Mur­ta­sa ver­misst Ball von Mes­si

Mur­ta­sa aus Af­gha­nis­tan hofft, vom ar­gen­ti­ni­schen Fuß­ball­star si­gnier­te An­den­ken bald zu­rück­zu­be­kom­men

Neue Osnabrucker Zeitung - Bad Laer, Bad Rothenfelde, Dissen, G - - VORDERSEITE - Von Ve­ro­ni­ka Esch­ba­cher dpa

KABUL

Der klei­ne Mur­ta­sa aus Af­gha­nis­tan wur­de durch sein Tri­kot aus Plas­tik­tü­ten welt­weit be­kannt. Sein Idol Lio­nel Mes­si schenk­te ihm dar­auf ei­nen si­gnier­ten Ball. Das kost­ba­re Stück muss­te der Knirps auf der Flucht vor den Ta­li­ban zu­rück­las­sen.

KABUL

Je­den Mor­gen kam der klei­ne Mur­ta­sa zu sei­ner Mut­ter und ließ sich von ihr sei­nen kost­bars­ten Be­sitz ge­ben. Der Sie­ben­jäh­ri­ge schäl­te ihn ge­dul­dig aus vier über­ein­an­der­ge­stülp­ten und zu­ge­kno­te­ten Plas­tik­tü­ten: ein weiß-blau­er Fußball, si­gniert von sei­nem Idol Lio­nel Mes­si. Doch nun kann der af­gha­ni­sche Jun­ge, der mit ei­nem Tri­kot aus Plas­tik­tü­ten vor zwei Jah­ren welt­weit ein Star im In­ter­net ge­wor­den ist, sei­nen Ball nicht mehr be­stau­nen. Denn die Fa­mi­lie muss­te wie vie­le an­de­re in den ver­gan­ge­nen Wo­chen aus ih­rem Hei­mat­be­zirk Dscha­gu­ri flie­hen. Oh­ne Ball.

Ta­li­ban-Kämp­fer hat­ten ver­sucht, den Be­zirk in der zen­tra­len Pro­vinz Gas­ni zu über­ren­nen. Die Mes­si-Tro­phä­en – auch zwei si­gnier­te Tri­kots – sei­en da­bei zu­rück­ge­blie­ben, er­zäh­len Mur­ta­sa und sein 17-jäh­ri­ger Bru­der Hu­ma­jun.

Al­les sei sehr schnell ge­gan­gen. Der Va­ter ha­be ei­nen An­ruf be­kom­men, dass An­gu­ri, ei­ne Kle­in­stadt na­he ih­rem Hei­mat­ort Sang-e Ma­scha, an die Ta­li­ban ge­fal­len sei. Dar­auf­hin sei­en sie so­fort auf­ge­bro­chen. „Wie hät­te ich den Ball mit­brin­gen sol­len, wenn ich flüch­ten muss­te?“, sagt Mur­ta­sa auf die Fra­ge, war­um er sei­nen wert­volls­ten Be­sitz zu­rück­ge­las­sen ha­be. „Wir sind nur in un­se­rer Klei­dung aus dem Haus ge­lau­fen“, er­zählt Hu­ma­jun.

Seit Mo­na­ten ver­schlech­tert sich die Si­cher­heits­la­ge in Af­gha­nis­tan. Die Re­gie­rung kon­trol­liert nach Mi­li­tär­an­ga­ben heu­te nur noch we­nig mehr als die Hälf­te der Be­zir­ke des Lan­des. Die Pro­vinz Gas­ni war in die­sem Jahr be­son­ders be­trof­fen, im Au­gust ver­such­ten die Ta­li­ban, die gleich­na­mi­ge Pro­vinz­haupt­stadt ein­zu­neh­men. Sie ver­lie­ßen die Stadt erst nach mehr­tä­gi­gen Ge­fech­ten. Die Be­zir­ke Dscha­gu­ri und Ma­lis­tan, die im No­vem­ber von Ta­li­ban an­ge­grif­fen wur­den, gal­ten bis da­hin als die fried­lichs­ten in der Pro­vinz.

Ge­spielt ha­be Mur­ta­sa mit dem Ball von Mes­si nie­mals, er­zählt sei­ne Mut­ter ges­tern bei ei­nem Ge­spräch in Kabul. Er ha­be ihn le­dig­lich in sei­nen Hän­den ge­dreht, um ihn kurz dar­auf wie­der in die zahl­rei­chen Plas­tik­tü­ten ein­zu­wi­ckeln und ihr zu­rück­zu­ge­ben, da­mit sie ihn gut auf­be­wah­re. Ge­nau­so wie er da­vor be­reits je­des Fo­to des Stür­mers aus Ar­gen­ti­ni­en, das er in Zei­tun­gen ent­deck­te, sei­ner Mut­ter zur Auf­be­wah­rung über­reicht hat­te.

Mur­ta­sas selbst ge­bas­tel­tes Mes­si-Tri­kot mach­te den klei­nen Fuß­ball­fan vor zwei Jah­ren welt­weit be­kannt. Sein Bru­der Hu­ma­jun hat­te für ihn ei­ne blau-weiß ge­streif­te Plas­tik­tü­te zum ar­gen­ti­ni­schen Na­tio­nal­tri­kot um­funk­tio­niert. „Mes­si“und die Rü­cken­num­mer 10 wa­ren mit Ku­gel­schrei­ber dar­auf­ge­krit­zelt. Das Bild von Mur­ta­sa in dem Plas­tik­tü­ten-Tri­kot ging in so­zia­len Netz­wer­ken vi­ral.

We­nig spä­ter schick­te ihm Mes­si über das Kin­der­hilfs­werk Unicef zwei si­gnier­te Tri­kots und den Ball. Im De­zem­ber 2016 lern­te Mur­ta­sa sein Idol dann vor ei­nem Freund­schafts­spiel von Mes­sis FC Bar­ce­lo­na in Do­ha (Ka­tar) so­gar per­sön­lich ken­nen. Al­ler­dings brach­te sei­ne Be­kannt­heit auch Pro­ble­me mit sich. Die Fa­mi­lie er­hielt Droh­an­ru­fe. Vie­le Men­schen hät­ten ge­dacht, Mur­ta­sa ha­be viel Geld von Mes­si er­hal­ten, sagt sei­ne Mut­ter Scha­fi­ka Ah­ma­di. Sie fürch­tet bis heu­te Ent­füh­rung und Lö­se­gel­d­er­pres­sun­gen. Ei­ne Zeit lang wa­ren die Ah­ma­dis so­gar nach Pa­kis­tan ge­flüch­tet. Ein gan­zes Jahr in Dscha­gu­ri lie­ßen die El­tern den Jun­gen nicht in die Schu­le ge­hen. Auch jetzt in Kabul dür­fe Mur­ta­sa nur im In­nen­hof Fußball spie­len und nur ab und zu in Be­glei­tung sei­nes Bru­ders aus dem Haus, sagt sei­ne Mut­ter.

Un­ge­ach­tet des­sen, dass die Fa­mi­lie in Kabul nun in ei­nem ein­zel­nen Zim­mer oh­ne sicht­ba­re Heiz­mög­lich­keit wohnt, freut sich Mur­ta­sa. Denn sein Ball ging nicht ver­lo­ren. Er liegt wei­ter an dem Platz in sei­nem El­tern­haus, an dem ihn sei­ne Mut­ter ver­stau­te. Mur­ta­sa ha­be nun in der Stadt ver­blie­be­ne Ver­wand­te, die auf­pas­sen, dass nichts ge­plün­dert oder ge­stoh­len wird, ge­be­ten, ihn nach Kabul zu schi­cken. Dann wird er ihn wie­der täg­lich be­stau­nen kön­nen. Die Fa­mi­lie selbst kann we­gen der Ge­fah­ren­la­ge nicht zu­rück in die Hei­mat.

Fo­to: dpa

Traf sein IdolLio­nel Mes­si 2016 in Do­ha: der klei­ne Mur­ta­sa.

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