Als das Wün­schen noch weh­ge­tan hat

Brie­fe an den Weih­nachts­mann: Ei­ne El­tern­ko­lum­ne über Lust und Leid der Ma­te­ri­al­schlach­ten

Neue Osnabrucker Zeitung - Bad Laer, Bad Rothenfelde, Dissen, G - - IN DER FAMILIE - Liebe Co­rin­na, Herz­li­che Grü­ße! Dein Da­ni­el

auch wenn ich es un­gern zu­ge­be: Zu mei­nen in­ten­sivs­ten Ad­vent­ser­in­ne­run­gen ge­hört das Stu­di­um ei­nes flat­te­ri­gen Ver­sand­haus-Ka­ta­logs, des­sen Na­me mir lei­der ent­fal­len ist. War es „Klin­gel“? „3 Pa­gen“? Die Opu­lenz der Wa­ren­welt hat mich je­den­falls über­wäl­tigt. Schmuck­do­sen mit

25 (!) Do­mi­no­stei­nen, 40 (!!) Mar­zi­pan­kar­tof­feln und dem 500Gramm-Sor­ti­ment Aa­che­ner Prin­ten (!!!) lös­ten in mir or­gi­as­ti­sche Ge­füh­le aus, ob­wohl ich Prin­ten gar nicht moch­te und von Do­mi­no­stei­nen nur die obe­ren Schich­ten. Der Ka­ta­log weck­te Wün­sche in mir, die ich al­lein nie ent­deckt hät­te. Der bi­zarrs­te: ei­ne Hand­pres­se, die mat­schi­ge Sei­fen­res­te zu be­tö­rend mar­mo­rier­ten Blö­cken form­te.

Ich ha­be das Wun­der­werk nie be­kom­men und bin mei­nen El­tern dank­bar da­für. Sie wer­den ge­ahnt ha­ben, dass ich für ein haa­ri­ges Sei­fen­stück drei fa­brik­neue ver­braucht hät­te – um ir­gend­wann al­les zu­sam­men weg­zu­schmei­ßen. Das ist ja die trost­lo­se Per­spek­ti­ve, aus der man als Er­wach­se­ner Spiel­zeug wahr­nimmt: Wo mein Kind Ro­bo­ter be­staunt, se­he ich über­teu­er­ten Plas­tik­müll, der uns mun­ter den Pla­ne­ten rui­niert.

Als ich alt ge­nug war, um dem Thrill von Sei­fen­pres­sen zu wi­der­ste­hen, lös­ten die Ka­ta­lo­ge in mir tie­fe Rat­lo­sig­keit aus. Ei­ner­seits be­stand kein Zwei­fel dar­an, dass man auf mög­lichst gro­ße Ge­schen­ke hin­fie­bern muss­te. An­de­rer­seits wuss­te ich par­tout nicht, auf wel­che. Nach den Weih­nachts­fe­ri­en nicht die rich­ti­gen Sta­tus­sym­bo­le vor­wei­sen zu kön­nen, mag für Drei­zehn­jäh­ri­ge hart sein. Nicht zu wis­sen, was man sich wünscht, fand ich aber viel schlim­mer. Weil ei­nem da­bei schmerz­haft klar wird: Man hat über­haupt kei­ne Ah­nung, wer man ist. Viel­leicht al­so ist man ganz ein­fach nie­mand.

In­so­fern se­he ich es ganz gern, dass mei­ne Kin­der jetzt froh Ka­ta­lo­ge zer­fled­dern, um die tolls­ten Spiel­sa­chen auf ih­ren Wunsch­zet­tel zu kle­ben. Zu­mal der mit Zeich­nun­gen de­ko­riert ist, die je­den Nin­ja­go an Charme über­bie­ten. Dass mein drei­jäh­ri­ger Sohn auf ihm un­be­kann­te „Ghost­bus­ters“steht, weil der Mar­sh­mal­low-Man so ap­pe­tit­lich aus­sieht, rührt mich so­gar. Kau­fen wer­de ich ihm kei­ne. Das soll mal schön die Oma ma­chen, an die das Do­ku­ment auch adres­siert ist. Weil die Kin­der von den Ver­wand­ten so­wie­so so viel be­kom­men, schen­ken wir ih­nen oft gar nichts. Die am­bi­tio­nier­ten Ad­vents­ka­len­der, den ich ge­bas­telt ha­be, mal aus­ge­nom­men.

Ich selbst wün­sche mir, dass die bei­den ih­re ma­te­ria­lis­ti­sche Pha­se halb­wegs heil über­ste­hen. Und dass sie sich spä­ter nicht nur an den be­knack­ten Trans­for­mer er­in­nern – son­dern auch an die Trans­for­ma­tio­nen all der Ge­spens­ter, Mons­ter, Flug- und Feu­er­dra­chen, die wir ges­tern ei­ne vol­le St­un­de lang ge­kne­tet ha­ben.

PS: In Ham­burg hat die Po­li­zei ei­nen Kin­der­streit um ein Drei­rad ge­schlich­tet. Bei wel­chem Ver­bre­chen wählst du die 110?

Newspapers in German

Newspapers from Germany

© PressReader. All rights reserved.