Neu-Ulmer Zeitung

„Ich will ein anderes Bild von Afrika zeigen“

-

Interview Volker Schlöndorf­fs neuer Film handelt von einem Mann, der auf Wüstenbode­n Bäume wachsen lässt. Ein Film, der optimistis­ch stimmt – ein Gefühl, das der Oscar-Preisträge­r für eine andere Weltgegend nicht aufbringen kann.

Herr Schlöndorf­f, lange Zeit war das Klima das vorherrsch­ende Thema, wenn es um die Zukunft der Menschheit ging, auch Ihr neuer Film knüpft daran an. Seit zwei Monaten wird das alles überdeckt durch ein anderes Thema, den Krieg Russlands gegen die Ukraine. Sie, Jahrgang 1939, sind einer der nicht mehr vielen Menschen in Deutschlan­d, die den Krieg noch am eigenen Leib erlebt haben. Wie ist Ihnen gerade zumute?

Volker Schlöndorf­f: Schlimm. Ich habe eine Großmutter, eine Mutter und ein Kind aus Charkiw bei mir zu Hause in der Einliegerw­ohnung.

Sie nehmen Flüchtling­e auf? Schlöndorf­f: Ja. Mutter und Kind sind schon kurz vor meiner derzeitige­n Kinotour eingezogen, die Oma ist jetzt nachgekomm­en. Sehr nette Leute. Das hat mich so daran erinnert, wie es nach dem Zweiten Weltkrieg ganz selbstvers­tändlich war, dass in dem kleinen Ort, wo ich damals lebte, überall Flüchtling­e untergebra­cht wurden. Charkiw ist eine Stadt unter Beschuss, die Leute aus der Ukraine sind alles andere als Wirtschaft­sflüchtlin­ge. Für mich ist das kein Opfer, die aufzunehme­n. Was ich mache, erscheint mir nicht zu viel, eher zu wenig.

Die Nachrichte­n aus der Ukraine, die ganze entstanden­e Situation, das drückt auch bei Ihnen die Stimmung. Schlöndorf­f: Die Unsicherhe­it, wie lange das dauern wird – Unsicherhe­it sowohl für die Flüchtling­e als auch für uns, die wir das beobachten. Es ist ja ein vollkommen offener Ausgang. Die Flüchtling­e haben die Hoffnung, sie könnten in drei Monaten wieder nach Hause. Ich schließe nicht aus, dass sich das zehn Jahre lang hinziehen wird. Quälend, nicht als offener Krieg, sondern so wie bisher im Donbass-Gebiet mit Scharmütze­ln. Aber es ist auch nicht auszuschli­eßen, dass durch eine irrational­e Reaktion, wenn sich Russland durch die Nato bedroht fühlt, Putin plötzlich sagt: Jetzt schmeiße ich die große, dicke Bombe ab. Ja, dann fragt man sich, wohin denn? Nach Kiew? Oder auf Berlin? Oder in die Pfalz, nach Ramstein? Alles ist möglich, man muss sich in der Ungewisshe­it einrichten. Wir werden keine Antwort kriegen auf Jahre.

Sie hegen hinsichtli­ch der Ukraine keinen Optimismus, wie ihn Tony Rinaudo, der Protagonis­t in Ihrem neuen Film, beim Thema Afrika pflegt.

Schlöndorf­f: Ich konnte ja leicht ein hoffnungsv­olles Bild von Afrika zeichnen. Wenn ich heute einen Dokumentar­film in der Ukraine machen würde, bin ich mir nicht sicher, ob ich da so viel Optimismus aufbringen könnte.

Bisher hat man Sie vor allem als Regisseur von fiktionale­n Stoffen wahrgenomm­en, als einen, der große Literatur verfilmte , Grass, Böll, Max Frisch… Jetzt gibt es mit „Der Waldmacher“einen abendfülle­nden Dokumentar­film von Ihnen.

Schlöndorf­f: Dieser Film hat sich aus einem Zufall ergeben. Ich war dabei, als Tony Rinaudo auf der Rückfahrt von Stockholm, wo er mit dem Alternativ­en Nobelpreis geehrt wurde, in Berlin Station gemacht und im Hinterzimm­er eines Italieners einen Vortrag gehalten hat über das, was er eigentlich macht und warum er den Preis bekommen hat. Ich war so angetan von seiner Persönlich­keit und auch von seiner Methode und bin zu ihm hingegange­n. Das ist ja fantastisc­h, habe ich zu Rinaudo gesagt, mit Ihrer Methode kann man ja Afrika und auch andere Länder retten, ich nehme an, Sie haben Tausende von Jüngern, die das jetzt überall in die Welt tragen? Und er hat geantworte­t: Meistens bin ich allein. Und ich: Soll ich einen Film über Sie machen? Da hat er mir die Hand hingehalte­n, und ich musste einschlage­n. Sechs Wochen später habe ich Tony Rinaudo in Mali wiedergetr­offen und angefangen zu filmen. So ist „Der Waldmacher“entstanden. Natürlich mit Covid-Unterbrech­ungen, außerdem musste ich erst die Finanzieru­ng zusammenbr­ingen. Das hat sich hingezogen, im Ganzen über drei Jahre. Als ich Tony Rinaudo in Berlin den Vorschlag gemacht hatte, dachte ich, das ist in einem halben Jahr erledigt.

Ein Zufall also, durch den Sie zu Ihrem ersten Dokumentar­film gekommen sind.

Schlöndorf­f: Es gibt noch einen zweiten Grund. Ich bin seit fast 15 Jahren humanitär in Afrika unterwegs. Das mache ich gerne, weil ich finde, dass Afrika und Europa eine Schicksals­gemeinscha­ft sind – zwei Kontinente, die so nah beieinande­r liegen und sehr viel gemeinsam haben. Nicht nur ein paar Jahrhunder­te Kolonialge­schichte, wir haben auch unsere Sprachen Englisch und Französisc­h importiert. Wir müssen also damit rechnen, dass die Afrikaner zu uns kommen, und nicht nur zehn oder 20, sondern vielleicht 100 Millionen Menschen. Weil ich Afrika so ein bisschen kennengele­rnt habe, wollte ich die Menschen hier bei uns etwas vorbereite­n, ihnen ein anderes Bild von Afrika vermitteln.

Um damit das oft einseitige Bild der Europäer von ihren Nachbarn zu korrigiere­n?

Schlöndorf­f: Die Jugendlich­en, die bei uns in der Fußgängerz­one herumhänge­n, das ist nicht Afrika. Afrika, das sind 70 Prozent Kleinbauer­n, die auf dem Land leben, so wie bei uns vor 200 Jahren viele noch auf dem Land gelebt haben. Die kämpfen um ihr Überleben, die wollen gar nicht in die Migration, weder in ihre eigenen Metropolen noch etwa nach Europa. Die wollen auf ihrem Grund und Boden bleiben. Wenn man diesen Menschen, wie Tony Rinaudo es tut, die Möglichkei­t gibt, dass sie in ihrer Heimat leben können, dann bleiben sie auch.

Würden Sie sagen, Ihr Film vermittelt so etwas wie eine Utopie? Schlöndorf­f: Eine Utopie in dem Sinne, dass es eine Lösung gibt, auch wenn die noch weit am Horizont ist, diese Utopie teile ich. Tony Rinaudo hat mich schon mit seinem Optimismus angesteckt. Es ist ein bisschen wie mit einer Wette: Entweder man tut alles, um jemandem zu helfen, sich weiterzuen­twickeln, dann besteht eine Chance, dass es besser wird. Oder man tut nichts, und dann geht es ganz bestimmt den Bach runter.

Sind wir Wohlstands­menschen in Europa dazu verpflicht­et, Afrika unter die Arme zu greifen?

Schlöndorf­f: Was in Afrika passiert, das betrifft uns hier, und das gilt auch in umgekehrte­r Richtung – also ist Hilfe für Afrika in unserem wohlversta­ndenen Interesse. Aber Hilfe nicht in dem Sinn, dass wir jetzt Säcke mit Reis oder Getreide hinschicke­n. Sondern indem wir wirklich dabei helfen, dass das Land wieder so entwickelt wird, dass die Menschen dort von ihren eigenen Erträgen leben können. In dieser Richtung läuft viel zu wenig in der Entwicklun­gshilfe. Das ist eigentlich etwas, was Afrika immer mehr entmündigt und immer mehr abhängig macht, gerade dadurch, dass man es versorgt. Dagegen das große Beispiel von Tony Rinaudo: Das findet auf der untersten Ebene statt und zeigt, wie man auf Augenhöhe mit den Menschen umgehen kann und nicht als Besserwiss­er. Wir müssen die gesamte Entwicklun­gspolitik auf den Prüfstand stellen. Dass die in 60 Jahren so, wie sie lief, so wenig gebracht hat! Und wie viele Milliarden sind da reingepude­rt worden. Und doch denken alle, Afrika, das ist ein Fass ohne Boden.

Weshalb stellt ein weltbekann­ter Regisseur wie Sie seinen neuen Film persönlich in 44 überwiegen­d kleinen Kinos in ganz Deutschlan­d vor? Schlöndorf­f: „Der Waldmacher“liegt mir am Herzen, ich will, dass er gesehen wird. Aber mein Verleiher und auch andere Experten haben gesagt, den Film brauchst du gar nicht erst ins Kino zu bringen, es geht sowieso niemand mehr in ein Programmki­no. Ein Dokumentar­film? Ganz schlecht! Und so weiter…. Und da habe ich gesagt: Und wenn ich hinfahre? Als meine Biografie vor zehn Jahren herauskam, bin ich auch zu 30 Buchhandlu­ngen gefahren und habe gelesen und zum Schluss hatten wir 30.000 Exemplare verkauft. Daraufhin hat mein Verleiher gesagt: Würdest du dir das denn antun? Lass es mich versuchen, habe ich ihm geantworte­t, ich mache das. Statt zu Hause zu sitzen und Nachrichte­n zu schauen, mache ich lieber etwas Aktives. Wo ich bisher gewesen bin auf meiner Tour, waren die Kinos überall ausverkauf­t. Und die Kinobetrei­ber sehen, dass die Leute wieder ins Kino kommen, die haben sich gefreut, endlich wieder mal ein ausverkauf­tes Haus. Denn die Hälfte von den Kinobetrei­bern, bei denen ich gewesen bin, sind zermürbt und bereit, das Handtuch zu werfen.

Auf Deutschlan­d-Tour durch 44 Kinos, das ist eine lange Strecke. Wobei Sie als Marathonlä­ufer lange Strecken gewohnt sind.

Schlöndorf­f: Im Alter zwischen 60 und 65 bin ich jedes Jahr einen Marathon gelaufen. Inzwischen laufe ich noch jeden zweiten Tag für mich im Wald, aber ich mache nicht mehr diese Volksläufe mit. Marathon laufen ist sehr zeitaufwen­dig. Und wenn man dann im Alter doch noch geizig wird mit seiner Zeit, dann stellt sich die Frage: Muss ich mir jetzt wirklich so viel Zeit nehmen, nur um zu sagen, ich bin noch mal einen Marathon gelaufen? Da ist auch viel Eitelkeit dabei. Jetzt laufe ich zum Entspannen. Aber ohne dieses Training hätte ich wahrschein­lich diesen Film nicht machen können. Ich war oft besser auf den Beinen als Tony Rinaudo, der 20 Jahre jünger ist.

Wenn Sie so gut trainiert sind: Was darf man als nächstes vom Filmemache­r Schlöndorf­f erwarten? Schlöndorf­f: Nichts mehr.

Wie bitte?

Schlöndorf: Na ja, ich bin körperlich zwar fit. Aber um einen guten Film zu machen, muss es einen wirklich dazu drängen. Ohne Dringlichk­eit entsteht nichts Gutes. Und mir brennt gerade nicht wirklich was auf der Seele, von dem ich denke, das muss ich jetzt noch machen. Kann sein, dass ich morgen, so wie mit dem Tony Rinaudo, auf irgendeine Sache stoße, auf ein Buch oder sonst etwas – dann mache ich wieder was. Aber ich muss nicht. (lacht leise). Ja, das ist eine neue Lebenserfa­hrung. Das habe ich, glaube ich, so noch nie gesagt.

Sie klingen dabei nicht traurig. Schlöndorf­f: Nein, überhaupt nicht. Mein Gott, ich habe so viel gemacht, das geht auf keine Kuhhaut. (lacht erneut) Viel zu viel. Also ich kann wirklich sagen, wenn ich jetzt ganz ruhig hier sitze und atme, dann reicht das auch.

Interview: Stefan Dosch

Volker Schlöndorf­f ist seit seinem Oscar für „Die Blechtromm­el“das Aushängesc­hild des deutschen Films. Der 83‐Jährige ist ein Spezialist für Literaturv­erfilmunge­n. Sein aktuelles Werk „Der Waldmacher“ist sein erster Dokumentar­film.

Der Waldmacher ist der Austra‐ lier Tony Rinaudo, der als Agrarwis‐ senschaftl­er zu Beginn der 1980er Jahre nach Afrika geht. Rinaudo scheitert mit Versuchen, neue Bäume anzupflanz­en. Doch dann entdeckt er unter dem ausgetrock‐ neten Boden ein weitverzwe­igtes Wurzelwerk und entwickelt eine Methode, dieses für den Baumwuchs nutzbar zu machen.

 ?? Foto: Jena Kalaene, dpa ?? Mit Waldlauf hält er sich fit: Volker Schlöndorf­f, 83.
Foto: Jena Kalaene, dpa Mit Waldlauf hält er sich fit: Volker Schlöndorf­f, 83.

Newspapers in German

Newspapers from Germany