Ar­beit­ge­ber: Die Re­gie­rung schießt auf die Fal­schen

Ge­samt­me­tall-Chef Dul­ger über be­fris­te­te Be­schäf­ti­gung, Wett­be­werbs­fä­hig­keit und Auf­la­gen für die In­dus­trie

Neue Osnabrucker Zeitung - Bad Laer, Bad Rothenfelde, Dissen, G - - POLITIK - Von Uwe West­dörp

OS­NA­BRÜCK

Die Me­tal­lund Elek­tro­in­dus­trie wächst, doch sie könn­te noch viel er­folg­rei­cher sein, so Rai­ner Dul­ger, der Prä­si­dent des Ar­beit­ge­ber­ver­ban­des Ge­samt­me­tall. Sein Ap­pell an die Po­li­tik: Die Wirt­schaft muss wett­be­werbs­fä­hig und Ar­beit be­zahl­bar blei­ben.

Herr Dul­ger, die Bun­des­re­pu­blik ist in Ih­rem Struk­tur­be­richt im in­ter­na­tio­na­len Ver­gleich von Rang vier auf Rang neun ab­ge­rutscht. Muss man sich trotz gu­ter Kon­junk­tur Sor­gen ma­chen um den Wirt­schafts­stand­ort Deutsch­land? Un­se­re Wett­be­werbs­fä­hig­keit hat ab­ge­nom­men. Das ist ein deut­li­ches Si­gnal an die Po­li­tik: Wir müs­sen auch für den In­dus­trie­stand­ort Deutsch­land wie­der et­was tun. Da ist es zum Bei­spiel wich­tig, dass wir die So­zi­al­ver­si­che­rungs­bei­trä­ge dau­er­haft bei 40 Pro­zent de­ckeln, und zwar durch ein Ge­setz. Ab­sichts­er­klä­run­gen rei­chen nicht. Wir müs­sen uns in Deutsch­land al­le ge­mein­sam da­für ein­set­zen, dass Ar­beit be­zahl­bar bleibt.

Die Me­tall- und Elek­tro­in­dus­trie hat seit Mit­te des Jah­res wie­der mehr als vier Mil­lio­nen Be­schäf­tig­te. Ist der Fach­kräf­te­man­gel gar nicht so groß wie be­fürch­tet? Die Ent­wick­lung ist sehr er­freu­lich. Seit der Fi­nanz­kri­se ha­ben wir 580 000 neue Stamm­ar­beits­plät­ze ge­schaf­fen. Und wir ge­hen da­von aus, dass wir das ho­he Be­schäf­ti­gungs­ni­veau hal­ten kön­nen. Doch könn­te die Ent­wick­lung noch viel bes­ser sein. Beim Wachs­tum sto­ßen wir be­reits an Gren­zen. Das liegt un­ter an­de­rem an den stei­gen­den Ar­beits­kos­ten. Zu­dem kön­nen wir man­gels Be­wer­ber nicht so vie­le Fach­ar­bei­ter aus­bil­den, wie wir wol­len. Wir konn­ten zu­letzt 70 000 neue Aus­bil­dungs­ver­trä­ge ab­schlie­ßen, aber wei­te­re 7000 Aus­bil­dungs­plät­ze blie­ben un­be­setzt.

Die Ar­beit­ge­ber drän­gen seit Lan­gem auf ein Ein­wan­de­rungs­ge­setz. Sind Sie mit den Plä­nen der Re­gie­rung zu­frie­den? Wich­tig ist, dass das Ge­setz jetzt schnell kommt – und dass wir ein fle­xi­bles In­stru­ment er­hal­ten. Das heißt: Je nach­dem, welche Fach­leu­te bei uns im Land gera­de ge­braucht werden, muss das Ge­setz kurz­fris­tig an­pass­bar sein. Wenn je­mand als Zim­mer­mann zu­wan­dert, dann soll er auch nur als Zim­mer­mann ar­bei­ten dür­fen. Und dann soll­te man sich nicht lan­ge da­mit auf­hal­ten, ob er jetzt wirk­lich Zim­mer­mann ist oder nicht – das ent­schei­det der Markt. Ma­chen wir es nicht zu kom­pli­ziert! Wenn der Be­tref­fen­de nach sechs bis zwölf Mo­na­ten kei­nen dau­er­haf­ten Job ge­fun­den hat, muss er wie­der ge­hen.

Ei­ne Rei­he von Po­li­ti­kern for­dert zu­dem ei­nen Spur­wech­sel, da­mit ab­ge­lehn­te Asyl­be­wer­ber nicht ab­ge­scho­ben werden, wenn sie so­zi­al und be­ruf­lich gut in­te­griert sind. War­um re­agie­ren die Ar­beit­ge­ber, die doch drin­gend Fach­kräf­te su­chen, da so re­ser­viert? Weil wir das drin­gend not­wen­di­ge Zu­wan­de­rungs­ge­setz nicht ge­fähr­den wol­len. Wir werden für die­je­ni­gen, die be­reits im Land sind, sich qua­li­fi­ziert ha­ben und in Be­trie­ben in­te­griert sind, ei­ne Lö­sung fin­den müs­sen. Aber grund­sätz­lich ei­nen zwei­ten Weg in den Ar­beits­markt zu er­öff­nen, das hal­te ich für falsch. Wir müs­sen Zu­wan­de­rungs­und Asyl­ge­set­ze sehr deut­lich von­ein­an­der tren­nen. Asyl für Schutz­be­dürf­ti­ge und Zu­wan­de­rung von Fach­kräf­ten sind zwei un­ter­schied­li­che The­men.

Blei­ben wir beim Ar­beits­markt. Die Bun­des­re­gie­rung will die Re­ge­lun­gen zur sach­grund­lo­sen Be­fris­tung von Ar­beits­ver­trä­gen deut­lich ver­schär­fen. Ein­ver­stan­den? Wenn das für al­le gel­ten wür­de, könn­te man viel­leicht noch über das The­ma dis­ku­tie­ren. Man will das aber nur in der Pri­vat­wirt­schaft ein­füh­ren. Doch da wird auf den Fal­schen ge­schos­sen. Denn bei uns in der Me­tall- und Elek­tro­in­dus­trie liegt der An­teil be­fris­tet Be­schäf­tig­ter bei gera­de ein­mal vier Pro­zent. Zum Ver­gleich: Im öf­fent­li­chen Dienst sind sie­ben Pro­zent der Ar­beit­neh­mer be­fris­tet be­schäf­tigt, bei Nicht­re­gie­rungs­or­ga­ni­sa­tio­nen wie Ge­werk­schaf­ten und Um­welt­schutz­ver­bän­den 14 Pro­zent und an den Hoch­schu­len so­gar 37 Pro­zent. Das passt so nicht. Der Staat soll­te das, was er von der In­dus­trie ver­langt, im­mer auch von sich selbst ver­lan­gen. Im Üb­ri­gen brau­chen wir die be­fris­te­ten Be­schäf­ti­gun­gen, weil wir sehr vie­le Fle­xi­bi­li­sie­rungs­mög­lich­kei­ten ge­schaf­fen ha­ben für un­se­re Mit­ar­bei­ter. Sie kön­nen zum Bei­spiel Aus­zei­ten neh­men, um An­ge­hö­ri­ge zu pfle­gen oder sich wei­ter­zu­bil­den. In die­ser Zeit muss die Ar­beit aber wei­ter ge­tan werden, und wir brau­chen Er­satz­kräf­te. Die EU-Um­welt­mi­nis­ter for­dern ei­ne Ver­rin­ge­rung der CO2-Grenz­wer­te für Neu­wa­gen um 35 Pro­zent in der Zeit von 2020 bis 2030. Be­fürch­ten Sie Stel­len­ver­lus­te? Oder könn­ten sol­che Vor­ga­ben nicht auch ei­nen In­no­va­ti­ons­schub in Rich­tung E-Mo­bi­li­tät aus­lö­sen?

Die­se Vor­ga­be ist tech­nisch nicht er­füll­bar – schon gar nicht, wenn man wie bei uns in Deutsch­land gleich­zei­tig auch noch den Die­sel­an­trieb ver­teu­felt. Es fällt schon auf, dass die­je­ni­gen die här­tes­ten Grenz­wer­te woll­ten, die selbst kei­ne nen­nens­wer­te Au­to­mo­bil­in­dus­trie ha­ben. Grenz­wer­te ein­zu­füh­ren, die man nicht ein­hal­ten kann, muss zwangs­läu­fig zu mas­si­ven Stel­len­ver­lus­ten füh­ren. Wenn wir ei­ne zu­neh­men­de Elek­tri­fi­zie­rung im Ver­kehr wol­len, dann muss man an­de­re We­ge wäh­len.

An welche We­ge und An­rei­ze den­ken Sie da? Die Kun­den ent­schei­den im­mer noch selbst, was sie kau­fen. Beim Elek­tro-Au­to sind die Grund­pro­ble­me des Elek­tro­an­triebs – Reich­wei­te und Auf­la­de­ge­schwin­dig­keit – noch nicht ge­löst, und die Phy­sik lässt sich auch nicht durch po­li­ti­sche Vor­ga­ben än­dern. Und dann kommt noch die Fra­ge da­zu, wo denn der Strom her­kom­men soll. Kern­kraft ist ver­pönt, Kohle ist ver­pönt, für Wind­rä­der muss auch Wald ge­ro­det werden. So­lan­ge die Ener­gie­wen­de nicht end­lich zu ei­nem gu­ten En­de ge­führt wird, mit ver­läss­li­chem und be­zahl­ba­rem Strom, ist es ha­ne­bü­chen, die Ver­kehrs­wen­de zu for­dern.

Zum Schluss: Mor­gen wird in Bay­ern ein neu­er Land­tag ge­wählt. Wie es aus­sieht, steht die AfD vor neu­en Er­fol­gen. Be­un­ru­higt Sie das? Na­tür­lich be­un­ru­higt es mich, wenn die Par­tei­en an den po­li­ti­schen Rän­dern stär­ker werden. Man muss sich aber die Fra­ge stel­len, wo der Platz für die­se Par­tei­en her­ge­kom­men ist. Da ha­ben die gro­ßen Par­tei­en Feh­ler ge­macht. Es wird viel über Ren­te, Pfle­ge und So­zi­al­aus­ga­ben ge­spro­chen. Aber über das, was die Leu­te wirk­lich be­schäf­tigt, näm­lich die Zu­wan­de­rung und wie wir da­mit um­ge­hen, wird zu we­nig ge­spro­chen. Da ist es kein Wun­der, dass das Volk sich von et­li­chen Par­tei­en nicht mehr an­ge­spro­chen fühlt. Die Po­li­tik muss sich drin­gend fra­gen, ob die Bür­ger wirk­lich nur mehr So­zi­al­leis­tun­gen wol­len. Ich glau­be, sie wol­len auch kla­re Ant­wor­ten zu Asyl und Zu­wan­de­rung.

Wort­füh­rer im O-Ton: Mehr Ge­sprä­che le­sen Sie auf noz.de/in­ter­view

Fo­to: AFP

Darf end­lich aus­rei­sen: Brun­son. And­rew

Fo­to: dpa

Rai­ner Dul­ger

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