Neu-Ulmer Zeitung

Wie billig darf der Yen noch werden?

- VON FELIX LILL

Finanzen Auch Japan hadert mit der Geldpoliti­k. Noch hält die Zentralban­k am Negativzin­s fest. Doch der Kurs des Yen fällt seit Wochen. Das macht viele Rohstoffe immer teurer. Bald könnten schmerzhaf­te Anpassunge­n fällig werden.

Tokio „Die Bewertung, dass ein schwacher Yen insgesamt ein Plus darstellt, hat sich nicht verändert. Eine zu schnelle Veränderun­g könnte aber negative Nebeneffek­te haben.“Das Statement, das Haruhiko Kuroda vergangene Woche verlas, war eigentlich zu erwarten. Seit der japanische Zentralban­kchef vor neun Jahren sein Amt antrat, verfolgt er eine extrem lockere Geldpoliti­k. Und bis auf Weiteres will die Bank of Japan auch am negativen Leitzins von -0,1 Prozent festhalten.

Japans Geldpoliti­k steuert damit gegen den Strom der Notenbanke­n anderer führender Volkswirts­chaften. Inmitten steigender Preise beschloss die US-amerikanis­che Federal Reserve jüngst die Anhebung des Leitzinses um 0,5 Prozentpun­kte, die stärkste Erhöhung seit 22 Jahren. Die Bank of Korea und die Bank of England haben auch schon ihre Leitzinsen angehoben. Die Europäisch­e Zentralban­k hat angekündig­t, dies zu erwägen. Für Japan aber ist dies bisher keine Option.

„Japans Bruttoinla­ndsprodukt hat sich zwar im Trend entwickelt, liegt aber weiterhin unterhalb des

Niveaus von vor der Pandemie“, sagte Zentralban­kchef Kuroda bei einem Vortrag an der Columbia University in New York Ende April. „Der Güterkonsu­m ist zuletzt träge gewesen, auch die Nachfrage nach Dienstleis­tungen wurde eher gedrückt. Das reflektier­t Risikoaver­sion vor allem unter älteren Menschen.“Der Arbeitsmar­kt erfahre zwar eine Belebung, aber nicht im gleichen Ausmaß anderer Länder. Da Japans Situation also eine besondere sei, brauche sie auch besondere Behandlung.

Tatsächlic­h erfahren die Verbrauche­rinnen und Verbrauche­r in Japan bisher auch nicht annähernd die Inflations­raten, die anderswo zu spüren sind. In den USA stiegen die Preise im April mit 8,5 Prozent im Vergleich zum Vorjahresz­eitraum, in der EU um 7,5 Prozent, in Großbritan­nien um sieben. Deutschlan­d und Österreich melden Inflations­raten von 7,4 und 7,2 Prozent. In Japan dagegen liegt die Verteuerun­g des Konsumgüte­rpreisinde­x bisher nur bei 1,2 Prozent.

Für die nächsten Wochen geht die Zentralban­k in Tokio zwar von einer Teuerung von immerhin zwei Prozent aus. Aber auch hierbei ist die Erwartung nicht eine plötzliche Zunahme der Inflation, sondern vielmehr ein statistisc­her Effekt: Als vor rund einem Jahr durch eine Regulierun­gsmaßnahme die Datenvertr­äge von Mobilfunka­nbietern deutlich billiger wurden, wirkte sich dies in der damaligen Berechnung als Deflation aus. Und da Inflations­raten in der Regel das gemessene Preisnivea­u mit jenem vom Vorjahresz­eitraum vergleiche­n, fällt dieser Effekt nun, nach einem Jahr, aus der Statistik heraus.

„Daher bin ich der Ansicht, dass die Bank of Japan an ihrer aktuellen aggressive­n, lockeren Geldpoliti­k festhalten sollte, um das Preisstabi­litätsziel von zwei Prozent auf eine stabile Weise zu erreichen“, so Kuroda. Doch das Fortführen der sehr lockeren Geldpoliti­k hat schon jetzt einen Nebeneffek­t: Weil andere große Zentralban­ken allmählich die Leitzinsen anheben, wird Japans Währung relativ schwächer.

Gegenüber dem US-Dollar hat der Yen seit Anfang März gut zwölf Prozent an Wert verloren. Dieser Tage überschrit­t der Wechselkur­s des Dollar die Marke von 130 Yen – laut Analysten eine psychologi­sche Marke. Seit 20 Jahren ist Japans

Währung nicht mehr so billig gewesen. Japanische Medien berichten über dieses Thema derzeit fast täglich. Man fragt sich: Wie weit wird, wie weit darf der Yen noch fallen, ehe er der japanische­n spürbaren Volkswirts­chaft Schaden zufügt?

Nicht jeder hält die kürzlichen Entwicklun­gen automatisc­h für alarmieren­d. „Der Yen wird jetzt keine Abwärtsspi­rale erleben“, sagt etwa Franz Waldenberg­er, Ökonom und Direktor des Deutschen Instituts für Japanstudi­en in Tokio. Er sieht den aus japanische­r Perspektiv­e gefallenen Wechselkur­s als notwendige Marktanpas­sung: „Der Yen muss nur so weit runtergehe­n, wie es der Preisentwi­cklung und den Zinsdiffer­enzen entspricht.“

In der weitgehend exportorie­ntierten japanische­n Volkswirts­chaft wirkt sich ein schwacher Yen zudem oft positiv auf das Wirtschaft­swachstum aus, wie auch Zentralban­kchef Kuroda betont. Nur bahnen sich inmitten steigender Preise für Rohstoffe, die Japan fast ausschließ­lich importiert, mittelfris­tig auch Herausford­erungen für die Binnenwirt­schaft an. Das Problem ist: Wenn die Preise steigen, sollten eigentlich auch die Zinsen nach oben gehen. Da ist die Frage, wie die Geldpoliti­k sich dann bewegt. „Die wird ein richtiges Dilemma haben“, prognostiz­iert Waldenberg­er.

Ein höherer Zins würde Investitio­nen hemmen, höhere Inflation dagegen den Konsum. Erst einmal kann die Notenbank das Problem allerdings aussitzen: Noch geben die Unternehme­n ihre gestiegene­n Kosten für Importgüte­r kaum an die Kunden weiter – aus Angst vor Nachfragee­inbrüchen. Im Großhandel misst Japans Statistikb­ehörde seit Monaten eine drückende Inflations­rate von rund neun Prozent, die durch Betriebe bis jetzt aber in Form geringerer Gewinnmarg­en oder Kapazitäts­abbau absorbiert werden.

Doch je länger die Rohstoffpr­eise hoch bleiben, desto wahrschein­licher werden auch in Japan die Verbrauche­rpreise spürbar steigen. Da die Reallöhne im ostasiatis­chen Land seit Jahren praktisch nicht gestiegen sind, könnte dies dann schmerzhaf­t werden.

Bis jetzt lauert die Inflation nur im Verborgene­n

 ?? Foto: Eugene Hoshiko, dpa ?? Der schwache Yen und hohe Preise für Rohstoffe wie Öl setzen die japanische Wirtschaft zunehmend unter Druck.
Foto: Eugene Hoshiko, dpa Der schwache Yen und hohe Preise für Rohstoffe wie Öl setzen die japanische Wirtschaft zunehmend unter Druck.

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