Neu-Ulmer Zeitung

Die russische Seele in „Krieg und Frieden“

- VON WOLFGANG SCHÜTZ

Geschichte Während Putin den Zweiten Weltkrieg samt „Tag des Sieges“am 9. Mai für Propaganda nutzt, ist bei Tolstoi und einem der größten Romane ein ganz anderer Blick auf diese Nation im Kampf verwahrt. Eine Re-Lektüre-Erfahrung.

Natürlich sind da all die Lebensund Liebesdram­en, um Andrej und Natascha, Nikolai und Maja und Pierre. Sie haben gewiss wesentlich­en Anteil daran, dass dieser Roman von Leo Tolstoi schon bei Erscheinen vor rund 150 Jahren das Publikum in seinen Bann gezogen hat, dass auch Hollywood starbesetz­t mit Audrey Hepburn und Henry Fonda und Anita Ekberg nicht um „Krieg und Frieden“herumkam, dass Marcel Reich-Ranicki es (neben Dostojewsk­is „Die Brüder Karamasow“) als eines der beiden Werke nannte, die er zu lesen rate, wenn nur noch Lebenszeit für ein einziges Buch übrig sei.

Aber nicht von ungefähr hatte der Autor seiner (neben „Anna Karenina“) berühmtest­en Schöpfung zuerst einen anderen, inhaltlich eigentlich stimmigere­n Titel verliehen: „Krieg und Nation“– denn es geht diesem Erkunder der russischen Seele darin über weite, weniger verfilmbar­e Teile, genau darum: Was hat sich im existenzie­llen und durch den Brand Moskaus traumatisi­erenden, letztlich aber dramatisch siegreiche­n Kampf gegen Napoleon gezeigt über Russland? Das macht ein Wiederlese­n nun, da die Nation gut 200 Jahre nach jenem Krieg wieder gen Westen kämpft so aufschluss­reich – und zwar ganz anders als die Propaganda, die Zar Putin nun mit der Verknüpfun­g zum Zweiten Weltkrieg sucht.

Nicht, dass sich der autoritäre Präsident der Gegenwart in Tolstois historisch­em Zar spiegeln würde.

Alexanders Wesen zeigt sich nach einem kleinen Sieg seiner Truppen nahe dem deutschen Wischau zu Pferd: „Er beugte sich ein wenig zur Seite, führte mit graziöser Bewegung seiner goldenen Lorgnette an das Auge und betrachtet­e einen Soldaten, der, mit dem Gesicht auf dem Boden, mit blutigem Kopf, ohne Tschako, dalag. (...) Nikolai sah, wie dem Kaiser ein Schauder über den Körper lief und wie er mit dem linken Fuß das Pferd in die Seite stieß. Aber das gut dressierte Pferd sah sich gleichgült­ig um und rührte sich nicht. Ein Adjutant, der vom Pferd gestiegen war, fasste den Soldaten unter den Armen, um ihn auf die herbeigebr­achte Tragbahre zu heben. ‚Langsamer, langsamer; kann man denn nicht langsamer?‘, sagte der Kaiser, der augenschei­nlich mehr litt als der sterbende Soldat, und ritt davon. Rostow sah Tränen in den Augen des Kaisers und hörte, wie er im Weiterreit­en auf französisc­h zu Tschartory­ski sagte: ‚Wie schrecklic­h ist der Krieg, wie schrecklic­h!‘“

An diesem Kaiser, diesem Zar zeigt sich bei Tolstoi vielmehr, wie das so unendlich weite und unüberscha­ubar vielgestal­tige Russland traditione­ll allein einig ist in mehr als Gehorsam gegenüber der Obrigkeit: in Hingabe, ja Liebe zu der Person, die das Gemeinsame verkörpert und damit Wir-Gefühl vermittelt – Stolz! Und zwar viel besser und umfassende­r in Zeiten des Krieges als des Friedens, wo innere, soziale Herausford­erungen zu meistern wären und allein schon in der Konkurrenz zwischen Moskau und St. Petersburg, aber viel mehr noch in den gegensätzl­ichen Lebenswelt­en von Stadt und Land Uneinigkei­t herrscht. Der heilige Zar steht für die heilige Heimat, besonders wenn diese bedroht scheint.

Das verstärkt sich also durchaus nicht zufällig damals wie heute durch Religiöses. In Oswald Spenglers „Der Untergang des Abendlande­s“gut 50 Jahre nach „Krieg und Frieden“liegt in diesem Zug des Russischen darin auch die Gefahr, die sie zur größten für den Westen macht. Bei Tolstoi wird das an einer vergleiche­nden Charakteri­sierung explizit: „Der Franzose ist selbstbewu­sst, weil er glaubt, seine Persönlich­keit wirke sowohl durch geistige aber auch körperlich­e Vorzüge unwiderste­hlich und bezaubernd auf Männer und Frauen. (…) Der Russe ist besonders deswegen selbstbewu­sst, weil er nichts weiß und auch nichts wissen will, da er nicht an die Möglichkei­t glaubt, dass man etwas wissen könne. Aber bei dem Deutschen ist das Selbstbewu­sstsein schlimmer, hartnäckig­er und widerwärti­ger als bei allen andern. Der Deutsche bildet sich ein, die Wahrheit zu kennen. Die Wissenscha­ft, die er sich ausgedacht hat, ist für ihn die absolute Wahrheit.“Ohne gemeinsame Basis der Weltsicht im Ästhetisch­en oder im Rationalen bleibt hier also das Religiöse – besonders wirksam in Verbindung mit Nationalem.

Wenn es indes eine charakterl­iche Spiegelung Putins gibt in „Krieg und Frieden“, ist es eher Alexanders Widerpart, Napoleon, den Tolstoi so kennzeichn­et: „Kein Schrecken über das, was er vollzogen hatte, konnte seine Seele erschütter­n. Kühl nahm er die ganze Verantwort­ung für alle diese Geschehnis­se auf sich.“Aber auch: „Er, der von der Vorsehung für die traurige unfreiwill­ige Rolle des Völkerhenk­ers bestimmt war, bildete sich ein, dass der Zweck seiner Handlungen das Wohl der Völker war und dass er imstande gewesen wäre, das Schicksal von Millionen zu beherrsche­n und durch Gewalt Wohltaten zu spenden.“Nach dem, was Außenminis­ter Lawrow neulich vom Ziel einer Befreiung bis nach Lissabon posaunte, scheint das umfassend übertragba­r. Zentral an Tolstois Charakteri­sierung ist aber der Begriff der Vorsehung, die Napoleon zum ausführend­en Objekt statt zum prägenden Subjekt der Geschichte macht. Gegen alle Historiker, die die Zeitläufte durch vermeintli­ch bestimmend­e Einzelfigu­ren schildern, spricht sich im russischen Romancier eine Weltsicht der vorbedingt­en Bewegungen aus, deren vermeintli­che Zwecke (ob Weltfriede­n, Freiheit oder Macht) nie wirklich Ursache, sondern nur Vermittlun­g eines wiederum nur vermeintli­ch agierenden Willens sind.

Herrscher nämlich sind auch keine Vollstreck­er irgendeine­s gemeinsame­n Willens: „Die Theorie der Übertragun­g des Willens der Masse auf historisch­e Persönlich­keiten ist eine Umschreibu­ng.“Am Beispiel jener im Buch geschilder­ten Jahre zwischen 1805 und 1812: „Der wirkliche Grundgedan­ke der europäisch­en Ereignisse war die kriegerisc­he Massenbewe­gung der europäisch­en Völker von

Westen nach Osten und dann von Osten nach Westen.“Diese Bewegungen und das Handeln der Menschen darin vollführte­n sich, so Tolstoi, vielmehr notwendig als durch freie Entscheidu­ng – zu begreifen sei umso besser, je mehr man die wechselsei­tige Beziehung zwischen Ursache und Folge erkenne.

Demnach befänden wir uns heute, nach einer langsamen Bewegung gegen den Osten in den vergangene­n gut 30 Jahren, nun wieder bei einer eher schnellere­n Bewegung gen Westen. Zu welchem Zweck letztlich? Das könnte allein Gott wissen. So formt sich beim literarisc­hen Philosophe­n der russischen Seele eine religiöse, fundierte Schicksals­ergebenhei­t: Die Opfer des Krieges sind zu beweinen, aber über dessen Sinn und Unsinn ist nicht zu urteilen – falls es solches überhaupt gibt.

Westlicher Rationalit­ät läuft solches Denken völlig zuwider. „Nur der Ausdruck der göttlichen Macht steht, unabhängig von der Zeit, in Beziehung zu einer ganzen Reihe von Ereignisse­n, die sich in einigen Jahren oder Jahrhunder­ten begeben sollen, und nur die Gottheit kann die Richtung der Bewegung der Menschheit angeben; der Mensch aber arbeitet zur rechten Zeit und nimmt an dem Ereignis teil.“Tolstois Zar Alexander mag damit über die Zeiten hinweg recht haben: „Wie schrecklic­h ist der Krieg!“Aber nur Frieden und Stabilität – das scheint der russischen Seele demnach auf ewig fremd. Eine beim Gefühl der Bedrohthei­t in Stolz und Glauben gegen alle Rationalit­ät (general-)mobilisier­bare Nation im Ozean der Geschichte.

„Der Russe ist selbstbewu­sst, weil er nichts weiß.“

 ?? Fotos: Wikimedia, stock.adobe.com ?? Der Autor Leo Tolstoi auf einer Sowjet‐Briefmarke und eine der Illustrati­onen Nikolay Karazins zu einer „Krieg und Frieden“‐Ausgabe von 1893, hier: zur Schlacht bei Schöngrabe­n.
Fotos: Wikimedia, stock.adobe.com Der Autor Leo Tolstoi auf einer Sowjet‐Briefmarke und eine der Illustrati­onen Nikolay Karazins zu einer „Krieg und Frieden“‐Ausgabe von 1893, hier: zur Schlacht bei Schöngrabe­n.
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