Blu­ti­ger Tod ei­ner Herr­scher­fa­mi­lie

Vor 100 Jah­ren er­schos­sen rus­si­sche Re­vo­lu­tio­nä­re die Za­ren­fa­mi­lie

Neue Osnabrucker Zeitung - Lotte, Westerkappeln, Mettingen, Tecklenburg - - VORDERSEITE - Von Frie­de­mann Koh­ler und Joa­chim Heinz

JEKATERINBURG Vor hun­dert Jah­ren nahm die Ro­ma­now-Dy­nas­tie ein ge­walt­sa­mes En­de: Bol­sche­wis­ti­sche Re­vo­lu­tio­nä­re er­schos­sen den letz­ten rus­si­schen Za­ren Ni­ko­laus II. und sei­ne Fa­mi­lie. Heu­te wer­den die Op­fer der Blut­tat von vie­len als Mär­ty­rer ge­fei­ert.

In der Nacht zum 17. Ju­li 1918 wur­den der letz­te rus­si­sche Zar und sei­ne Fa­mi­lie er­mor­det. Für die Kir­che ist er schon ein Hei­li­ger, doch er wird auch po­li­tisch ver­klärt.

JEKATERINBURG

Der or­tho­do­xe Ober­pries­ter Ma­xim Min­jailo ver­ehrt Russ­lands letz­ten Za­ren zu­tiefst. „Der Herr­scher Ni­ko­laus II. ist für mich das Ober­haupt un­se­res Staa­tes, un­ser Va­ter, un­ser Mon­arch, un­ser Zar“, sagt der 43-jäh­ri­ge Geist­li­che. Ni­ko­laus ha­be „mit sei­nem gan­zen Le­ben und mit sei­nem Tod den Sieg des Gu­ten über das Bö­se be­zeugt“.

Min­jailo dient an ei­nem be­son­de­ren Got­tes­haus in der rus­si­schen Mil­lio­nen­stadt Jekaterinburg am Ural. Die „Kir­che auf dem Blut“steht an der Stel­le, an der vor 100 Jah­ren – in der Nacht vom 16. auf den 17. Ju­li 1918 – der ge­fan­ge­ne Zar und sei­ne Fa­mi­lie er­schos­sen wur­den. Die da­ma­li­gen neu­en Macht­ha­ber, die kom­mu­nis­ti­schen Bol­sche­wi­ki, mor­de­ten als Zei­chen ih­rer rück­sichts­lo­sen Ent­schlos­sen­heit.

Nach dem En­de der So­wjet­uni­on hat die rus­sisch-or­tho­do­xe Kir­che im Jahr 2000 den Za­ren we­gen sei­nes Mär­ty­rer­tods hei­lig­ge­spro­chen. Doch un­ter den Kup­peln der Blut-Kir­che geht es um mehr als ei­nen Hei­li­gen. Die Kir­che mit an­ge­schlos­se­nem Mu­se­um ist ein Wall­fahrts­ort für Mon­ar­chis­ten. Das ist zwar ei­ne Ran­der­schei­nung der rus­si­schen Po­li­tik, doch im Ver­ein mit der Amts­kir­che kei­ne ganz un­wich­ti­ge.

Russ­land wird un­ter Prä­si­dent Wla­di­mir Pu­tin ab­seh­bar ei­ne Re­pu­blik blei­ben. Aber die Ver­klä­rung des er­mor­de­ten Za­ren wird zu­ge­las­sen. Sie ge­hört zur Rück­be­sin­nung auf ein or­tho­do­xes, ei­gen­stän­di­ges und nicht mit dem Wes­ten Eu­ro­pas ver­bun­de­nes Russ­land.

So weht ne­ben der Kir­che nicht die rus­si­sche Tri­ko­lo­re, son­dern die Flag­ge des ver­lo­re­nen Za­ren­reichs: in Schwarz-Weiß-Gelb mit Dop­pel­ad­ler. Zu Got­tes­diens­ten und Pro­zes­sio­nen an­läss­lich des Jah­res­ta­ges wer­den Pa­tri­arch Ki­rill und et­wa 100 000 Men­schen er­war­tet – der nächs­te Zustrom nach Jekaterinburg, kaum dass die Be­su­cher der Fuß­ball-WM aus der Stadt 1400 Ki­lo­me­ter öst­lich von Mos­kau ab­ge­reist sind.

Pa­ter Ma­xim sieht die Mon­ar­chie als „zwei­fel­los voll­kom­mens­te Form“, ei­nen Staat zu len­ken. Und für den Geist­li­chen mit dem ty­pi­schen lan­gen Bart be­schränkt sich die Hei­lig­keit von Ni­ko­laus II. nicht auf den wi­der­stands­los er­lit­te­nen Tod. Be­geis­tert deu­tet er den Za­ren als Chris­tus-ähn­li­che Fi­gur: Auch Ni­ko­laus II. sei „ver­kannt, er­nied­rigt und er­mor­det“wor­den. Im Mu­se­um wird den Be­su­chern er­klärt, wie gut es Russ­land un­ter die­sem Kai­ser ging.

Das deckt sich nicht mit dem Bild, das welt­li­che His­to­ri­ker von dem letz­ten Za­ren der Ro­ma­now-Dy­nas­tie ha­ben. „Ni­ko­laus II. ist ei­ne

tra­gi­sche Fi­gur der rus­si­schen Ge­schich­te im 20. Jahr­hun­dert“, sag­te Pro­fes­sor Ni­ko­laus Kat­zer, Di­rek­tor des Deut­schen His­to­ri­schen In­sti­tuts in Mos­kau, der Deut­schen Pres­se-Agen­tur.

Er war ein schwa­cher, zö­ger­li­cher Herr­scher, des­sen Reich sich rasch mo­der­ni­sier­te, der aber starr an der Selbst­herr­schaft fest­hielt. In der Fe­bru­ar­re­vo­lu­ti­on 1917 muss­te Ni­ko­laus II. ab­dan­ken. Die Fa­mi­lie wur­de nach To­bolsk in Si­bi­ri­en ver­bannt. Mit der Ok­to­ber­re­vo­lu­ti­on 1917 fie­len sie in die Hän­de ih­rer ärgs­ten Geg­ner, der Bol­sche­wi­ki um ih­ren An­füh­rer Le­nin. Die Ge­fan­ge­nen wur­den nach Jekaterinburg ver­schleppt und im Haus des In­ge­nieurs Ni­ko­lai Ipat­jew ein­ge­sperrt.

Den Her­gang des ver­häng­nis­vol­len Abends schil­dert der bri­ti­sche His­to­ri­ker und Pu­bli­zist Si­mon Se­bag Mon­te­fio­re in sei­nem opu­len­ten Pan­ora­ma „Die Ro­ma­nows“. Mit­ten in der Nacht ließ Kom­man­dant Ja­kow Ju­row­ski dem­nach die Za­ren­fa­mi­lie und die bei ihr ver­blie­be­nen Be­diens­te­ten we­cken, an­geb­lich, um sie we­gen Un­ru­hen in Jekaterinburg an ei­nen si­che­ren Ort zu brin­gen.

Der Zar, Kai­se­rin Alexandra, ih­re vier Töch­ter Ol­ga, Tat­ja­na, Ma­ria und Ana­stas­si­ja so­wie der Thron­fol­ger Ale­xej muss­ten sich im Kel­ler ver­sam­meln. Sie wur­den auf­ge­reiht wie zu ei­nem Fo­to, doch dann er­öff­ne­ten Sol­da­ten das Feu­er. Die Mör­der mach­ten die Lei­chen un­kennt­lich und ver­scharr­ten sie in ei­nem Schacht au­ßer­halb der Stadt. Erst Jahr­zehn­te spä­ter wur­den die Ge­bei­ne ge­fun­den und bis 2008 iden­ti­fi­ziert.

War­um muss­ten der Zar und sei­ne Fa­mi­lie ster­ben? „Es war ein Zei­chen bru­ta­ler Ent­schlos­sen­heit der Bol­sche­wi­ki in ei­ner Si­tua­ti­on, die für sie be­droh­lich war“, sagt Kat­zer. Sie fürch­te­ten im Bür­ger­krieg ei­ne Be­frei­ung der Fa­mi­lie durch wei­ße Trup­pen, die auf die rot re­gier­te Stadt vor­rück­ten. Ein­deu­ti­ge Be­le­ge für ei­nen Mord­be­fehl aus Mos­kau gibt es nicht, In­di­zi­en deu­ten dar­auf hin. „Ich hal­te es für un­wahr­schein­lich, dass es ei­ne ei­gen­stän­di­ge Ak­ti­on der Bol­sche­wi­ki in Jekaterinburg war“, sagt Kat­zer. Der Ost­eu­ro­pa-His­to­ri­ker Mar­tin Aust sieht die his­to­ri­sche Fak­ten­la­ge ein­deu­tig: „Letz­ten En­des hat Le­nin die Er­schie­ßungs­ak­ti­on in Jekaterinburg an­ge­ord­net.“

Die Er­mor­dung der aus Hes­sen stam­men­den Kai­se­rin Alexandra und der Kin­der sei ei­ne ört­li­che Ei­gen­mäch­tig­keit ge­we­sen, sagt der Lo­kal­his­to­ri­ker Wi­ta­li Scht­schi­tow. In der Stadt, die zu so­wje­ti­schen Zei­ten Swerdlowsk hieß, war die dunk­le Ge­schich­te des Ipat­jew-Hau­ses ein nur halb ge­hü­te­tes Ge­heim­nis. 1977 ließ der ört­li­che Par­tei­chef Bo­ris Jel­zin, der spä­te­re rus­si­sche Prä­si­dent, das Haus ab­rei­ßen, weil es „un­ge­sun­des In­ter­es­se“bei Mon­ar­chis­ten her­vor­rief.

2002 wur­de die „Kir­che auf dem Blut“ein­ge­weiht, Ma­xim Min­jailo ist seit da­mals ei­ner ih­rer Pries­ter. „Das ist ein Ge­denk­ort un­se­res Vol­kes“, sagt er.

Fo­to: dpa/ITAR-TASS

Der letz­te Zar:

Ni­ko­laus II. mit sei­ner Frau Alexandra Fjo­do­row­na (l.) und sei­nen Kin­dern (v.l.) Ma­ria, Tat­ja­na, Ol­ga, Ana­st­a­sia und Ale­xej (vorn).

Fo­to: Wi­ki­pe­dia

Die fal­sche Toch­ter: Ana­st­a­sia Ma­nahan, die sich An­na An­der­son nann­te, gab sich als Za­ren­toch­ter Ana­st­a­sia aus.

Fo­to: ima­go/Lee­mage

Der Zar als Ge­fan­ge­ner: Ni­ko­laus II. in Zars­ko­je Se­lo, we­ni­ge Mo­na­te nach sei­ner Ab­dan­kung.

Fo­to: ima­go stock & peop­le

In die­sem Kel­ler­raum in Jekaterinburg soll die Fa­mi­lie er­mor­det wor­den sein.

Fo­to: ima­go/ITAR-TASS

Die mensch­li­chen Über­res­te des Za­ren wur­den erst Jahr­zehn­te spä­ter ent­deckt.

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