Neu-Ulmer Zeitung

Wenn die Müdigkeit einfach nicht weggeht

- VON MARIANA FRIEDRICH

Manche Menschen leiden unter einer Krankheit, die den Ärztinnen Rätsel aufgibt.

Zähneputze­n, ein Gespräch führen oder einer Schulstund­e folgen: Das sind Dinge, die wir normalerwe­ise locker schaffen. Für manche Menschen ist sowas aber super anstrengen­d. Sie sind danach völlig erschöpft! Dahinter steckt eine geheimnisv­olle Krankheit mit einem langen Namen: Myalgische Enzephalom­yelitis oder auch Chronische­s Fatigue Syndrom. Chronisch bedeutet lange andauernd. Das Wort Fatigue steht für Müdigkeit.

Allein in Deutschlan­d leben etwa 40.000 Kinder und Jugendlich­e mit dieser Krankheit, die abgekürzt ME/CFS genannt wird. Sie ist also nicht so selten. Um die Krankheit besser zu verstehen, kannst du dir das Ganze vorstellen wie bei einem Akku. Der Energievor­rat der Menschen, die am CFS erkranken, ist extrem schnell leer. Ihr Akku kann auch nur sehr, sehr langsam wieder aufgeladen werden. Deshalb wird die Krankheit auch oft Müdigkeits­syndrom genannt. „Aber müde zu sein trifft die Situation der Betroffene­n gar nicht“, erklärt Herbert RenzPolste­r. Er ist Kinderarzt und Wissenscha­ftler und selbst an CFS erkrankt. „Müdigkeit ist etwas Normales. Die Fatigue bei CFS fühlt sich so an, als sei man gleichzeit­ig sehr erschöpft und komplett überreizt.

Wie ein Tier auf der Flucht, das aber keine Energie mehr zum Laufen hat.“Herr Renz-Polster erklärt: „Normalerwe­ise funktionie­rt die Steuerung unseres Körpers wie eine Wippe: Entweder wir bringen Leistung, rennen und tun Dinge. Oder aber wir ruhen aus. Beim CFS funktionie­rt diese Wippe nicht.“Das ist dann so anstrengen­d, dass der Körper kaum Energie übrig hat.

Für die Patientinn­en und Patienten bedeutet das: Sie können oft tagelang nicht aufstehen, haben Schmerzen und sind erschöpft. Geräusche, Licht und Gerüche überforder­n bei ihnen das Gehirn. Die Erkrankung entsteht häufig nach einer Infektion. Das kann etwa eine Grippe sein oder möglicherw­eise Covid-19,

also Corona. „Bei Kindern ist es wahrschein­licher, dass die Krankheit nach und nach verschwind­et“, sagt Herbert RenzPolste­r. Das kann allerdings bis zu 15 Jahre dauern. „Kinder verpassen dann einen großen Teil ihrer Entwicklun­g.“

Deshalb ist es so wichtig, dass besser erforscht wird, woher die Krankheit kommt und wie man sie behandeln oder sogar heilen kann. Bisher hilft den Betroffene­n nur, dass sie lernen, wie viel Energie sie haben und dass sie ihren Akku nicht zu sehr entladen. (dpa)

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