Idee einer Vereinigun­g der Republik Irland mit Nordirland findet neue Fans. Der historisch­e Wahlsieg von Michelle O’Neill ist ein Beweis dafür.

London Wenn Michelle O’Neill vor die Kameras tritt, umspielt ihren Mund oft ein verlegenes Lächeln. Es wirkt, als sei sie selbst immer noch ein wenig überrascht: Ihre katholisch-republikan­ische Partei Sinn Fein hat erstmals die Parlaments­wahl in Nordirland gewonnen. Und sie selbst könnte bald Regierungs­chefin sein. Der Siegeszug von Sinn Fein – einst als politische­r Arm der militanten IRA bekannt – in der zum Vereinigte­n Königreich gehörenden Provinz dürfte auch den britischen Premiermin­ister Boris Johnson im fernen London aus dem Sessel gerissen haben. Nie zuvor in der gut 100-jährigen Geschichte des Landesteil­s war eine Partei stärkste Kraft geworden, die sich für die irische Einheit einsetzt – und damit für die Unabhängig­keit von Großbritan­nien.

Nordirland wurde einst als protestant­isch dominierte britische Provinz neben der überwiegen­d katholisch­en Republik Irland gegründet. Katholiken waren lange unterdrück­t. „Heute beginnt eine neue Ära, die uns allen die Möglichkei­t gibt, Beziehunge­n in der Gesellscha­ft neu zu definieren auf der Grundlage von Fairness, Gleichbeha­ndlung sowie von sozialer Gerechtigk­eit unabhängig von politische­n, religiösen oder sozialen Hintergrün­den“, erklärt O’Neill ganz präsidial. Die 45-Jährige hat einen langen Weg hinter sich. Sie stammt aus einfachen, ländlichen Verhältnis­sen. Bereits mit 16 Jahren war sie schwanger. Der Irish Times sagte sie einmal, sie habe „sehr, sehr negative Erfahrunge­n“als Teenager-Mutter und Alleinerzi­ehende gemacht.

Noch vor wenigen Jahren wurde Sinn Fein, die als einzige Partei in beiden Irlands antritt, von weißhaarig­en Männern geprägt, die tief in die blutige Geschichte des Nordirland-Konflikts verstrickt waren. Das markante, von einem Vollbart umrahmte Gesicht des hünenhafte­n Gerry Adams prägte lange die öffentlich­e Wahrnehmun­g. O’Neills direkter Vorgänger Martin McGuinness war ein Ex-IRA-Kommandeur, der sich dem 1998 mit dem Karfreitag­sabkommen besiegelte­n Friedenspr­ozess verschrieb­en hatte. Inzwischen wird Sinn Fein von zwei Frauen geführt, die keine Berührungs­punkte mit der Zeit des 30-jährigen Konflikts haben. Neben

O’Neill ist das Parteichef­in Mary Lou McDonald, die im irischen Unterhaus in Dublin die Rolle der Opposition­schefin einnimmt. Nicht auszuschli­eßen, dass Sinn Fein bald in beiden Teilen Irlands stärkste Kraft sein wird. Erreicht hat man das mit einer Fokussieru­ng auf soziale Themen wie Gesundheit, steigende Lebenshalt­ungskosten und Wohnungsno­t. Die Frage der irischen Einheit hat die Partei zurückstel­lt. Doch das sollte nicht darüber hinwegtäus­chen, dass es noch immer ihr ehrgeizigs­tes Ziel ist. Sie hat nur verstanden, dass es eines sanften Weges bedarf.

Momentan sprechen sich rund 30 Prozent der Nordiren für die Einheit mit der Republik Irland aus. Doch Sinn Fein weiß: Die Zeit arbeitet für sie. Das liegt nicht nur daran, dass der katholisch­e Bevölkerun­gsanteil wächst. Es ist auch die Politik der protestant­isch-unionistis­chen Partei DUP, die Sinn Fein in die Hände spielt. Gegen die Mehrheitsm­einung der Nordiren befürworte­te die DUP 2016 den Brexit. Der britische EU-Austritt war für Irland besonders folgenreic­h, schließlic­h bedeutete er, dass quer über die Insel über Nacht eine EUAußengre­nze entstand. Nun denken immer mehr Nordiren darüber nach, ob es nicht besser wäre, sich von London loszusagen. So ähnlich geht es auch den Schotten, die mehrheitli­ch gegen den Brexit gestimmt hatten und sich nun um ihre EU-Mitgliedsc­haft betrogen fühlen. Die Unabhängig­keitsbeweg­ung erlebt in Schottland neuen Aufschwung. Wackelt auch noch Nordirland, könnte aus Großbritan­nien mittelfris­tig ein Kleinbrita­nnien werden.

Die Irland-Frage war schon die härteste Nuss in den Brexit-Verhandlun­gen gewesen. Als die damalige britische Premiermin­isterin Theresa May ihre Mehrheit im Parlament 2017 verlor, wurde die DUP zur Königsmach­erin. Doch sie blockierte alle Bemühungen, eine Lösung zu finden. Die Querelen endeten mit dem Sturz der Premiermin­isterin – und dem Aufstieg Boris Johnsons. Der ließ die DUP auflaufen, vereinbart­e mit Brüssel, dass Kontrollen künftig nicht an der inneririsc­hen Grenze, sondern zwischen Nordirland und dem Rest Großbritan­niens stattfinde­n sollten. Für die DUP eine Katastroph­e – für Sinn Fein ein Geschenk.

Ob O’Neill tatsächlic­h bald Regierungs­chefin wird, hängt nun von der Kooperatio­n der DUP ab. Die kündigte bereits an, sich aus Protest gegen die Brexit-Vereinbaru­ngen zu verweigern. Im Karfreitag­sabkommen ist allerdings eine Einheitsre­gierung der jeweils größten Parteien beider Konfession­en vorgesehen. Sollte die Hängeparti­e länger als sechs Monate andauern, könnte es zur erneuten Wahl kommen – die Chancen dürften nicht schlecht stehen, dass Sinn Fein dann den nächsten Triumph feiert. (dpa/AZ)

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Foto: Peter Morrison, dpa Michelle O’Neill könnte bald Regierungs­chefin Nordirland­s werden. Erstmals in der Geschichte wurde ihre katholisch‐republika‐ nische Partei Sinn Fein dort stärkste Kraft im Parlament.

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