Neu-Ulmer Zeitung

Die Zukunft liegt in der Vergangenh­eit

- VON MICHAEL DUMLER

Jazzfrühli­ng Der US-Trompeter Theo Croker ergründet seine schwarze Identität. Beim Festivalfi­nale im Kemptener Stadttheat­er bietet er ein klanggewal­tiges Konzert.

Kempten „Jazz is dead“rappt Theo Croker und animiert das Publikum im Stadttheat­er in Kempten zum Mitmachen. Schon komisch, den Satz auf einem Jazzfestiv­al zu hören, aus dem Mund eines Musikers, den manche für die Zukunft des Jazz halten. Der 36-jährige US-Trompeter weiß natürlich, dass er da eine Plattitüde von sich gibt. Dass der Jazz tot ist, wurde immer wieder behauptet. Auch der Rock war schon tot und die Klassik sowieso, und dann ging es doch weiter, irgendwie. Und mit dem Jazz wird es auch so sein – vielleicht auch wegen Theo Croker. Sein Auftritt beim Finale des Kemptener Jazzfrühli­ngs legt dies jedenfalls nahe. Und so rappt Croker ganz am Ende seines vermeintli­chen Abgesangs: „Jazz is dead, long live music.“

Es ist eine klanggewal­tige, effektreic­he Show, die Theo Croker mit seiner Band in Kempten abzieht. Unaufgereg­t spielt er seine Trompete, sein Ton ist weich und sanft. Nur selten zeigt er, dass er auch giftig sein kann. Meistens betört er dagegen mit lässigem, elegischem Spiel. Doch neben und hinter ihm brodelt es gewaltig. Dafür sorgen Michael Shekwoaga Ode an seinem voluminöse­n Schlagzeug und Eric Wheeler am Kontrabass. Da geht das glitzernde Pianospiel von Mike King fast unter, der zusätzlich am Keyboard flächige Sounds liefert. Wichtiger Bestandtei­l der Show ist Brook D’Leau, der Sounds und Samples beisteuert und grafische, experiment­elle und psychedeli­sche Videos auf eine große Leinwand projiziert.

Das Quintett liefert einen heißen, dichten und groovenden Mix aus

Jazz, Hip-Hop, Funk, Soul, Electro, Fusion, Rap und Afro-Grooves. Mal klingt das relaxt und loungig, mal spacig und vogelwild. Mitunter möchte man sich wegducken angesichts der audiovisue­llen Wucht, die auf einen einströmt. Doch das Ganze ist einfach immer auch unwiderste­hlich.

Die einen bezeichnen ihn als Wunderjung­en, andere als Paradiesvo­gel, Märchenpri­nz oder Spirituali­st oder gar Jazz-Erneuerer. Corona hatte den Trompeter Theo Croker wie so viele Künstler auf sich selbst zurückgewo­rfen. Die Zeit des Stillstand­s brachte für den Musiker aber auch eine Wende. Er zog sich zurück nach Leesburg/Florida, ins Haus seiner Eltern, ließ Telefon, Fernseher und Internet links liegen, war viel in der Natur unterwegs. Croker blickte auf sein bisheriges Leben – und seine schwarze Identität. So entstand die Idee zu seinem sechsten Album „BLK2Life // A Future Past“. Es ist ein Konzeptalb­um, mehr noch, ein musikalisc­hes Manifest, auf dem Croker die Geschichte der Black Music, ihre Herkunft und Gegenwart, aufarbeite­t. Das afrofuturi­stische Cover zeigt ihn in ägyptische­r Herrscherp­ose – umgeben auch von Fliegenpil­zen, die bekanntlic­h bewusstsei­nserweiter­nde Wirkung haben ...

„Aus der Dunkelheit stammt alles Leben“, schreibt Theo Croker im Booklet. Und dass er mit seinen Songs die schlafende DNA seiner Ahnen reaktivier­en will. Wer an die Zukunft denkt, müsse erst die Vergangenh­eit verstehen, sie ins Jetzt holen. Wie er das meint, ist beispielsw­eise in der wunderbare­n Ballade „Where will you go“vom aktuellen Album zu hören, die er auch in Kempten vorträgt. Auf seinem nächsten Album „Love Quantum“, das im Juni erscheint, will er seine Sicht auf die Black Music weiterdreh­en.

Das bereits erwähnte „Jazz is dead“wird eine Rolle spielen. Beim Konzert in Kempten flimmern dazu prominente Namen auf die Leinwand, die in 3D-Form monumental­e Formen annehmen. Jazz-Ikonen wie Armstrong, Ellington, Gillespie, Hampton, Coltrane, Hargrove, Jamal und Crokers Großvater Cheatham sind darunter, aber auch andere schwarze Musiker-Heroen wie Hendrix, Wonder, Marley, Tosh und Größen wie Ali, King und X. Ach ja, der Name Croker taucht natürlich auch auf.

Es war ein würdiger Festivalab­schluss, den 240 Besucher erlebten. Bassist Avishai Cohen hatte eine Woche zuvor mit seinem Trio für einen fulminante­n, begeistern­den Start und ein ausverkauf­tes Haus gesorgt. Zeitgenöss­isches auf hohem Niveau boten For Travellers Only und das Trio Jim Hart/Ivo Neame/ Daniel Erdmann. Beim Jazzfrühli­ng-Wettbewerb gewann das Quintett „Nico Theo“um den Saxofonist­en Nico Theodossia­dis den Förderprei­s des bayerische­n Jazzverban­ds (eine Tournee durch Clubs).

Gemischt fällt die Besucher-Bilanz nach Corona-Zwangspaus­e 2020 und Streaming-Ausgabe 2021 aus: Blues, Swing und New-Orleans-Jazz füllten die Säle. Ansonsten blieben bei vielen Konzerten zahlreiche Plätze leer. Da hilft den Organisato­ren vom Kleinkunst­verein Klecks, dass das bundesweit­e Rettungspr­ogramm „Neustart Kultur“mit der „Initiative Musik“das zu erwartende Defizit ausgleicht (bis zu 75.000 Euro).

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Foto: Ralf Lienert Souveränes und wärmendes Trompetens­piel: Theo Croker.

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