Aus­zeit vom All­tag in der Elb­phil­har­mo­nie

Wie die Elb­phil­har­mo­nie ih­re Gäs­te vom All­tag be­freit

Neue Osnabrucker Zeitung - Hagen, Hasbergen - - VORDERSEITE - Von Ralf Dö­ring

HAM­BURG Die Elb­phil­har­mo­nie ist nun vom Start weg zum Mek­ka der klas­si­schen Mu­sik ge­wor­den. Wie ist es wirk­lich dort drin? Ein Abend mit dem Orches­ter Il Gi­ar­di­no Ar­mo­ni­co und Patri­cia Ko­patchin­ska­ja.

HAM­BURG

Zwei Mi­nu­ten und 40 Se­kun­den: So lang braucht die Roll­trep­pe, um ei­nen von un­ten auf die Pla­za der Elb­phil­har­mo­nie zu tra­gen. Zwei Mi­nu­ten, 40 Se­kun­den, um das Ge­trie­be des All­tags und der Groß­stadt hin­ter sich zu las­sen, zwei Mi­nu­ten, 40 Se­kun­den, um her­un­ter­zu­kom­men oder, wie man heu­te sagt, um zu ent­schleu­ni­gen. Um sich ein­zu­stim­men auf ein Kon­zert im Gro­ßen Saal.

An die­sem Mon­tag­abend weht ein emp­find­lich kal­ter Wind die Roll­trep­pe hoch. Ei­si­gen Fin­gern gleich zerrt er am Man­tel, als wol­le er ei­nen in der pro­fa­nen Welt der Ar­beit und der all­täg­li­chen Sor­gen fest­hal­ten. Auch auf der Die Elb­phil­har­mo­nie ist nun vom Start weg zum Mek­ka­der­klas­si­schenMu­sik ge­wor­den. Aber mal ehr­lich – wie ist es wirk­lich dort drin? Pla­za selbst ist es emp­find­lich kühl, nur we­ni­ge Be­su­cher trot­zen dem kal­ten Wind, um das Kon­zert­haus und den Rund­um­blick über Ha­fen und Stadt zu ge­nie­ßen. Dank der Kon­zert­kar­te darf man am Ein­lass­per­so­nal vor­bei die Trep­pe hoch, die sich wie ein rie­si­ger Ge­hör­gang hoch­win­det zu den Foy­ers vor dem Gro­ßen Saal.

Die Pro­gramm­hef­te ver­tei­len die Mit­ar­bei­ter der Elb­phil­har­mo­nie hier gra­tis. Das in der ei­nen Hand und ein Glas Weiß­wein in der an­de­ren, fla­niert es sich schön durch die Foy­ers. Die di­cken Schei­ben der Fens­ter­fron­ten öff­nen das Haus hin zur Stadt: hier St. Michae­lis, der „Mi­chel“, der frü­her mal das op­ti­sche Wahr­zei­chen Ham­burgs war, bis ihn die Elb­phil­har­mo­nie ab­ge­löst hat. Ge­gen­über leuch­ten die Mu­si­cal­thea­ter für „Kö­nig der Lö­wen“und „Ma­ry Pop­pins“, und da­zwi­schen mi­schen sich Da­men im ele­gan­ten Ko­s­tüm und Her­ren in teu­rem Tuch mit Men­schen in Je­ans und Pul­li – die Elb­phil­har­mo­nie kommt oh­ne Dress­code aus.

Da­bei scheint die Ar­chi­tek­tur mit­un­ter ei­ne wich­ti­ge­re Rol­le zu spie­len als die Mu­sik. Erst neu­lich mach­te ein Be­richt über ei­nen Jaz­zabend die Run­de, bei dem das Pu­bli­kum in Scha­ren aus dem Gro­ßen Saal ge­lau­fen sein soll – da hat­ten wohl ei­ni­ge das Groß­ge­druck­te nicht ge­le­sen. Sonst hät­ten sie ge­wusst, dass der ame­ri­ka­ni­sche Pia­nist Vi­jay Iy­er mo­der­nen Jazz spie­len wür­de. Pro­fis lau­fen nicht weg, son­dern ha­ben Stra­te­gi­en ent­wi­ckelt: „Wenn dir lang­wei­lig ist, ver­such die Wa­ben hin­ter der Büh­ne zu zäh­len“, rät ein Be­su­cher sei­ner Nach­ba­rin. „Ich ha­be es noch nicht ge­schafft.“Nach wie vor ist es schwie­rig, an Ti­ckets zu kom­men. Trotz­dem hat die Elb­phil­har­mo­nie knapp zwei Jah­re nach der Er­öff­nung ein Stamm- und Ab­o­pu­bli­kum ge­fun­den.

Das wird aber ge­for­dert. Il Gi­ar­di­no Ar­mo­ni­co spielt an die­sem Abend Kom­po­si­tio­nen von Vi­val­di auf Ori­gi­nal­in­stru­men­ten der Vi­val­di­zeit und im his­to­ri­schen Klang­ge­wand. Da­zu kommt die So­lis­tin des Abends, die mol­da­wi­sche Gei­ge­rin Patri­cia Ko­patchin­ska­ja: ein vir­tuo­ses Ener­gie­bün­del, das an die Gren­zen des Spiel­ba­ren geht – und dar­über hin­aus.

Die Kom­bi­na­ti­on funk­tio­niert her­vor­ra­gend; die Hand­voll Mu­si­ke­rin­nen und Mu­si­ker spie­len Vi­val­di, als wä­re die Tin­te auf dem No­ten­pa­pier noch nass. Der Clou aber ist: Die­ses Kon­zert ist kein klin­gen­des Mu­se­um mit Mu­sik von an­no dun­ne­mals. Zeit­ge­nös­si­sche Mu­sik schlägt die Brü­cke vom Ba­rock zu uns, und da­bei spielt Patri­cia Ko­patchin­ska­ja ei­ne zen­tra­le Rol­le. Sie schält sich am En­de des ers­ten Stücks aus dem En­sem­ble, steht dann vor­ne auf der Büh­ne. Der wal­len­de Rock in leuch­ten­dem Rot und Gelb hebt sie op­tisch her­aus aus dem Ein- heits­schwarz des ita­lie­ni­schen En­sem­bles – und ih­re Büh­nen­prä­senz. Die Gei­ge­rin fegt wie ein Irr­wisch über die Büh­ne, sie singt und quietscht bei den zeit­ge­nös­si­schen Kom­po­si­tio­nen zur Gei­ge, sie stampft und tanzt – im­mer bar­fuß. Am En­de ap­plau­die­ren 2000 Gäs­te be­geis­tert, und nie­mand ist frü­her ge­gan­gen. Dann tritt Ko­patchin­ska­ja ein letz­tes Mal, auf die Büh­ne; jetzt trägt sie rot glit­zern­de Pant­öf­fel­chen. Aus de­nen steigt sie noch ein­mal, spielt, singt, quietscht ei­ne ab­ge­dreh­te Mi­nia­tur des Kom­po­nis­ten Jor­ge Sán­che­zChiong aus Ca­ra­cas als letz­te Zu­ga­be. Wa­ben hat da si­cher nie­mand ge­zählt, denn an sol­chen Aben­den gleicht der Gro­ße Saal der Elb­phil­har­mo­nie ei­ner Raum­kap­sel, die los­ge­löst von Raum und Zeit im Or­bit schwebt – oder in der Tief­see? Egal, der Mi­chel, der Kö­nig der Lö­wen, der All­tag: All das ist weit weg; was al­lein exis­tiert, ist – Mu­sik.

Fo­to: Ma­xim Schulz

Die spek­ta­ku­lä­re Ar­chi­tek­tur ist das ei­ne. Aber tat­säch­lich be­schert die Elb­phil­har­mo­nie un­ver­gess­li­che Kon­zert­aben­de.

Fo­to: Da­ni­el Dit­tus

Patri­cia Ko­patchin­ska­ja

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