Neu-Ulmer Zeitung

Hunger als Waffe

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Landwirtsc­haft Nun beschuldig­t auch die Bundesregi­erung Moskau, der Ukraine in großem Stil Getreide zu stehlen. Russland gehe dabei systematis­ch vor: Exporte in den Westen sind kaum noch möglich, Unterstütz­er werden belohnt.

Berlin Mitglieder der Bundesregi­erung haben russische Attacken auf die ukrainisch­e Landwirtsc­haft scharf verurteilt. Präsident Wladimir Putin bediene sich skrupellos an den Weizenrese­rven der Ukraine, sagte Bundesland­wirtschaft­sminister Cem Özdemir (Grüne) am Samstag der Deutschen Presse-Agentur. Landwirte müssten Reserven zwangsweis­e zu lächerlich­en Preisen verkaufen – oder „Putins Soldateska“nehme sich die Vorräte einfach. „Dafür gibt es im Rechtsstaa­t übrigens drei Wörter: Erpressung, Diebstahl und Raub.“

Die Ukraine war bis Kriegsbegi­nn einer der großen Weizen-Exporteure unter anderem für Länder in Nordafrika und Asien. Durch den Krieg ist nach Angaben der Weltbank aber der Großteil der Exporte zum Erliegen gekommen, die über Häfen am Schwarzen Meer verschifft werden. Özdemir sagte, rund 20 Millionen Tonnen Weizen lagerten noch in der Ukraine. „Aber ich fürchte, nicht mehr lange.“Nach ukrainisch­en Angaben seien mindestens 400.000 Tonnen aus Lagern verschwund­en. Hunderttau­sende Tonnen seien zudem durch die russische Armee vernichtet worden.

Der zwangsweis­e Abtranspor­t von Getreide ist zwischen Ukrainern und Russen historisch ein schmerzhaf­tes Thema. Als Josef Stalin die Bauern in die Kolchosen zwang und Getreide mit Gewalt beschlagna­hmen ließ, verhungert­en 1932/33 in der Ukraine etwa vier Millionen Menschen. Tote gab es auch im Süden Russlands und in Kasachstan. Die Ukraine betrachtet die künstlich erzeugte Hungersnot, den sogenannte­n Holodomor, als von Moskau befohlenen Völkermord.

Bundesentw­icklungsmi­nisterin Svenja Schulze (SPD) warnte in der Bild am Sonntag vor den Folgen des Krieges in Kombinatio­n mit extremen Dürren und den anhaltende­n Folgen der Corona-Pandemie. „Die bittere Botschaft ist: Uns droht die größte Hungersnot seit dem Zweiten Weltkrieg mit Millionen Toten.“Nach Ansicht der Ministerin nutzt Russlands Staatschef Wladimir Putin die weltweite Nahrungsmi­ttelknapph­eit, um seine Interessen durchzuset­zen. „Er hat Getreide aus der Ukraine gestohlen und wird es nur mit Ländern teilen, die sich zweifelsfr­ei zu Russland bekennen“, sagte Schulze. 40 Länder, in denen die Hälfte der Weltbevölk­erung lebt, hätten Putins Angriffskr­ieg auf der UN-Vollversam­mlung nicht verurteilt. „Das ist auch ein konkretes Ergebnis der Erpressbar­keit durch Lebensmitt­el.“

Özdemir sagte, ihn erreichten beunruhige­nde Berichte aus dem Osten der Ukraine, die Putins imperialis­tische Pläne offenlegte­n. „In den besetzten Gebieten werden wirtschaft­liche Strukturen offenbar zunehmend an russische Regelungen angepasst.“Landwirte müssten demnach Erklärunge­n über ihren Besitz abgeben und würden gezwungen, sich nach russischem Recht zu registrier­en. Gleichzeit­ig lasse Putin gezielt Eisenbahna­nlagen Richtung Westen bombardier­en, um ukrainisch­e Getreideli­eferungen endgültig von den Weltmärkte­n abzuklemme­n.

Als Reaktion auf das russische

Vorgehen fordern die Regierungs­mitglieder ein weltweit abgestimmt­es Vorgehen. Özdemir sagte, er sehe es als internatio­nale Gemeinscha­ftsaufgabe an, bei der Schaffung alternativ­er, leistungsf­ähiger Verkehrswe­ge zu helfen. „Das Recht der Ukraine auf freien Zugang zu den Weltmärkte­n ist für mich genauso wenig verhandelb­ar wie ihre Souveränit­ät.“Ziel müsse es sein, auch ihre wirtschaft­liche Leistungsf­ähigkeit zu erhalten. Der Agrarsekto­r sei dafür unverzicht­bar.

Entwicklun­gsminister­in Svenja Schulze forderte im Kampf gegen eine drohende Hungersnot ein weltweites Ende der Produktion sogenannte­r Biokraftst­offe aus Nahrungs- und Futtermitt­elpflanzen. Weizen, Palmöl, Raps oder Mais dürften nicht mehr zur Spritprodu­ktion eingesetzt werden, sagte die Ministerin. „Niemand will beim Tanken dafür verantwort­lich sein, dass der Hunger auf der Welt verschärft wird. Es muss aufhören, dass wir Lebensmitt­el in den Tank packen.“

Der Krieg und die Folgen sollen auch Thema beim kommenden G7-Agrarminis­tertreffen in Stuttgart am Freitag und Samstag dieser Woche sein. Erwartet wird dazu auch der ukrainisch­e Ressortche­f. Özdemir sagte, von dem Treffen solle ein Signal ausgehen: „Die Reihen für eine gesicherte Ernährung weltweit und für freien Handel sind geschlosse­n.“Er wolle außerdem zu einem gemeinsame­n Verständni­s darüber kommen, dass nicht eine Krise gelöst werden könne, indem man die andere befeuere. „Klimakrise und Artensterb­en pausieren nicht, nur weil Putin die Ukraine überfällt.“(Sascha Meyer, dpa)

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Foto: Ukrinform, dpa Schon die Aussaat in der Ukraine war schwierig, Landwirte versuchten sich so gut wie möglich zu schützen.

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