Werk­ver­trag: Ge­werk­schaft will Kla­ge­recht

NGG pran­gert Miss­stän­de an

Neue Osnabrucker Zeitung - Lotte, Westerkappeln, Mettingen, Tecklenburg - - VORDERSEITE - Von Dirk Fis­ser

Nie­mand weiß ge­nau, wie vie­le Men­schen in Deutsch­land über ei­nen Werk­ver­trag ih­rer Ar­beit nach­ge­hen. Ei­nes aber steht sehr wohl fest: Es gibt in vie­len Bran­chen im­mer wie­der Pro­ble­me mit dem ar­beits­recht­li­chen In­stru­ment. Die Ge­werk­schaft NGG prescht mit ei­nem Vor­schlag vor.

OS­NA­BRÜCK An­ge­sichts an­hal­ten­der Miss­stän­de im Um­gang mit aus­län­di­schen Werk­ver­trags­ar­bei­tern will die Ge­werk­schaft Nah­rung – Ge­nuss – Gast­stät­ten (NGG), wenn nö­tig, für die­se vor Ge­richt zie­hen. Im Ge­spräch mit un­se­rer Re­dak­ti­on sag­te NGG-Che­fin Michae­la Rosenberger: „Nur so kann si­cher­ge­stellt wer­den, dass Män­gel auch ab­ge­stellt wer­den. Vie­le Be­schäf­tig­te trau­en sich aus Angst um ih­ren Job nicht, ih­re Rech­te vor Ge­richt durch­zu­set­zen.“Des­we­gen for­der­te Rosenberger ein so­ge­nann­tes Ver­bands­kla­ge­recht für die Ge­werk­schaft.

In den ver­gan­ge­nen Jah­ren hat­te es im­mer wie­der Be­rich­te über Miss­stän­de im Um­gang mit vor al­lem aus­län­di­schen Ar­bei­tern ge­ge­ben. Die­se wer­den von Su­b­un­ter­neh­mern in die deut­schen Be­trie­be ge­schickt und er­le­di­gen un­ter­schied­li­che Auf­ga­ben. Pro­ble­me be­stan­den nicht nur bei der Be­zah­lung, son­dern auch bei der Un­ter­brin­gung der Ar­bei­ter.

Ge­set­zes­ver­schär­fun­gen, Ver­ord­nun­gen, aber auch Selbst­ver­pflich­tun­gen der Wirt­schaft wa­ren die Fol­ge. So sag­te die Fleisch­wirt­schaft bei­spiels­wei­se der Bun­des­re­gie­rung zu, die Le­bens­und Ar­beits­be­din­gun­gen der Werk­ver­trags­ar­bei­ter in Schlacht­hö­fen zu ver­bes­sern.

Die NGG-Vor­sit­zen­de Rosenberger be­män­gel­te jetzt aber, dass ge­ra­de in der Fleisch­wirt­schaft „noch vie­les im Ar­gen“lie­ge. Un­ge­ach­tet der Selbst­ver­pflich­tung gro­ßer Un­ter­neh­men aus der Bran­che ge­be es nach wie vor Be­schwer­den über Lohn­drü­cke­rei und schlech­te Un­ter­brin­gung. „Die Un­ter­neh­men der Fleisch­wirt­schaft neh­men ih­re Ver­ant­wor­tung ge­gen­über den in Werk­ver­trä­gen Be­schäf­tig­ten wei­ter­hin oft nur man­gel­haft wahr“, so Rosenberger. Su­b­un­ter­neh­men schi­cken ih­re Ar­bei­ter an die Schlacht­bän­der. So spa­ren Fleisch­kon­zer­ne Geld für ei­ge­nes Per­so­nal und kön­nen fle­xi­bler auf Nach­fra­geSchwan­kun­gen re­agie­ren.

Micha­el An­dritz­ky, Haupt­ge­schäfts­füh­rer des Ver­ban­des der Er­näh­rungs­wirt­schaft, ver­wies hin­ge­gen auf die Er­fol­ge der Selbst­ver­pflich­tung, der sich mitt­ler­wei­le 23 Un­ter­neh­men an­ge­schlos­sen hät­ten. Nach Bran­chen­an­ga­ben deckt das jetzt 68 Pro­zent der Schwei­ne­schlach­tung und et­wa 45 Pro­zent der Rin­der- und Ge­flü­gel­schlach­tun­gen ab. Mehr als 40 000 Be­schäf­tig­te pro­fi­tier­ten da­von, et­wa die Hälf­te da­von Leih- oder Werk­ver­trags­ar­bei­ter. Zu­dem ver­wies An­dritz­ky auf re­gel­mä­ßi­ge Kon­trol­len des Zolls, bei de­nen nur sel­ten Ver­stö­ße ge­gen den Min­dest­lohn ent­deckt wür­den.

Er­näh­rung und Agrar­bran­che: Bei­trä­ge da­zu auf noz.de/wirt­schaft

Hier ei­ne Selbst­ver­pflich­tung, dort ein neu­er Ko­dex: Ei­gent­lich soll­te al­les bes­ser wer­den im Um­gang mit aus­län­di­schen Werk­ver­trags­ar­bei­tern. Ei­ne Be­stands­auf­nah­me.

Ei­ne Schat­ten­ar­mee aus un­zäh­li­gen Men­schen si­chert den Wohl­stand der Re­gi­on. Sie schlach­ten und zer­le­gen Schwei­ne, sie bau­en Schif­fe, über­brin­gen Pa­ke­te oder ver­le­gen Flie­sen. Vie­le Tau­send Süd­ostund Ost­eu­ro­pä­er ar­bei­ten im Nord­wes­ten von Nie­der­sach­sen und er­le­di­gen die Auf­ga­ben, die kein Ein­hei­mi­scher un­ter den Be­din­gun­gen ma­chen will. Der Rest der Ge­sell­schaft nimmt von die­sen Men­schen und ih­ren Pro­ble­men kaum Kennt­nis. In die­ser Par­al­lel­welt herr­schen ei­ge­ne Ge­set­ze, und vor al­lem ei­nes zählt: Leis­tung.

Ei­ne Rei­se in die­se Welt führt auf Dör­fer wie Hem­mel­te im Land­kreis Clop­pen­burg. In der her­un­ter­ge­kom­me­nen Un­ter­kunft riecht es nach Schweiß und Al­ko­hol. Es geht die Trep­pe rauf, vor­bei an Un­ter­ho­sen und Schim­mel­fle­cken ei­nen Flur mit vie­len Tü­ren ent­lang. Ganz am En­de des Gan­ges sit­zen vier Män­ner auf ih­ren Feld­bet­ten. Vor ih­nen lee­re Bier­fla­schen, Wod­kaglä­ser und Zi­ga­ret­ten­ta­bak. Die Au­gen sind gla­sig vom Rausch.

„Kom­men Sie“, sagt ei­ner und deu­tet mit der Hand auf die Kü­che. Mit ver­ein­ten Kräf­ten zie­hen sie ei­nen Schrank von der Wand: Ka­ker­la­ken ren­nen da­von. Rat­ten sol­len sie auch schon ge­habt ha­ben. Nie­mand in­ter­es­sie­re sich für sie, schimp­fen die Män­ner. „Wir sind die Skla­ven Eu­ro­pas“, schreit ei­ner so oft, bis ihn die an­de­ren mit ei­nem Schlag auf den Hin­ter­kopf be­ru­hi­gen. Die Du­sche tei­len sie sich zu siebt, sa­gen sie. Die Mie­te zieht ih­nen der Ar­beit­ge­ber di­rekt vom Lohn ab. 150 Eu­ro pro Mo­nat pro Per­son.

Da­nie­la Reim kennt sol­che Un­ter­künf­te, und sie kennt die Ge­schich­ten, die die Män­ner zu er­zäh­len ha­ben. Reim ar­bei­tet für die „Be­ra­tungs­stel­le für mo­bi­le Be­schäf­tig­te“. Als es zu schlimm wur­de mit den Be­rich­ten über Miss­stän­de in der Fleisch­bran­che, wur­de die Ein­rich­tung aus der Tau­fe ge­ho­ben. Fi­nan­ziert vom Land Nie­der­sach­sen. Seit­dem fah­ren Reim, selbst Ru­mä­nin, und ei­ne bul­ga­risch­spra­chi­ge Kol­le­gin mit ei­nem VW Bul­li übers Land und hö­ren vor al­lem zu.

Cos­min Dra­go­mir sitzt ihr in ei­nem Eis­ca­fé in Lö­nin­gen ge­gen­über. Ein bul­li­ger Typ mit Ober­ar­men so ge­stählt, dass er sie kaum noch an­win­keln kann. Ja, von der Un­ter­kunft in Hem­mel­te hat er auch schon ge­hört. Er ver­zieht das Ge­sicht. Die schlech­ten Be­din­gun­gen dort sind be­rüch­tigt un­ter den Schlach­tern. In Dra­go­mirs Sät­ze ver­ir­ren sich deut­sche Wör­ter: Fleisch­sä­ge. Schnel­ler. Dop­pel­schicht. Be­fris­tung. Ab­mah­nung. Es ist die Spra­che die­ser Par­al­lel­welt. Wer ihr an­ge­hört, ver­steht, was ge­meint ist.

„Fer­tig-Ver­trag“, sagt Dra­go­mir und zeigt auf ei­nen Zet­tel. So nennt er die Kün­di­gung, die er von sei­nem Ar­beit­ge­ber er­hal­ten hat – ei­nem Su­b­un­ter­neh­men des Schlacht­hofs Da­nish Crown in Es­sen. In ei­ner Plas­tik­tü­te hat er das mit­ge­bracht, was von sei­nem Ar­beits­le­ben in Deutsch­land üb­rig ge­blie­ben ist: viel Pa­pier.

Er reicht es über den Tisch. Ei­ne lan­ge Nar­be zieht sich über die lin­ke Hand – ein Ar­beits­un­fall mit dem Schlach­ter­mes­ser. Ei­nen Schutz­hand­schuh trug er nicht. Wo­chen­lang fiel er aus, muss­te ope­riert wer­den. Als er zu­rück­kam in den Schlacht­hof, be­kam er Pro­ble­me mit den Kno­chen. Os­teochon­d­ro­se lau­te­te die Dia­gno­se, ei­ne Ver­schleiß-Krank­heit an den Band­schei­ben. Sein Ar­beit­ge­ber ent­ließ ihn we­nig spä­ter. Dra­go­mir kramt tie­fer in sei­ner Tü­te und zieht ein Ar­beits­zeug­nis her­vor. Der­sel­be Ar­beit­ge­ber lobt ihn: Ar­beits­men­ge, Ar­beits­tem­po und Ar­beits­qua­li­tät sei­en sehr gut. An­dert­halb Jah­re nach dem Schrei­ben setzt das Un­ter­neh­men ihn vor die Tür.

Da­nie­la Reim über­setzt Dra­go­mir die Do­ku­men­te, be­rät ihn in Sa­chen Ar­beits­lo­sen­geld und Kün­di­gungs­schutz­kla­ge. Das ist es, was sie ma­chen kann: den­je­ni­gen ir­gend­wie hel­fen, die aus dem Sys­tem her­aus­fal­len. Al­les le­gal.

Werk­ver­trag heißt das Kon­strukt, mit dem in der Fleisch­bran­che, aber auch in an­de­ren In­dus­tri­en ge­ar­bei­tet wird. Ein Su­b­un­ter­neh­mer schickt sei­ne Ar­bei­ter in ei­ne Fa­b­rik und be­kommt da­für Geld vom Fa­b­rik­be­sit­zer. Der ver­bucht die Ar­beits­kräf­te als Sach­kos­ten und kauft sich da­mit auch frei von Ver­ant­wor­tung. Zu­min­dest ju­ris­tisch. Aber mo­ra­lisch?

Als vor fünf Jah­ren zwei Ru­mä­nen in ei­ner Un­ter­kunft für Werk­ver­trags­ar­bei­ter der Mey­er Werft in Pa­pen­burg bei ei­nem Brand star­ben, wa­ren Ent­set­zen und Em­pö­rung groß. Mit der Hoff­nung auf ein biss­chen Wohl­stand wa­ren die Män­ner ins Ems­land ge­kom­men. In die Hei­mat zu­rück ka­men sie im Sarg.

Ihr Schick­sal wühl­te auf. Plötz­lich, so schien es, in­ter­es­sier­te sich die Ge­sell­schaft für die Men­schen, die in ih­rer Nach­bar­schaft woh­nen. Die Werft woll­te künf­tig ge­nau­er hin­schau­en. In die­sem Jahr mel­de­te sich ein Werk­ver­trags­ar­bei­ter mit schwe­ren Vor­wür­fen im Nach­rich­ten­ma­ga­zin „Spie­gel“zu Wort: 15-St­un­denSchich­ten, schim­me­li­ge Un­ter­kunft, du­bio­se Abrech­nun­gen. Es sind die­sel­ben Vor­wür­fe, mit de­nen auch Reim kon­fron­tiert wird. Im­mer noch und im­mer wie­der. Al­les ver­ges­sen und nichts ge­lernt?

Die Un­ter­neh­mer ver­wei­sen auf ih­re Su­b­un­ter­neh­mer. Und die ver­tei­di­gen sich wort­reich. Cos­min Dra­go­mir et­wa soll di­ver­se Ma­le ge­gen Hy­gie­ne­vor­schrif­ten ver­sto­ßen, un­ent­schul­digt ge­fehlt und ei­nen Kol­le­gen be­droht ha­ben. Am En­de steht oft­mals Aus­sa­ge ge­gen Aus­sa­ge. Auch im Fall des ehe­ma­li­gen Ar­bei­ters auf der Mey­er Werft, der sich dem „Spie­gel“an­ver­trau­te. Ei­ne Un­ter­su­chung im Auf­trag der Werft kam vor­läu­fig zum Er­geb­nis, dass sich die Vor­wür­fe nicht be­le­gen las­sen.

Die Schil­de­run­gen der bei­den Ru­mä­nen aber de­cken sich mit de­nen an­de­rer Ar­bei­ter. Sie be­rich­ten vom Druck der Vor­ar­bei­ter, von Zeit­ver­trä­gen, von Krank­heit, vom an­schlie­ßen­den Raus­wurf. Und von ei­ner Kon­trol­le des Zolls vor we­ni­gen Wo­chen. Die Be­am­ten ent­deck­ten da­bei 20 Frau­en und Män­ner mit ge­fälsch­ten ru­mä­ni­schen Aus­wei­sen im Schlacht­hof.

Als Mit­glie­der der Eu­ro­päi­schen Uni­on dür­fen Ru­mä­nen in Deutsch­land oh­ne Ein­schrän­kun­gen ar­bei­ten. Bei den Män­nern und Frau­en han­del­te es sich aber um Rus­sen, Ukrai­ner und Mol­da­wi­er oh­ne Auf­ent­halts­er­laub­nis. Sie wa­ren il­le­gal hier und so­mit il­le­gal in dem Schlacht­hof tä­tig. An­geb­lich war das nie­man­dem auf­ge­fal­len. Wie sie in das Un­ter­neh­men ka­men, ist un­klar. Die Ex-Kol­le­gen sa­gen, ein Vor­ar­bei­ter ha­be Be­scheid ge­wusst. Sie sa­gen auch, bei der Kon­trol­le sei nur ein Teil der Ar­bei­ter auf­ge­flo­gen, der an­de­re ha­be sich ver­steckt. Die Prü­fung des Zolls dau­ert an. Aus in­for­mier­ten Krei­sen heißt es, dem Schlacht­hof sind aus recht­li­cher Sicht wohl kei­ne Vor­wür­fe zu ma­chen. Dem Su­b­un­ter­neh­mer auch nicht.

Der Fall ist sym­pto­ma­tisch: Nie­man­dem soll auf­ge­fal­len sein, dass plötz­lich ver­meint­li­che Ar­bei­ter aus Ru­mä­ni­en am Schlacht­band stan­den, die gar kein Ru­mä­nisch spra­chen. Nie­mand wun­der­te sich, wo die Men­schen plötz­lich her­ka­men. War die Tar­nung so gut? Gab es Pro­fi­teu­re un­ter den Vor­ar­bei­tern, die den Be­trug deck­ten? Oder in­ter­es­sier­te es ein­fach nie­man­den, weil die Ar­beits­leis­tung stimm­te?

Die fal­schen Päs­se wa­ren of­fen­bar die Ein­tritts­kar­te in das Werk­ver­trags­sys­tem. Die Do­ku­men­te wür­den in Ost­eu­ro­pa auf der Stra­ße ver­kauft, be­rich­ten die Ar­bei­ter. Von du­bio­sen Mit­tels­män­nern, die gleich den Trans­fer nach Deutsch­land or­ga­ni­sie­ren. Mal für 250, mal für 500 Eu­ro. Statt Teil­ha­be an der Wohl­stands­ge­sell­schaft in Deutsch­land er­war­tet vie­le aber nur der Werk­ver­trag.

Die be­trof­fe­nen Un­ter­neh­men wol­len künf­tig al­les bes­ser ma­chen. Wie­der ein­mal. Da­nie­la Reim glaubt nicht dar­an. Statt­des­sen prüft sie Ge­halts­ab­rech­nun­gen. Von Su­b­un­ter­neh­men der Schlacht­hö­fe von Tön­nies in Sö­gel, von Wie­sen­hof in Loh­ne oder eben von Da­nish Crown in Es­sen. Mal wur­de der April-Lohn erst im Ju­ni aus­ge­zahlt, mal 500 Eu­ro als Ver­trags­stra­fe ab­ge­zo­gen, mal ver­schwan­den Ur­laubs­ta­ge trotz Krank­schrei­bung von der Abrech­nung. „Man soll­te mei­nen, dass das doch nicht wahr sein kann. Ist es aber“, sagt Reim.

Den Kopf schüt­telt sie dar­über schon lan­ge nicht mehr. Wo­zu auch? Der frag­wür­di­ge Um­gang mit den Men­schen aus Ost- und Süd­ost­eu­ro­pa ist All­tag. Reim und ih­re Kol­le­gin ste­hen dem Sys­tem fast macht­los ge­gen­über. Vie­le pro­fi­tie­ren da­von. Fast al­le schau­en weg. Ei­ner der we­ni­gen, die das nicht ge­tan ha­ben und nicht tun, ist der ka­tho­li­sche Geist­li­che Pe­ter Kos­sen. Mit als Ers­ter und dann im­mer und im­mer wie­der hat er die Miss­stän­de an­ge­pran­gert. Un­be­kann­te hin­ter­lie­ßen dar­auf­hin ei­nen Gruß vor sei­ner Haus­tür: ein to­tes, ge­häu­te­tes Ka­nin­chen. Kos­sen ließ sich nicht be­ir­ren und pre­dig­te wei­ter.

Die ka­tho­li­sche Kir­che ist in die­ser Re­gi­on nach wie vor ei­ner der ge­sell­schaft­li­chen Eck­pfei­ler. Nicht we­ni­ge glau­ben, der lie­be Gott ha­be beim enor­men wirt­schaft­li­chen Auf­schwung sei­nen Teil ge­leis­tet. Tat­säch­lich wa­ren es wohl eher der mas­si­ve Aus­bau der Tier­hal­tung und die vie­len Tau­send bil­li­gen Ar­beits­kräf­te aus dem Aus­land, die die­se Tie­re vor Ort schlach­ten. Kos­sen er­in­ner­te an die Nächs­ten­lie­be und dar­an, dass die Werk­ver­trags­schlach­ter da­von nicht aus­ge­klam­mert wer­den dür­fen. Er pre­dig­te ge­gen ein Sys­tem, dass zur Selbst­ver­ständ­lich­keit für die­je­ni­gen ge­wor­den war, die nicht dar­un­ter lit­ten.

In Vech­ta, soll­te man mei­nen, fand der Geist­li­che Ge­hör. Ka­tho­li­scher als Vech­ta ist wo­mög­lich nur noch der Va­ti­kan selbst. Tat­säch­lich wur­den Selbst­ver­pflich­tun­gen un­ter­schrie­ben, Kon­trol­len ver­schärft und so wei­ter. Doch die gro­ße Wen­de zum Bes­se­ren blieb wohl aus.

Am Tag der Ar­beit, am 1. Mai, hielt Kos­sen in Vech­ta auf ei­ner Ver­an­stal­tung des Deut­schen Ge­werk­schafts­bun­des ei­ne Re­de, die in Ton und In­halt an Ar­bei­ter­füh­rer des 20. Jahr­hun­derts er­in­ner­te. Von Aus­beu­tung sprach er. Und Mehr­klas­senGe­sell­schaft. Von Men­schen­händ­lern und Skla­ven­trei­bern. „Hier auf bes­se­re Ein­sicht oder auf Men­sch­lich­keit zu hof­fen ist lei­der na­iv und rea­li­täts­fern“, stell­te Kos­sen fest. Die In­ten­ti­on sei­ner Re­de war es, den Men­schen in der Re­gi­on die Au­gen zu öff­nen für das, was vor ih­rer Haus­tür pas­siert. Er be­kam Ap­plaus. Er­folg hat­te er of­fen­sicht­lich nicht.

Und so fährt Da­nie­la Reim wei­ter übers Land. Ver­sucht den vie­len Tau­sen­den aus­län­di­schen Ar­bei­tern zu hel­fen. Cos­min Dra­go­mir ist nicht mehr dar­un­ter. Er ist zu­rück­ge­gan­gen nach Ru­mä­ni­en. Hier will er erst ein­mal wie­der ge­sund wer­den. Und da­nach? Zu­rück nach Deutsch­land? Er muss nicht lan­ge über die Ant­wort nach­den­ken. Nie­mals, sagt er.

„ Auf bes­se­re Ein­sicht oder auf Men­sch­lich­keit zu hof­fen ist lei­der na­iv und rea­li­täts­fern.“Pe­ter Kos­sen, ka­tho­li­scher Geist­li­cher

„Man soll­te mei­nen, dass das doch nicht wahr sein kann. Ist es aber.“Da­nie­la Reim, So­zi­al­ar­bei­te­rin

Fo­to: ima­go/al­lO­ver-MEV

In Schlacht­hö­fen wird die Ar­beit meist von bei Su­b­un­ter­neh­men an­ge­stell­ten Schlach­tern er­le­digt.

Fo­to: dpa/Fri­so Gentsch

Müll im Hin­ter­hof ei­ner Ar­bei­ter­un­ter­kunft. Das Bild stammt von 2013.

Fo­to: Dirk Fis­ser

Blick in ei­ne Schlach­ter-Woh­nung.

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