So­zi­al­ver­band ver­langt Pfle­ge­geld ähn­lich wie El­tern­geld

VdK-Che­fin Ben­te­le drängt auf schnel­le Ver­bes­se­run­gen / „So­fort­pro­gramm ist Trop­fen auf den hei­ßen St­ein“

Neue Osnabrucker Zeitung - Lotte, Westerkappeln, Mettingen, Tecklenburg - - POLITIK - Von Uwe West­dörp

OS­NA­BRÜCK Mehr Stel­len und bes­se­re Ar­beits­be­din­gun­gen in der pro­fes­sio­nel­len Pfle­ge, aber auch mehr An­er­ken­nung und Un­ter­stüt­zung für pfle­gen­de An­ge­hö­ri­ge: Ve­re­na Ben­te­le, neue Prä­si­den­tin des So­zi­al­ver­bands VdK Deutsch­land, drängt im In­ter­view mit un­se­rer Re­dak­ti­on auf schnel­le Ver­bes­se­run­gen. „Je­der Tag zählt“, sagt sie.

Frau Ben­te­le, seit Jah­ren wird in Deutsch­land über ei­nen Pfle­ge­not­stand ge­klagt. Jetzt soll es ein So­fort­pro­gramm zur Schaf­fung neu­er Stel­len ge­ben, das al­ler­dings erst An­fang 2019 in Kraft tritt. Hat die Bun­des­re­gie­rung die Dring­lich­keit der Si­tua­ti­on im­mer noch nicht voll er­kannt?

Die Bun­des­re­gie­rung hat die Dring­lich­keit zwar er­kannt. Das hat aber nicht da­zu ge­führt, dass auch schnell und kon­se­quent ge­han­delt wird. Es ist seit Jah­ren be­kannt, dass wir ei­nen rie­si­gen Pfle­ge­not­stand ha­ben. Der So­zi­al­ver­band VdK geht da­von aus, dass wir 60 000 zu­sätz­li­che Stel­len in der Al­ten- und Kran­ken­pfle­ge be­nö­ti­gen. Da wün­sche ich mir, dass die Ge­sund­heits­mi­nis­ter so­fort re­agie­ren und nicht erst 2019. Wir ha­ben jetzt die Pro­ble­me, dass in vie­len Ein­rich­tun­gen die Pfle­ger feh­len, dass es zu we­nig am­bu­lan­te An­ge­bo­te gibt und zu we­nig Kurz­zeit-Pfle­ge­plät­ze. Je­der Tag zählt.

Sie for­dern 60 000 neue Stel­len in der Pfle­ge, an­de­re Ex­per­ten so­gar

100 000. Die Bun­des­re­gie­rung will mit ih­rem So­fort­pro­gramm aber zu­nächst nur 13 000 zu­sätz­li­che Stel­len schaf­fen – nur ein Trop­fen auf den hei­ßen St­ein?

Das So­fort­pro­gramm ist tat­säch­lich nur ein Trop­fen auf den hei­ßen St­ein. Es müs­sen drin­gend wei­te­re Schrit­te fol­gen. Zwar weiß nie­mand ganz ge­nau, wie vie­le Stel­len wirk­lich feh­len. Viel­leicht sind es so­gar 100 000. Es feh­len aber auf je­den Fall vie­le Stel­len. Das ist ein drin­gen­des Si­gnal, end­lich mehr zu tun bei den Pfle­ge­kräf­ten und da­mit na­tür­lich auch für die Pfle­ge­be­dürf­ti­gen.

Wenn man sich das So­fort­pro­gramm im De­tail an­schaut: Was än­dert sich für die ein­zel­ne Pfle­ge­kraft, wenn es bei 40 Be­woh­nern in Al­ten­pfle­ge­hei­men ei­ne hal­be zu­sätz­li­che Stel­le gibt und bei 81 bis 120 Be­woh­nern 1,5 zu­sätz­li­che Stel­len?

Es än­dert sich, dass man im Ein­zel­fall ein paar Mi­nu­ten mehr Zeit hat für die zu Pfle­gen­den. Ei­ne ech­te Ver­bes­se­rung ist das noch lan­ge nicht. Die Ar­beits­be­din­gun­gen müs­sen grund­le­gend ver­bes­sert wer­den – auch da­mit Pfle­ge­rin­nen und Pfle­ger ih­ren Job län­ger aus­üben kön­nen und nicht vor­zei­tig aus dem Job aus­schei­den.

Wie lan­ge blei­ben Pfle­ge­kräf­te denn in der Re­gel im Job?

Die Ver­weil­dau­er im Be­ruf in der Al­ten­pfle­ge ist mit et­wa 12,7 Jah­ren nied­rig. Auch das zeigt: Der Job ist ex­trem an­stren­gend, so­wohl kör­per­lich als auch psy­chisch.

Wie schlimm ist die Si­tua­ti­on für die ganz al­ten Men­schen? Dia­ko­nie-Prä­si­dent Ul­rich Li­lie mahnt schon, der as­sis­tier­te Sui­zid könn­te für vie­le zur „Al­ter­na­ti­ve“wer­den. Klingt dra­ma­tisch…

Die La­ge ist in je­dem Fall sehr ernst, ge­ra­de bei den sehr al­ten Men­schen. Das muss sich drin­gend än­dern. Ei­ne Ge­sell­schaft wie un­se­re muss in je­der Pha­se ei­ne gu­te Teil­ha­be und ein Le­ben in Wür­de er­mög­li­chen. Wir al­le ha­ben ein Recht auf ein gu­tes Le­ben, das ist nicht ver­han­del­bar. Es kann nicht sein, dass man Men­schen, die ei­nen gro­ßen Bei­trag ge­leis­tet ha­ben für un­se­ren Wohl­stand, die ei­nen gro­ßen Bei­trag ge­leis­tet ha­ben durch die Er­zie­hung von Kin­dern, am En­de im Stich lässt.

Was hal­ten Sie da­von, Pfle­ge­rin­nen und Pfle­ger mit Prä­mi­en zu lo­cken? Der Pfle­ge­be­auf­trag­te Andre­as Wes­ter­fell­haus schlägt 5000 Eu­ro für Be­rufs­rück­keh­rer vor und 3000 Eu­ro für Be­rufs­ein­stei­ger.

Das könn­te ei­ne Maß­nah­me sein, al­ler­dings nur ei­ne von vie­len. Mir fehlt da­bei aber der Hin­weis, dass die Kos­ten für die Prä­mi­en nicht die zu Pfle­gen­den zah­len müs­sen. Die An­wer­bung zu­sätz­li­cher Pfle­ge­kräf­te muss über Steu­ern fi­nan­ziert wer­den.

Was muss au­ßer­dem ge­sche­hen, da­mit mehr Men­schen den Be­ruf der Pfle­ge­rin be­zie­hungs­wei­se des Pfle­gers er­grei­fen?

Drin­gend not­wen­dig ist, dass die Aus­bil­dung end­lich über­all kos­ten­los wird; Schul­geld hat vie­le jun­ge Men­schen ab­ge­schreckt. Zwei­tens muss es ei­ne deut­lich bes­se­re Be­zah­lung ge­ben, und zwar bei al­len Ar­beit­ge­bern. Drit­tens brau­chen die Pfle­ge­rin­nen und Pfle­ger mehr Zeit, sich um die Men­schen zu küm­mern. Wir müs­sen ih­nen das Ge­fühl neh­men, der Auf­ga­be nicht ge­recht zu wer­den. Vier­tens muss es Ent­las­tungs­an­ge­bo­te für die Pfle­ge­kräf­te ge­ben. Ich den­ke da un­ter an­de­rem an Ge­sund­heits­för­der­pro­gram­me. Und schließ­lich soll­ten Pfle­ge­kräf­te ihr Be­rufs­bild mit­be­stim­men kön­nen, und wir soll­ten ih­nen mehr Kom­pe­ten­zen ge­ben, Din­ge zu tun, die sie ge­lernt ha­ben.

Wie steht es Ih­rer An­sicht nach um das ge­sell­schaft­li­che Ver­ständ­nis für das The­ma Pfle­ge?

Pfle­ge fin­det meist noch im Ver­bor­ge­nen statt und ge­nießt nicht die An­er­ken­nung, die die im­mens for­dern­de und wich­ti­ge Tä­tig­keit ver­dient. Das spie­gelt sich auch im Ge­halt der Pfle­ge­kräf­te wi­der. Ei­ne ganz wich­ti­ge Grup­pe sind die pfle­gen­den An­ge­hö­ri­gen. Oh­ne ih­ren Ein­satz wür­de die Pfle­ge in Deutsch­land zu­sam­men­bre­chen. Die An­ge­hö­ri­gen­pfle­ge ist zwar für den Steu­er- und Bei­trags­zah­ler kos­ten­güns­tig. Den Preis da­für zah­len oft die pfle­gen­den An­ge­hö­ri­gen, sie sind hoch be­las­tet, ge­ben ih­ren Be­ruf auf, ver­zich­ten auf Ein­kom­men und müs­sen mit nied­ri­gen Ren­ten aus­kom­men. Des­halb brau­chen wir drin­gend mehr Un­ter­stüt­zung und Ent­las­tungs­an­ge­bo­te für pfle­gen­de An­ge­hö­ri­ge. Au­ßer­dem muss Pfle­ge end­lich den­sel­ben Stel­len­wert be­kom­men wie Kin­der­er­zie­hung. Ei­ne Lohn­er­satz­leis­tung wie das El­tern­geld brau­chen wir auch in der Pfle­ge.

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Fo­to: dpa

Ve­re­na Ben­te­le

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